Alexander Zorniger: Absoluter Fehlstart beim VfB. Das Team hat das System noch nicht verstanden. Wie flexibel ist der VfB-Coach?

Klar, die Saison ist noch frisch, aber mit drei Niederlagen zu starten, ist nicht gerade die Art, die einem Alexander Zorniger gefällt. Alle sprachen bisher davon, dass man bereits eine Handschrift Zornigers erkennen könne – und das trotz der Niederlagen! Fakt ist, die Zeit während der Vorbereitungsphase reichte nicht aus, um den Spielern, einige neue darunter, das neue System zu vermitteln. Der einzige Vorteil Zornigers dürfte momentan der sein, dass Sportchef Robin Dutt (s)ein guter Freund ist, und beide als nüchterne Analysten gelten. Fakt ist aber auch, diesen Fehlstart hatten sie am Wasen nicht einkalkuliert. Der Gmünder „Alex“ Zorniger ist ein Fachmann, was er ja bei RB Leipzig bewiesen hat. Mit zwei Aufstiegen in Folge. Aber, verfolgt man seine Biographie und unterhält sich mit ehemaligen Spielern, stößt man auch immer wieder auf die Beschreibung, Zorniger sei ein „Dickkopf“ und könne oft auf stur schalten. Mit nun mehr sechs Niederlagen bei nur einem Sieg (in Hannover) braucht der VfB nun sehr gute Argumente, um Alexander Zorniger zu halten. Momentan überwiegen Sturheit (bei Dutt wie Zorniger) und mangelnde Professionalität! Seit wenigen Stunden(24.11.15) wissen wir, dass „AZ“ alternativlos gescheitert ist beim VfB. Interessant bleibt diese Trainer-Biographie dennoch.

Um Zorniger zu verstehen, haben wir einen alten Artikel vorgeschoben, und beobachten ihn weiter.

Lokalnachrichten

» Sport | Donnerstag, 07. Mai 2009

Heldts geheime Notizen

Das Freundschaftsspiel gegen den VfB hatte noch einen Tag später Spuren hinterlassen – der ein oder andere Akteur fand erst in den frühen Morgestunden in den Schlaf. Das Match war ein schönes und aufwühlendes Ereignis, besonders für Trainer Alexander Zorniger und seinen Mittelfeldspieler, der Torschütze des Führungstreffers, Dominik Kaiser. Den einen hat der VfB bereits, am anderen sind die Macher vom Wasen dran. Von Giovanni Deriu

Es will schon was heißen, wenn ein Typ wie Alexander Zorniger, der seine Gefühlswelt nicht so nach Außen kehrt, zugibt, dass er erst „ziemlich spät“ oder eher „früh am Morgen“ in den Schlaf fand, nach dem Freundschaftsspiel gegen den VfB Stuttgart, und gegen seinen Freund, dem Europameister Markus Babbel. So ganz cool ist auch Zorniger nicht, wenn er dann mit fast 3 500 Zuschauern, die ganz nah dran gewesen sind, konfrontiert wird. Er habe die Erwartungshaltung des Publikums schon gespürt, gab Zorniger zu. Er ahnte schon, als er früh am Nachmittag im Schwerzer ankam, und die belegten Parkplätze sah, wie viele Zuschauer zum Freundschaftskick kommen würden.
Auch sein Team sei, anders als sonst, ein wenig unruhig gewesen, was Zorniger beim Warmmachen und den Torschüssen merkte. „Die Jungs waren positiv nervös“, hielt der scheidende Coach fest. Im Spiel jedoch, sei es jedem Spieler egal, ob er vor „250 oder 2 500 Leuten“ spiele. Genauso traten seine Normannen dann auch an. Ohne Furcht und Tadel. In der ersten Halbzeit passte alles. Die 1:0-Pausenführung schoss Dominik Kaiser heraus. Ein Held, der kleine Kaiser. Der stand früh morgens bereits in der Klosterbergschule als Zivi seinen Mann, und betreute die paar wenige Kinder, die da waren. Viele Schüler fehlten, weil „pädagogischer Tag“ gewesen sei. Dafür waren umso mehr Lehrer da, die Dominik zum Treffer gegen den VfB gratulierten. Auch ein paar Kinder im Hintergrund freuten sich mit Dominik Kaiser. Außerdem, so Normannias Mittelfeld-​Talent, seien einige Schüler und Lehrer im Stadion live dabei gewesen. Er habe dagegen sehr gut schlafen können, weil er „einfach platt“ gewesen sei, nach der Laufarbeit im Spiel.
Die Normannen waren konditionell an ihre Grenzen gegangen, und hatten dem VfB gut Paroli geboten. Dominik wollte das Tor in dieser Situation auch machen, gab er offen zu, denn die Kombination zwischen seinen Kameraden Catizone und Faber sei einfach genial gewesen, blickte Dominik zufrieden zurück.
Alexander Zorniger pflichtete bei: „Es war toll, wie Dominik als Mittelfeldspieler in die Spitze hineinschoss“, und die Viererkette des VfB somit in Verlegenheit brachte. Coach Zorniger war mit dem Spiel seiner Mannschaft „sehr zufrieden“. Denn die Normannen hätten sehr gut Überzahlsituationen geschaffen, dadurch hätten sich „Boka und Simak“ nie entfalten können, resümierte Zorniger.
Der FCN hatte den VfB also zusätzlich beeindruckt. Horst Heldt hatte den Namen Dominik Kaisers nicht in einen Block notiert, sondern in seinen Blackberry getippt und – abgespeichert. Mit einem Lächeln meinte Horst Heldt, ganz locker, von Meisterschafts-​Anspannung keine Spur: „Ich habe mir zwei Namen notiert…“

