Aufstiegscoach Erdal Kalin, FC Heidenheim (U17): „Ein Team mit Charakter zu haben, ist fast wertvoller als der Aufstieg!“

Für manche mag ein Aufstieg von der Verbandsstaffel in die EnBW-Oberliga Baden-Württemberg vielleicht nichts besonderes sein, für die Spieler und den Trainerstab um Erdal Kalin war es das aber schon! (Kurz, es war ein Karriere-Highlight für alle) ! Schließlich schafften sie es mit dem U17-Team des FC Heidenheim! Und da spürt man den ambitionierten Druck eines Profi-Zweitligisten bereits im Juniorenbereich. Interessant ist die Personalie von Erdal Kalin, 43, auch deshalb, weil der Coach mit der Uefa-A-Lizenz vom Herrenbereich (Bezirksliga) zur Heidenheimer U17 wechselte. Jedes Juniorenteam eines Proficlubs wird als „Unterbau“ gesehen. Jedenfalls machte Kalin und sein Team alles richtig. Zwei Siege setzte es als Meister in der Aufstiegsrelegation gegen Ravensburg (2:1; 1:0). Trainer Kalin, Familienvater und zudem Industriemechaniker von Beruf, hantierte gekonnt an den Stellschrauben des Teams, und gab uns ein Interview, nachdem sich der Trubel wieder gelegt hat.

 

Hallo, Herr Kalin, in welchem Spiel der Aufstiegsrelegation zur EnBW-Oberliga haben Sie mehr mitgefiebert und mitgezittert? Beim 2:1-Sieg in Ravensburg oder daheim beim letztendlich entscheidenden 1:0 ?

E. K.: In beiden Spielen habe ich mit den Jungs mitgefiebert. Dass die Spiele gegen Ravensburg nicht einfach werden, war mir und meinem Team klar, doch wir haben an uns geglaubt und waren von unserem Potential überzeugt. Wenn man beide Spiele zusammenfasst, dann waren wir die effektivere Mannschaft. Es war ein verdienter Aufstieg.

Die Stuttgarter Kickers waren Ihrem Team stets dicht auf den Fersen, was gab letztendlich den Ausschlag, dass es Ihrem U17-Team zur Meisterschaft reichte?
E. K. : Letztendlich waren wir die konstanteste Mannschaft. Wir wollten unbedingt diese Meisterschaft, waren von 26 Wochen 23 Wochen Tabellenführer, haben 14 mal keinen Gegentreffer zugelassen, stellten die stärkste Offensive und Defensive der Liga. Wir sind als eine Einheit aufgetreten und haben auch Rückschläge gemeinsam gemeistert und in den entscheidenden Spielen war die Mannschaft auch immer da.
War der Aufstieg eigentlich „Pflicht“, wurde er klar als Ziel formuliert, immerhin übernahmen Sie vor der Saison ein fast komplett neues Team…(?)
E. K. : Pflicht, nein! Wir waren die einzige U-Mannschaft im Leistungsbereich des FCH die am ersten Tag schon gesagt hat, das sie Meister werden und aufsteigen will. Wir wollten die Ersten im B-Juniorenbereich sein, die in die Oberliga aufsteigen. Die Mannschaft und das Trainerteam haben immer daran geglaubt. Vierzehn neue Spieler zu integrieren ist sicherlich nicht einfach, doch wir haben ein tolles Team geformt, dass auch Werte wie Freundschaft, Respekt, Disziplin gelebt hat. Der Druck stieg natürlich, als die U19 vorzeitig den Aufstieg in die Bundesliga perfekt gemacht hat, trotzdem haben wir uns nicht beirren lassen und sind unseren Weg gegangen, so dass nun die Spanne, also der Unterschied, nicht all zu groß ist zwischen der U19 und der U17.
Herr Kalin, wie kamen Sie eigentlich zum 1. FC Heidenheim, da Sie ja davor eher einen Namen bei den aktiven Herrenteams hatten…?
Ich war als Trainer beim Bezirksligisten FV Sontheim tätig und wir hatten einen guten Lauf; wir waren Zweiter und standen im Halbfinale des Bezirkspokals, als Ende November ein Anruf vom FCH kam. Sie fragten mich, ob ich mir es vorstellen könnte, die U17 zu übernehmen und  wir trafen uns zu einem Gespräch. Ich war nicht abgeneigt, doch der Zeitpunkt war einfach nicht so ideal. Ein Wechsel zur neuen Saison wäre sinnvoller gewesen, doch Heidenheim wollte, dass ich die U17 sofort übernehme und somit auch gleich beginnen könne, eine neue Mannschaft für die neue Runde zu gestalten. Und so entschied ich mich im Winter, die U17 zu übernehmen.

