Carlo Ancelotti (Teil III): Valdebebas und andere Clubphilosophien. Warum der Italiener zu den Bayern passt!

Valdebebas und die technische Trainerarbeit bei Real Madrid/(Valdebebas e il lavoro tecnico al Real Madrid /Original im Verlag: best BUR, Rizzoli, Milano)

Dass sich der kommende Bayern-Trainer Carlo Ancelotti bei Real Madrid wohlfühlte, und seine Schaffenszeit dort mit der „Decima“ (dem 10. Landesmeistercup-Sieg/Champions League-Titel) krönte, nimmt man ihm ab, und beschreibt Ancelotti auch selbst in seinem Buch. Die Arbeitsbedingungen in Madrid waren „vom Feinsten“ – mit allen Sonderausstattungen und mit viel Atmosphäre. VALDEBEBAS, heißt das Sportzentrum von REAL Madrid, in dem sich das Team „unter allen Aspekten“ stets vorbereitete. Ein Zentrum, so Ancelotti, das es jeder Mannschaft möglich macht, auf höchstem Niveau Leistungen abzurufen. Geprägt von Komfort und Modernität, stets effektiv auf Veränderungen zu reagieren. Valdebebas sei die perfekte Symbiose, so Carlo Ancelotti, von modernen Strukturen und effektiver Organisation sowie der „Seele“ von REAL Madrid. Carlo Ancelotti beschreibt außerdem die AC Milan-Familie, und schnell wird klar, dass die „rossoneri“ mit dem FC Bayern viel gemeinsam haben.

So schätzte es Carlo Ancelotti nach seiner Ankunft als Meister von Paris St. Germain ganz besonders, dass bei REAL Madrid immer noch bekannte Personen tätig waren, teils ehemalige Profis wie Emilio Butragueno, die im Club aber auch für das Sportzentrum aktiv waren. Es war für die Seele oder DNA von REAL ungemein wichtig, dass alle Spieler sich stets „gut aufgehoben“ fühlten. Carlo Ancelotti als Trainer sowieso.

Die Kombination aus großer innerer Zufriedenheit und Zuversicht gepaart mit den modernsten Strukturen eines Sportzentrums waren und sind der Schlüssel der Erfolge. Man könnte das Zentrum auch so beschreiben, fährt Ancelotti fort: „Ein Sportzentrum der Avantgarde mit einem traditionellen antiken Herzen…“

Ob Restaurants oder Fitnessstudios, genauso wie die Trainingsplätze, alles entsprach modernsten Standards, und sie alle hatten nur mit einem digitalen Code Zugang. In so einem Umfeld, meint der italienische Erfolgscoach, musste er nur wenige Dinge ändern. Die meisten Spieler waren dieses professionelle Umfeld bereits gewohnt, und so konzentrierte sich Ancelotti nur noch auf die Gestaltung des Trainings – der Ball wurde noch mehr in den Mittelpunkt gerückt, sowie präventive Übungen wurden von seinem Team etabliert, und auch auf die Arbeit mit GPS-Daten (Laufwege, etc.) wurde nicht verzichtet, jedoch weniger „intensiv“ als noch bei Chelsea oder PSG. Bei Madrid hat Ancelotti auch die „Trainingslager“ vor den Spielen komplett gestrichen.

Ancelotti hatte stets absolutes Vertrauen in die Profis, und diese dankten es ihm. Zudem waren die Reisen innerhalb Spaniens oft nicht sehr weit. Soll heißen: Bei Abendspielen fuhr oder flog das REAL-Team morgens erst los.  Bei Champions-League-Spielen auswärts oder anderen wichtigen Matches außer Haus, ging es erst einen Tag davor Richtung Zielort. Am besten erholen und regenerieren Spieler daheim oder eben in Valdebebas…

Angeschlossen am berühmten Zentrum „Valdebebas“ war auch das Juniorenleistungszentrum, das Ancelotti sehr hervorhebt: „Der Mix aus erfahrenen Profis und Junioren war bei uns sehr ausgewogen. Fünf Nachwuchstalente haben wir in die erste Mannschaft gebracht – Casemiro, Nacho, Carvajal, Morata und José, der für Castilla spielte. Auch Isco und Illarramendi aus der U25 brachten viel Enthusiasmus hinein.“

Es ist zudem ein ungeschriebenes Gesetz, dass sich die erfahrenen Spieler ohne Rivalität ganz bodenständig um die neuen Spieler kümmern (müssen). Die Stimmung in und um das Trainingszentrum Valdebebas war immer gelöst und locker – unter den Spielern immer freundschaftlich und sozial.

