Bei Trainer-Entlassungen muss man wirklich unterscheiden! Nicht jeder Coach hatte die nötige Vorbereitungszeit. Doch bei der Systemfrage sollte der Experte flexibel sein, und sich stets fragen: Was gibt mein Kader her?

Ähnlich schlecht wie Schalke 04 gerade unter Markus Weinzierl mit fünf Niederlagen, startete einst Zorniger in der vergangenen Saison mit dem VfB Stuttgart. Obwohl Alexander Zorniger noch abgelöst wurde nach einer weiteren Niederlagenserie, stiegen die Schwaben dann auch mit Kramny ab. Nun sitzt Weinzierl auf Schalke zwar noch fest im Sattel, aber Bruno Labbadia musste seinen Hut beim HSV nehmen. Aus den letzten fünf Partien, so HSV-Sportvorstand Dietmar Beiersdorfer, waren vier Niederlagen einfach zu viel – selbst die ansehnliche Leistung gegen die Bayern (0:1) half Bruno Labbadia nicht, der selbst den HSV vor zwei Jahren vor der Zweitklassigkeit in der Relegation gegen den KSC rettete. Der Fußball ist schnelllebig, und man will den schnellen und schönen Erfolg, doch, nicht alle Trainer haben die nötige Zeit und den geeigneten Kader dazu.

Es war schon skurril, komisch, aber auch fast zum Fremdschämen, wie sehr sich Dietmar Beiersdorfer vor der Kamera windete und stotterte, Labbadias Ablösung als beschlossene Sache zu erklären. Jeder Satz könnte ja sonst rechtlich noch „anfechtbar“ sein, obwohl es bereits alle Spatzen von den Dächern zwitscherten, dass Bruno Labbadia nach dem Match gegen die Bayern gehen sollte – selbst ein Sieg(!) hätte ihn wohl nicht mehr gerettet. Es wurde eine knappe Niederlage in vorletzter Minute, die Hamburger riefen gar „pro Labbadia“, es half alles nichts.

Dietmar Beiersdorfer spricht im Auftrag von Mäzen Klaus-Michael Kühne, dass man sich beim HSV eine ganz andere Spielweise erhoffe. Das ist deren gutes Recht, besonders, wenn Millionen ins Team gepumpt werden. Und Hamburg als Metropole verdient auch ein erfolgreiches Team, doch Geldausgeben allein reicht nicht, wenn das Spielsystem nicht zu den Spielern passt. Labbadia konnte Teams schon oft retten vor dem Abstieg und auch pushen, jedoch oft nur über einen kurzen Zeitraum hinweg. Ich will nicht beurteilen, ob ausgerechnet Labbadia den „Turnaround“ noch geschafft hätte, schon gar nicht mit einer anspruchsvollen Spielweise, denn „pressen“ will zwar zur Zeit jeder – doch nur die wenigsten Teams und Trainer verfügen über die Voraussetzungen dafür. Labbadia hatte, wie eben auch Markus Weinzierl, den ganzen Sommer, also die ganze Vorbereitungsphase über Zeit, ein geeignetes System zu implementieren (meistens sind es sowieso zwei bis drei Variationen, aber ein Hauptsystem sollte erkennbar sein und sitzen!).

Woran hakt es, wenn es plötzlich Niederlagen en masse setzt, und das gleich zu Beginn? Haben sich die Fußballlehrer übernommen mit ihrem fleißigen und übermotiviertem Ehrgeiz? Überfordern manche Trainer einfach ihren Spielerkader (ihr „Spielermaterial“?). Natürlich muss man nicht immer das „Gesamte“ sofort in Frage stellen, wenn aber Teams, wie eben Schalke 04 mit neuem Trainer, einem neuen Sportdirektor, Christian Heidel, sowie neuen Spielern (u. a. Breel Emobolo), oder wie auch der große HSV, plötzlich straucheln, fragt man sich schon, wozu wurde die Vorbereitungsphase genutzt? Noch steht Heidel zu Weinzierl, den er ja unbedingt wollte, Coach André Breitenreiter musste Ende der vergangenen Saison gehen (als Europa-League-Teilnehmer immerhin!).

http://www.eurosport.de/fussball/bundesliga/2016-2017/schalke-04-nach-der-niederlage-in-hoffenheim-geraten-spieler-und-verantwortliche-in-erklarungsnot_sto5873899/story.shtml