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Bild: zugeschickter Screenshot zu Alex
Zorniger
Naja, Alexander Zorniger kannte er ja bereits. Was auf der Pressekonferenz noch nicht vollzogen wurde, fand dann gestern das Echo. „Ich habe unterschrieben“ teilte Zorniger mit, nach dem auch Markus Babbel beim VfB verlängert hatte. Die beiden kennen und schätzen sich seit ihrer gemeinsamen Zeit in Hennef, wo sie ihren „A-​Schein“ miteinander bestanden haben. Bei den Fach-​Diskussionen auf den gemeinsamen Autofahrten hatte Alexander Zorniger wohl Eindruck bei Babbel hinterlassen. Zorniger über seinen neuen Chef: „Er ist authentisch, und schafft es, alle im Kader, mit einzubeziehen“, vom Busfahrer bis zu den Spielern. Jeder sei wichtig. Unverwechselbar die Ähnlichkeiten zu Zornigers Philosophie der Mannschaftsführung, denn auch Gmünds Coach beobachtet die Umgebung genau, und freute sich stets darüber, wie die ganze Bank mit den Spielern auf dem Feld mitfieberte. Zorniger denkt dabei an „Doktor Wacker, oder Physio Elmar Burkhardt“, die stets die Spieler anfeuern, und alles für sie tun.
Natürlich sei es, so Zorniger, eine große Auszeichnung, wenn ein früherer Top-​Spieler wie Markus Babbel, ihn, „Alex Zorniger“, auch als Typen und Fachmann schätze. Zorniger schätzt sich, in einem Anflug von Reflexion, so ein: „Natürlich denken viele, ich würde oft meinen Mund zu weit aufreißen“ , doch was er von anderen verlange, setze er bei sich selbst auch voraus. Das wollte er stets vorleben und fügt an: „Mein letztes Spiel hier wird bestimmt nicht einfach für mich…“ Und lässt in sein Innenleben einblicken, was so nicht üblich ist bei Zorniger.
Der Trainer geht, ein neuer Pächter kommt. Das Vereinslokal der Normannia, leitet von nun an Günther Klompmaker, der Küchenmeister aus Herlikofen. Mit seiner Frau Angelika und dem Team betreute er den VIP-​Bereich. Die Klompmakers kredenzten meisterlich gesund. Kleine Häppchen und leckere Steaks vom Grill. Zorniger aß vom Meisterkoch – und zum Meister VfB wechselt er.
Das ist also Vergangenheit, auch dass das Gastspiel damals mit Babbel beim VfB bereits nach kurzer Zeit endete. Von damals weiß man auch, dass ihn viele gestandene Profis nicht wirklich ernst nahmen, was  bitteschön, habe ein Zorniger  z. B. als Spieler erreicht? Zorniger spielte nur unterklassig, Verbands- bzw. Oberliga, und seine Spielweise, so ein ehemaliger Trainer war von „Kampf und weniger von Spiel“ geprägt.
Die Spieler begegneten ihm mit viel Argwohn, da Zorniger als „Assistent“ gern Kondition bolzen ließ und taktische „Trockenübungen“ ohne Ball einüben wollte. Zorniger übernahm das, was Babbel so nicht konnte. Gebracht hat es damals beim VfB nichts, Zorniger landete nach der Zwischenstation SG Sonnenhof, mit der er beinah in die 3. Liga aufgestiegen wäre, bei den Bullen von Leipzig.
Dort konnte Zorniger quasi bei Null beginnen, man stellte ihm „unbekannte“ Talente zur Verfügung, junge zudem, und Zorniger war der Chef der Manege. Alle folgten ihm, fraßen ihm aus der Hand, stellten quasi nichts in Frage. Dominik Kaiser, der Leipziger Spielmacher, kannte Zorniger bereits als Trainer bei der Normannia aus Gmünd. Kaiser war stets des Trainers verlängerter Arm auf dem Feld und konnte immer wieder Zornigers schwäbischen Dialekt ins Hochdeutsche übersetzen.