La famiglia e l’ambiente Milan / Die Milan-Familie und ihr Ambiente

Carlo Ancelotti muss sich heimisch fühlen, das steht fest. Egal, wo er bisher spielte oder später als Erfolgscoach agierte, die Umgebung muss passen. In England, Frankreich und Spanien schuf er sich sein Umfeld selbst, veränderte viel, und baute auf seinen Betreuerstab aus Italien!

Der AC Milan ist bis heute, auch und gerade noch im Schatten von Patron Silvio Berlusconi (auf Du und Du mit Carlo Ancelotti), ein absolut familiär geführter Club. Die Kinder Berlusconis sitzen im Vorstand, auch andere Abteilungen der Milan-Holding sind mit engen Bekannten und Verwandten oder ehemaligen Profis besetzt. Adriano Galliani, der Schattenmann und Milan-Manager seit Jahrzehnten (mit einer intelligenten wie gewieften Aura, aber zweifelhaftem Ruf), ist immerhin ein Mann, der „Familie“ und Zugehörigkeit sehr gut „verkaufen und vermitteln“ kann. Man redet immer vom ganz bestimmten Milan-Gen! Wie gesagt, einmal in die Milan-Familie eingetaucht, bleibt immer etwas zurück, selbst wenn man den Club der rossoneri verlässt. Oder wie schon Carlo Ancelotti, Beppe Inzaghi und Clarence Seedorf feststellten: „Als Trainer genießt man immer höchsten Respekt und Ehre, man wird intern beschützt…“, selbst dann, wenn dem Präsdium nichts übrig bleibt, wie die Entlassung – aber ganz fallengelassen wird keiner!

Galliani, so Ancelotti, war schlichtweg AC Milan – bis heute. Berlusconi und Galliani die ersten Fans, tifosi.

Neben der Professionalität, die alle Personen wie und um Galliani an den Tag leg(t)en, war immer wichtig, dass sich die Personen mit dem Club identifizierten, samt deren Familien. Kompetenz, Professionalität und Liebe, so beschreibt es nicht nur Carlo Ancelotti. Pure Emotionalität wird vermittelt, und jeder fühlt sich in der ihm zugeschriebenen Rolle gut.

AC Milan und das bekannte Sportzentrum Milanello, kreiert von Silvio Berlusconi, und später mit einem Milan-Lab(Labor) ergänzt, war immer ein Platz, an dem man seinen Alltag verbringen konnte und wollte. Als Angestellter des Clubs musste man aber auch Präsenz zeigen, der Presse und den Tifosi.

Aber, in Milanello wurde den Profis alles abgenommen, eine Allround- Verpflegung wie im Sportlerparadies! Nicht anders die Säbener Straße in München, bei den Bayern, wo sich die Profis bisher immer wohl fühlten.

Das beste Trainingslager sei immer Milanello, oder eben die Säbener Straße. Trainingsstätte und Trophäen-Museum zugleich. Die Verwaltung funktioniert, und vom Zeugwart bis zur Chefsekretärin fühlen sich alle familiär verbunden und: aufgewertet.

Es ist kein Zufall, dass sich Ancelotti für die Bayern entschied, und dies als Nachfolger eines Pep Guardiolas. Carlo Ancelotti, mit dem Winner-GEN ausgestattet (definitiv das des AC MILAN), ist so selbstbewusst, dass er die Arbeit des Vorgängers natürlich beibehält und mit seinen Erkenntnissen und Fähigkeiten ergänzt. Ein Ancelotti hat keine Bedenken, dass ihm Erfolgsmenschen und Ex-Profis wie Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß oder Matthias Sammer sowie Paul Breitner hineinreden werden, ihm Tipps geben wollen. Im Gegenteil, Carlo Ancelotti ist ein Bewahrer der Traditionen und des Erfolgs! Zudem ein genialer Kommunikator, aber mit leisen Tönen…

Die Bayern-Familie, die sich ihrer ehemaligen Profis stets annahm (Gerd Müller, Matthäus, Breno, Aumann und Sepp Maier, etc.), und Familienleben bis heute vermittelt, dieses „mia san mia“, ist quasi das Bayern-Gen an sich. Modern und Traditionell zugleich. Krisen meistert man gemeinsam, auch einen Uli Hoeneß, Mister Bayern, wird man nie fallen lassen – nicht wirklich. Bayern München und AC Milan, Gemeinsamkeiten bestehen definitiv. Nicht nur wegen der Trophäen in der Club-Vitrine…

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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