Mal sehen, wie Coach Weinzierl jetzt reagiert, und wie lange das Umfeld sowie die Fans Geduld aufbringen. Der Druck steigt immens ohne Siege.

labbadia2(Foto: Labbadia wirkte

 schon gelöster)

Das war auch Zornigers Problem beim VfB Stuttgart (jetzt pendelt er mit Bröndby Kopenhagen zwischen Platz 1 und 2 in Dänemarks Fußballtabelle), der originelle und umtriebige Schwabe (von der Mundart her war Zorniger in Stuttgart definitiv am richtigen Ort), rückte nicht vom Spielsystem, das auch seine feste Überzeugung und seine Philosophie ist, ab. Das war fatal, besonders zu Beginn – da hatte er fast sieben Wochen die Mannschaft um sich, und er schaffte es nicht, seinen Spielern den Sinn des Systems, aber auch die Laufwege und die Orientierung im Raum, zu vermitteln. Wenn dann auch noch ein gutes Testspiel, wie gegen Manchester City hineinfällt (4:2), man sich davon auch noch blenden lässt, dann ist es tragisch. City war, mal so nebenbei, eben auch in der Saison-Vorbereitung, mit schweren Beinen. Ab drei Niederlagen in Folge zweifeln bereits sechs von 11 Spielern am System und allgemein.

Frank de Boer, wir berichteten hier, war schon in den ersten Wochen seit seiner Ankunft bei Inter Mailand unter Beschuss. Das ist dann unfair, denn de Boer übernahm das Team von Roberto Mancini, nach dessen Vorbereitungsphase im Sommer. Seine Handschrift kann somit „ad hoc“ noch gar nicht sichtbar sein.

Schritt für Schritt müssen neue Trainer dann die Schadensbegrenzung und einen Neuaufbau einleiten. Und das ist schwer. Leider kommt es auch im Fußball immer wieder zu den Reflexen, dass sich die Clubführung von der medialen Berichterstattung zu schnell unter Druck setzen lässt, selbst dann, wenn der Anhang (noch!) auf Seiten der Mannschaft und des Trainers ist.

Die Fans und Zuschauer haben sehr wohl ein Gefühl dafür, ob das Team alles gibt, zumindest kämpft. Wirkt eine Mannschaft jedoch „blutleer“ und auch überfordert, dann bekommt die Elf den Druck zu spüren und der Trainer sowieso.

Das konnte man in Stuttgart beobachten, am Anfang standen noch alle bei der Talfahrt des VfB hinter Zorniger, doch erst als dieser immer wieder „Durchhalteparolen“ wiederholte, das Spiel nicht besser wurde, die Abwehr und das Mittelfeld durcheinander und ohne Struktur wirkten, erst da hatte Zorniger dann total verloren, den Rest besorgte die 0:4-Niederlage daheim gegen Augsburg, denn diese war ein Offenbarungseid.

Von einem modernen Fußballlehrer muss man einfach erwarten können, dass er der (Negativ-)Situation entsprechend handeln kann: Man nennt dies auch „Kurskorrektur“ – meistens nach zwei bis drei Niederlagen in Folge, wenn unter den Gegnern nicht einmal „Topkaräter“ waren. Die Kunst ist immer, einen Mittelweg, eine Ausweichtaktik, ein Ausweichsystem zu haben, jedoch immer unter dem Aspekt, an der eigenen Philosophie wieder anzuknüpfen.

Manche Spielsysteme bedürfen der Nachbesserung. Aber, noch einmal, eine Saison-Vorbereitungsphase im Sommer, müsste reichen, eine Mannschaft von der Eins bis zur 18 richtig einzuspielen, um nicht gleich ins offene Messer zu laufen.

Das mussten auch schon ganz andere Trainer lernen, zuletzt gar Mourinho, der mit ManU dreimal in Folge verlor, und bei Chelsea in der vergangenen Saison gehen musste. Sein Sieger-Nimbus bröckelte, aber der Portugiese hinterfragte sich und sein Team. An einer schonungslosen Analyse darf es nie mangeln. Manchmal sorgen die Cheftrainer leider selbst für ihren Rauswurf – durch fehlende Einsicht!

 

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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