Denn bei Alexander Zorniger, der einst beim württembergischen Tennisverband tätig war, steht eins fest: Er kann alles außer Hochdeutsch, und wie zum Trotz bleibt er seiner schwäbischen Mundart treu. Authentizität pur, aber die wirkt fast schon schrullig im Bundesligageschäft und besonders bei den internationalen Spielern. Englischkenntnisse? Nicht überliefert, eher ein Kauderwelsch. Aber, so wird beim VfB und aus Leipzig immer wieder kolportiert, Zorniger spreche so viel auch nicht, nur bei Taktikbesprechungen – kritische Fragen der Spieler? Unerwünscht. Der Coach lasse lieber zeigen und rede nur wenn die „Chemie absolut“ stimmen würde. Mitunter wirke Zorniger bärbeißig und gerade so, als hätte man ihn beim Mittagsschläfchen geweckt. Er schaut oft grimmig drein, doch dafür kann er ja nichts. Sich richtig mit den Spielern freuen? Bitte nicht zu viel Körperkontakt, wie man beim Jubel von Daniel Ginczek sah, als er in Hamburg auf Zorniger zulief und ihn von hinten ansprang. Zornigers Befreiung aus der Umklammerung sah unbeholfen und streng zugleich aus.
Jedenfalls geht derzeit etwas gründlich schief beim VfB, die Vorbereitungsphase reichte demnach nicht aus.
Eventuell ist das Spielsystem, das ja sehr laufintensiv sei, doch nicht das Richtige für diesen Kader, für diese Spieler(?). Diese Frage muss erlaubt sein, denn die Niederlagen sprechen eine eindeutige Sprache. Heuer das 1:4 gegen die Eintracht, was hilft es, wenn gute Ansätze und Chancen da sind, wie auch gegen Köln und in Hamburg, die Abwehr aber schwächelt und die Gegner die Tore ganz einfach machen?
Dass Zorniger ein Experte und Fachmann ist, bestreitet niemand, doch den Beweis, dass er es auch weiter oben (selbst in der 2. Bundesliga) als Chefcoach kann, muss noch folgen.
Die Frage wird sein, platzt der Knoten beim Team und werden die Spieler das Spielsystem noch verstehen lernen, oder aber muss Zorniger vielleicht doch sich selbst hinterfragen (was viele bezweifeln), und eine neue (alte) Spielweise zeitnah implementieren, damit die Punkte folgen.
Interessant wird auch sein, wie lange der VfB mit Robin Dutt am schwäbischen „König Alexander“ von Gmünd (Aufstieg und WFV-Pokalsieger) und Leipzig festhält?
In Leipzig selbst war Zorniger trotz der Erfolge am Ende nimmer tragbar mit seiner „selbstherrlichen“ Art. Sportdirektor Rangnick, man kannte sich lang und schätze sich sehr, traute Zorniger jedenfalls den Aufstieg in die 1. Bundesliga, den nächsten wichtigen Schritt für RB, nicht zu. Fast beleidigt oder angefressen wirkte Zorniger am Ende. Allerdings hatte Fußballlehrer Zorniger schon früh prophezeit, dass es wohl in der momentanen Situation damals in Leipzig, auch nicht klappen würde. Wie schrieb er einmal in einer Message? „Viele wollen hier zu viel auf einmal, und schätzen die Lage nicht richtig ein…“.
Das trifft womöglich auch beim VfB momentan zu. Aber für Veränderungen wurde eben exakt Zorniger geholt. Das ist sein Dilemma im Moment.
Festhalten am Spielsystem und mit ihm scheitern, oder etwas modifizieren, und seine Handschrift plötzlich verändern (müssen)?
Strategisch machte Zorniger bisher nur eines richtig, im Vorfeld besuchte der schwäbische Coach alle Fanclubs und erklärte ihnen seine Ziele und das neue System. Die Fanclubs verstanden es – Zornigers Schwäbisch und die zukünftige Spielweise. Die Spieler hingegen nicht!
Noch stehen die Fans hinter Zorniger und dem VfB, weil bereits leidgeprüft.
Dass der Draht zu Huub Stevens steht, ist wirklich nur ein böses Gerücht.
Eventuell fehlt aber auch nur Zornigers verlängerter und ordnender Arm auf dem Feld. Zum Beispiel sein „Zögling“ aus Schwäbisch Gmünd, derzeit noch bei RB Leipzig: Dominik Kaiser.
p.s.: in der Zwischenzeit, nach dem 0:4 daheim gegen den, bis dato Tabellenletzten,  FC Augsburg, und damit 9 Niederlagen nach 13 Spieltagen(!), wurde Alexander Zorniger, am Dienstag, den 24.11.15 , entlassen. Zorniger, und das schreibt der Großteil der Medien, scheiterte an sich selbst. Er sah seine Spielphilosophie und sich selbst als „alternativlos“…

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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