Dante – den Tränen einst nahe, und über 1000 Km für Probetrainings unterwegs gewesen

Dante: Ein Bertinho Vogts oder – an seinem Traum dran bleiben!
Als der Bayern-Profi in die Seleção berufen wurde, wussten nur Familienangehörige wie hart er dafür gearbeitet hatte. Seine Karriere bis zur WM ist in seiner Biographie recht gelungen vom Autoren Patrick Strasser aufgeschrieben worden. Eine Rezension von Giovanni Deriu, gewidmet all den Spielern, die momentan hadern, hoffen und auf Reisen sind… Euer Moment kommt noch! (Domi, Kevin, Marvin, Mirko oder Niklas sowie Denis und Cezar oder wie sie alle heißen…)

Mit dem „ICH“, dazu noch in Versalien geschrieben, beginnen meist die Ego-Trips zwischen zwei Buchdeckeln. Und besonders im Show-Biz gibt es einige davon. Auch der einst schönste Mann der Welt und österreichische Schauspieler, Helmut Berger, nannte seine Autobiographie schlichtweg „ICH“. Es war der befürchtete ein Erguss der Exzesse. Ganz anders dagegen die Biographie des brasilianischen Nationalspielers und FC Bayern-Lieblings, Dante Bonfim Costa Santos, kurz Dante. In Zusammenarbeit mit Patrick Strasser ist ein gelungenes Buch über Dantes Leben entstanden. Es ist bunt wie der Spieler selbst. Das Besondere an Dantes Karriere – die ja noch andauert in aller Kürze: Nicht nur das spielerische Talent ist ausschlaggebend auf dem Weg zum Nationalspieler.

 In der Fußballnation Brasilien existiert eine Statistik, die besagt, dass dort nur einer von 500 Jugendspielern schafft, Profi zu werden. Am Ende von „ICH, Dante“ (erschienen im riva-Verlag) weiß man, dass sich Einsatz und Hoffnung lohnen, wenn man nur, so wie Dante, davon überzeugt ist, es zu schaffen. Plackerei und Enttäuschungen inbegriffen. Heute, wo viele ambitionierte Jungkicker von Beratern und Eltern hofiert und chauffiert werden – durch die ganze Bundesrepublik, da begab sich Dante (man spricht seinen Namen in Brasilien übrigens „Daaantsch“ aus) einst als 16-Jähriger allein auf lange Reisen zum Vorspielen bei den bekanntesten Teams Brasiliens.
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Teilweise per Bus über 1000 Kilometer unterwegs und den Tränen nahe, hielt Dante durch – zudem hatte er die Unterstützung der Eltern und seines Onkels „Jonílson“ sicher. Nach einem Autounfall im Teenager-Alter, Dante spielte damals für EC Galícia, einem Team für die, die es in die renommierten Mannschaften von Salvador, Bahia oder Vitória nicht schafften. Dafür stand Galícia für eine hervorragende Nachwuchsarbeit. „Auch wenn es ein Umweg war“, für Dante sei es ein „weiterer großer Schritt“ gewesen. Doch seine Knieverletzung nach dem Unfall musste Dante selbst kurieren. Sein Opa bezahlte die Behandlung in der Klinik  und Onkel Jonílson wurde quasi „zum Personal Trainer“ und „Fitnesscoach“. Jeden Tag, bei großer Hitze erst abends, liefen Dante und der Onkel ihre Runden. Jonílson, selbst einmal kurze Zeit Profi bei Bahia, motivierte seinen Neffen häufiger mit den Worten: „Dante, wenn du Profi werden willst, musst du 100 Prozent fit sein, das ist die Grundvoraussetzung …“
 
Dante heute rückblickend: „Ich war nie der Beste, nicht der Talentierteste, aber ich konnte mich quälen und hatte den absoluten Willen, es zu schaffen.“ Im Buch wird beschrieben, welche Trainingsmaßnahmen er freiwillig auf sich nahm. Alles glaubwürdig und ohne Übertreibung geschildert. Gänsehaut auch für den Leser – Dante beschreibt einen emotionalen Moment: „Als ich 2013 zum ersten Mal in die Selecâo berufen wurde, hat Jonílson vor Freude geweint.“ Der Onkel allein wusste, wieviel Arbeit für diesen Moment notweendig gewesen war.
 