 

Was unterscheidet das Training und Trainingspensum eines U17-Teams von einer, sagen wir, Aktivenmannschaft im Landes- oder Bezirksliga-Bereich?

Da ist ein großer Unterschied. Im Aktivenbereich ( Bezirks-u.Landesliga) zählt der Fussball als Ausgleich zum Beruf bzw. Studium. Die Trainingseinheiten variieren von 2 bis 3 mal die Woche und meistens hat man auch nicht alle zusammen, um komplexe  Elemente zu trainieren, die Zeit in Anspruch nehmen. Bei der Jugend ist es anders; die Jungs wollen und müssen, wenn sie das nächste Level erreichen wollen – und das geht nur über Training, Training, und nochmals Training. Die können dann halt nicht einfach sagen, heute habe ich keine Lust, dafür ist die Konkurrenz zu groß!!

Die U17 stand drei mal die Woche auf dem Platz und war zusätzlich noch einmal im Kraftraum. Als Beispiel: Wir haben vergangenes Jahr am 18. Juli 2014 mit der Vorbereitung angefangen und haben die Saison vor knapp einer Woche (05.Juli, Anm. des Autors)  beendet, d.H. wir waren fast ein Jahr im Trainings-und Spielbetrieb, in Zahlen: 135 Trainingseinheiten auf dem Platz; ca. 100 bis 110 Einheiten im Kraftraum, 26 Punktspiele, 3 Pokalspiele, 2 Aufstiegsspiele, 19 Testspiele und Teilnahme an 3 Hallenturnieren! Das ist ein enormes Pensum…

Wie würden Sie Ihre Spielphilosophie beschreiben?
Wir wollen immer mutig spielen, d.h. dass wir den Gegner schon früh stören. Dafür müssen wir natürlich hoch stehen, und das bringt auch Gefahr mit sich, das eine oder andere Mal überspielt zu werden. Doch auch das zu sehen, und zu unterbinden, gehört zu unserer Trainingsarbeit mit den Jungs. In der Verbandsstaffel waren wir immer der Favorit und wir haben gerne so gespielt, ob wir es in der Oberliga auch so machen können? Abwarten…
Sie gehören zur Generation der international aufgewachsenen Deutsch-Türken, was schätzen Sie am türkischen, was am deutschen Fußball mehr?
Im türkischen Fussball spielen die Emotionen eine große Rolle, auch die Leidenschaft. Es wird mit sehr viel Herz gespielt.
Der deutsche Fussball lebt von der Disziplin und vom Willen sowie anderen Werten, das hat mich auch sehr geprägt, und das versuche ich ebenso zu vermitteln. Natürlich auch die akribische Arbeit bis hin zur Perfektion. Nie zufrieden sein!
FCHmitWimpel
Was möchten Sie den Spielern Ihrer Meister- und Aufstiegsmannschaft mitgeben? Einige verlassen ja den Verein…
Drei Wochen vor Saisonende teilte ich der Mannschaft mit, dass 14 Spieler den Verein verlassen müssen. Keine einfache Aufgabe, aber das gehört klar zum Trainerjob. Wir wussten nicht, wie die Mannschaft reagiert, ob sie die restlichen Spiele noch ganz ernst nimmt, oder ob sie enttäuscht reagiert und wir eventuell die Meisterschaft verspielen. Doch die Mannschaft hat Charakter gezeigt, die Spieler haben weiterhin fleißig trainiert und dementsprechend sind sie in den letzten Spielen aufgetreten. Das rechnen wir den Jungs hoch an, das war nicht selbstverständlich. Ich habe es den Jungs dann auch nach dem Aufstieg gesagt. Jungs mit so einem Charakter in der Mannschaft zu haben, ist wertvoller als die Meisterschaft und der Aufstieg. Und gerade DAS wird es auch ausgemacht haben, dass wir aufgestiegen sind. Ich bin sehr stolz auf diese Mannschaft…
Eine Saison ist um, die nächste beginnt schon wieder, was sind Ihre nächsten Ziele, Herr Kalin?
Nun, ich habe noch ein Jahr Vertrag beim FCH. Ich freue mich sehr auf die Oberliga und wir werden uns wieder gut vorbereiten, und versuchen, in den Punktspielen alles abzurufen. Wir haben tolle Gegner, und mit Aalen und Ulm zwei ganz heiße Derbys. Was nach der Saison passiert kann ich nicht beantworten, dafür sind andere Personen zuständig...

 

Ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Kalin.

Sehr gerne, ich danke Ihnen, und möchte auch noch einmal das gesamte Team und meinen Trainerstab hervorheben, ohne sie wäre der Erfolg nie möglich gewesen!

FCH feiert

Fotoauszug und Screenshot von beteiligten Spielern!

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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