Der Mann der 1000 Kontakte! Für die Einen die „fleißige Biene“, für die Anderen ein stiller Agent: Ariedo Braida, neuer Sportdirektor des FC Barcelona

Er gilt zwar nicht als graue Eminenz (dazu ist er zu sozial), aber doch als ein Mann des Fußballs, der immer noch viel beeinflussen kann – zumindest den Transfermarkt, den Calciomercato – und diesen, europaweit. Ariedo Braida firmiert seit knapp anderthalb Jahren als Sportdirektor beim FC Barcelona. Davor verbrachte Braida beinahe 30 Jahre, seit Berlusconis Übernahme anno 1986, beim AC Milan. Familienfotos mit seiner Ehefrau und den Kindern existieren kaum, Braida war quasi mit dem AC Mailand verheiratet. Das war eine „einmalige“ Geschichte, und kein Wunder nennt Ariedo Braida heute noch „Gullit, Boban, Kakà und Pato“, all seine Söhne. Ariedo Braida ermöglicht immer noch Karrieren. Nun arbeitet der stille Agent Barca zu.

Was den Unterschied zwischen dem AC Milan und FC Barcelona ausmache(?), wollte der Reporter von Ariedo Braida jüngst wissen, als sich dieser auf Heimatbesuch in Italien befand. „Die Differenz beider Clubs?“, nun, erklärte Braida, „bei Milan waren wir zu dritt, um den ganzen Verein zu dirigieren. Der Präsident (Berlusconi), der Boss und ich. Der Boss ist Adriano Galliani. Den Spitznamen verpasste ich ihm, und er hört nur noch auf >Boss<, selbst wenn ihn sein Sohn ruft.“ ja, fasste Braida kurz zusammen, „der AC Mailand war meine Familie, mein Leben…“

Braida erinnerte sich noch genau, wie er zum AC Milan kam. Braida war in der „Lombardia“ als Spieler bekannt, in Brescia sowie bei Varese, vor den Toren Mailands. Bei Monza und Udinese bekleidete Braida bereits den Posten des Sportdirektors, ehe Zuarbeiter von Silvio Berlusconi auf Ariedo Braida aufmerksam wurden. Von Beginn an war er von Berlusconi und dessen Zielen mit Milan sehr begeistert. Berlusconis „mysteriöser“ Busenfreund, Fedele Confalonieri, überzeugte Braida zudem. Confalonieri sollte für Berlusconi die geeigneten Mitarbeiter und Manager finden, und malte das „AC Milan“-Programm und die Ziele klar und offen in den schönsten Farben: „Wir müssen der stärkste Club der Welt werden, Wir müssen stärker als der Neid, stärker als die Ungerechtigkeit und das Unglück sein.“ Diese Ziele von einst, an die Berlusconi erst neulich in einem Abschiedsbrief an die Milan-Fans in der Zeitung erinnerte, konnten in der vergangenen Epoche eben auch nur von ganz besonderen Männern „vorgelebt“ und umgesetzt werden. Und es klappte ja, Milan beherrschte ein starkes Jahrzehnt Europa, bis die Erfolge durch die Ära Barcelonas gestört wurden…

Braida startete bei Milan jedenfalls erst als Geschäftsführer und wechselte dann mehr in den sportlichen Bereich als „direttore sportivo“. Alles erlebte und gewann Braida mit dem AC Milan, immer schön im Hintergrund zwar, aber einflussreich „ohne Ende“. Man(n) verstand sich untereinander beim großen AC. Bei etlichen Transfers seit 1986 hatte stets der „stille Agent“ Braida seine Hände im Spiel – er fädelte die Wechsel schlichtweg ein – geräuschlos, dezent und immer einen Tick schneller als andere. Aber immer genau, ganz akurat und faktenkundig, egal, „welche Klauseln“ noch in den Vertrag hinein sollten. Ein Mann wie Braida, besitzt nicht nur 1000 Kontakte aus der Welt des Sports, das dürfte wohl klar sein…

 

Braida2(diese Fotomontage als Agent

mochte Braida

in den ital. Medien noch nie)

Nun also der FC Barcelona, der sich die leisen Dienste von Braida sicherte. Es ist klar, dass sich die Besten stets die Besten holen – natürlich geht es um Philosophie, Know-How und Daten. Barca-Präsident Josep Maria Bartomeu war bereits im katalanischen Club, aber für den Bereich Basketball zuständig. Präsident Laporta machte Barca zur Weltmarke, Sandro Rosell wiederum beerbete Laporta, weil er diesen auf nicht ausgewiesene Verluste in der Buchhaltung hingewiesen hatte. Ein bisschen bröckelte das Ansehen des Weltclubs, aber die Vorstandschaft steuerte schnell dagegen, und auch der Spielerkader wurde verkleinert. Rosell wiederum trat zurück, als herauskam, dass Neymar doch weit mehr als die ursprünglich angegebene Ablösesumme gekostet habe. Josep Bartomeu, zudem Vorstandmitglied der ADELTE Group (Hafen- und Flughafentechnik), wurde als Präsident bestätigt. Von nun an wurde noch mehr Wert auf La Masia, die Jugendakademie von Barca, gelegt. Bartomeu und Braida kannten sich schon lang, die Chemie zwischen den beiden stimmt.

Lionel Messi, Iniesta und Xavi wurden dort von Klein an vorbereitet, aber auch Guardiola und Pique, sammelten im Jugendbereich von Barca die ersten Erfahrungen am Ball.