Im Kapitel „Meine Odyssee als Teenager“, wird aufgezeigt worauf Dante verzichtete, und dass er sich entscheiden musste – die Musik oder der Fußball als Profession. Dass Dante Musik im Blut hat, das bewies der leutselige Brasilianer schon oft in München. Als Kabinen-DJ oder auf Youtube, wo sein Gruß an die Bayern musikalisch verewigt wurde. Zuvor hatte der brasilianische Fußballverband Luiz Gustavo und ihn nicht fürs DFB-Pokal-Finale gegen den VfB Stuttgart freigegeben. Ein schmerzhaftes Erlebnis und ein Zwiespalt, in denen sich beide Bayern-Spieler befanden. Trocken brachte Chefcoach Scolari die Nachricht rüber: „Jungs, ihr habt keine Chance, für Bayern das Pokalfinale zu spielen.“ Vorgeschoben wurde die 14-tägige Abstellungspflicht der Vereine vor einem Turnier. Der Confed-Cup stand an.

Der Video-Gruß an seine Bayern wurde zum Kult, der Confed-Cup wurde gewonnen, und ausgerechnet Dante traf im heimatlichen Stadion „Fonte de Nova“, der Heimstätte des EC Bahia, dessen Fan Dante von Kindesbeinen an war. Im „Fonte de Nova“ traf Dante gegen Italien. Dante kam, traf und siegte – in seiner Geburtsstadt. 

Das interessante und ansprechend aufgeschriebene Buch streift Dantes Stationen und Schwierigkeiten, beginnend in Frankreich beim OSC Lille, über Belgien bis hin nach Mönchengladbach zur Borussia und letztendlich zu den Bayern, wo der sympathische Brasilianer zu einem Führungsspieler reifte und zum Mitglied der Selecâo. Schließlich, so Dante, kenne man in Brasilien kaum belgische Vereine, oder Borussia Mönchengladbach, sein Bekanntheitsgrad, dann auch noch als Triple-Gewinner steigerte Dante erst in München. 

Einige Trainer die ihn ausbildeten, kommen im Buch zu Wort, darunter auch Jupp Heynckes, der das Vorwort schreibt. Darin heißt es: „Auf dem Platz ist er ein Deutscher“, der Disziplin in der Taktik wegen, außerhalb aber „ein Brasilianer“, wie Coach Heynckes beschreibt. Egal wie stressig es wurde, Dante habe mit seinem Lächeln immer die Menschen um ihn herum für sich gewonnen. 

Ricardo Gomes, ein ehemaliger Profi-Verteidiger, trainierte Dante beim EC Juventude. Gomes war es, der Dante vom Mittelfeldspieler (oft als „Sechser“) zum zentralen Verteidiger umschulte. Warum, wollte Dante wissen, „ich werde nie so verteidigen wie Sie“, fragte er Trainer Gomes. Der antwortete: „Das stimmt – du wirst es noch viel besser können.“ 

Belgiens ehemaliger Nationalkeeper Michel Preud‘ Homme führte ihn in der belgischen Liga bis ins Pokalfinale. Preud’Homme sei eine „Art Papa“ fernab der brasilianischen Heimat gewesen. 

Mit dem neuen Coach Pep Guardiola nach der Heynckes-Ära gewann Dante den Weltpokal der Clubs. Über Pep Guardiola folgendes Zeugnis: „Pep ist ein großer Motivator, er findet immer die richtigen Worte, genau das, was wir hören müssen.“ 

Längst fühlt sich Dante mit seiner Frau Jocelina und seiner kleinen Familie in München heimisch. Speziell im Stadtteil Grünwald. In Brasilien unterstützt er SOS-Kinderdörfer. Im Urlaub macht er dort immer noch gerne Musik und Party mit Freunden von früher.

Das Buch ist recht authentisch und durchaus aktuell. Zu den Demonstrationen rund um die Weltmeisterschaft  heißt es, dass Trainer Scolari zu seinem Kader sagte: „Das gehört in einer Demokratie dazu …“ >>Tudo bem<<, so ein weiteres Kapitel, alles gut, pflegen die Brasilianer zu sagen, auch wenn Sorgen drücken. 

Einige Regeln für angehende Juniorenkicker stehen auch im Buch, und was passt besser als dieses Fazit, aus einem brasilianischen Song: „Behalte Deinen Kopf oben, schick die Traurigkeit weg. Und glaub immer daran: Dein schönster Tag wird noch kommen!“ Dante hat immer daran geglaubt.

Giovanni Deriu, 42, Dipl. Sozialpädagoge und Journalist. Zum Buch: „ICH, DANTE“ mit Patrick Strasser und einem Vorwort von Jupp Heynckes; aus armen Verhältnissen in Brasilien zum FC Bayern München; Verlag: riva

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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