Und Braida? Der soll für Barca einfach seine Kontakte spielen lassen und Spieler überzeugen, bzw. immer schneller als andere an Talenten und Stars weltweit dran sein. Er pflegt das Netzwerk zu Scouts und Trainern, aber auch zu den Eltern direkt, wenn nötig. Mit den wichtigsten Clubmanagern ist er sowieso „auf Du und Du“. Transfers werden von Braida gern bei langen Geschäftsessen (Ariedo bevorzugt Meeresfrüchte und dafür wenig Pasta) besprochen und fixiert. Sein (Ehren-)Wort zählt, und das setzt er auch bei den Vertragspartnern voraus. Braida und der FC Barcelona müssen immer einen Schritt voraus sein, mögliche Spieler bereits in jungen Jahren „binden“ – emotional sowieso, aber auch finanziell, das ist klar. Barca zieht aber meistens, denn:

„Der FC Barcelona“, so Braida, ist ein „Brand“, eine Weltmarke, wie auch der AC Milan. Es heißt, Ariedo Braida, der stets gut gekleidet ist, solle auch dem Barca-Board direkt zuarbeiten. Er berate das Präsidium im Stillen.

Braida war noch nie ein Mann der lauten Worte. Den Lautsprecher und „Erklärer“ ließ er stets Adriano Galliani beim AC machen. Braida gilt als Effizienz im Hintergrund oder eben als leiser Agent in der Branche.

Braida erklärt die Philosphie der Kaderschmiede Barcelonas, La Masia, la Cantera, in etwa so: „Erst einmal, bemerkst Du bei der Ankunft in Barcelona sofort den Stellenwert des Clubs. Es schwirrt in der Luft, Du atmest es ein, Du lebst es. Die Philosophie im Club lautet, vor dem Fußballer steht erst einmal der Mensch, der Mann. Und das ist eine sehr wichtige Sache. Fundamental. Es werden Männer ausgebildet und erzogen, die sich ihrer Verantwortung als Fußballer voll bewusst sind. Auch, was sie als Fußballer repräsentieren. Das ist ein Bezugspunkt, eine Größe, die auch für alle Fans wichtig ist.“

Der „Consultant“ Braida ist auch dazu da, eben diese Werte zu vermitteln – weltweit. Ein Club muss sich als „Familie“ mit seiner eigenen Identität verstehen. Und dazu stehen auch nur bestimmte Spieler zu Verfügung – nicht alle passen.

Braida genießt die Arbeit bei Barca, auch weil er vom Präsidenten explizit geholt wurde. Der 70-jährige Sportdirektor und Berater weiß um die Verantwortung seines Jobs. Und auch bei Barca sorgt er für die „Taktierung“ von Anfragen und „Taxierung“ der Transferwerte und Erlöse. Inflationär geschieht gar nichts!

Wäre Barca z. B. mit Braida 100-Prozent von Paul Pogba überzeugt gewesen, wäre Pogba bestimmt in Barcelona gelandet, zumal Braida von Pogba viel hält. Aber, anscheinend stand die Ablösesumme, die nun ManU bereit war zu zahlen, für Barca in keiner Relation. Bei Barca denkt man auch immer an die Fans, an die Region, an die Menschen und ihren Alltag, und natürlich, macht man sich auch Gedanken über die Berater der Spieler. Pogba wird bekanntlich von Mino Raiola betreut – der platzierte wiederum vor sechs Jahren Ibrahimovic bei Barca, und diese Beziehung wurde zu einer über-strapazierten Affäre.

Hätte sich ein extrovertierter Pogba und dessen Berater, in einem Club wie Barca mit seiner eigenen DNA je integrieren lassen? Raiola und Pogba sind ggf. ein Stück zu „bunt“. Messi steht über Allen, und ist dennoch bodenständig, und auch Neymar „lebt“ Barca ohne Allüren.

Bei Barcelona ist Braida einer von vielen Experten, die alle eng zusammen arbeiten, wie der Italiener selbst sagt.

Sanktionen der FIFA, und das financial fair-play halten doch keinen von uns auf, eine mündliche Übereinkunft zu treffen, meint Braida.

Braida kennt sich mit Ablösesummen bestens aus, und weiß, wann diese steigen oder auch fallen – dass Marc Bartra irgendwohin wechseln würde, stellte Braida früh klar, denn ein Club würde bestimmt die Ausstiegsklausel überweisen können, die nur noch bei 12 Mio € läge, weil Bartra nur „geringe Einsatzzeiten“ hatte. Borussia Dortmund sicherte sich Barcelonas Eigengewächs (acht Jahre in der Jugend). In der Dortmunder Arena wurde Braida auch schon gesehen: Er sichtete wohl Aubameyang und Pulisic.

Braida genießt nicht nur die neue Aufgabe beim FC Barcelona, sondern auch wenn sich ehemalige AC-Spieler wie Weah, Van Basten, Gullit, Ancelotti, Maldini, Costacurta, sowie Shevchenko oder Kaká bei ihm melden.

Es sind und bleiben eben seine „Söhne“ – alle wohl geraten…

 

Braida3(auf der Tribüne

mit Adriano Galliani

zu Milan-Zeiten)

 

 

Giovanni Deriu beschreibt und analysiert Personen und Biografien.

 

 

 

 

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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