Ein authentischer Holländer im Schwabenland! Wird er zum VfB-Retter?

BUCH

Trainer des Jahrhunderts und Vier-Minuten-Meister

Mit Schalke holte er den Uefa-Cup und 2001 fast den Titel, nun ist er zurück beim VfB Stuttgart: Die Biographie von Huub Stevens kommt dem Menschen recht nah, geschrieben hat sie der Niederländer Theo Vaessen, erschienen ist die Biographie im riva-Verlag. Eine Rezension von Giovanni Deriu.

Der Autor kennt seinen Protagonisten schon sehr lange. Der vielgereiste Theo Vaessen beobachtet Huub Stevens seit den Zeiten, als der als 16-Jähriger bei Fortuna Sittard spielte. Im WM-Jahr 1974 war das. Aus zahlreichen Gesprächen mit Stevens sowie dessen Umfeld entstand dieses Buch, das schlicht: „Huub Stevens“ betitelt ist.

Nicht immer waren holländische Trainer in der Bundesliga beliebt (wenn auch erfolgreich) – man denke nur an Rinus Michels, den „General“ in Köln und Leverkusen, immerhin Pokalsieger – oder Aad de Mos bei Werder Bremen, der nach nur einem Jahr im Amt als Nachfolger von Otto Rehhagel entlassen wurde. Anders Huub Stevens. Dass es quasi gleich auf Anhieb bei den Schalkern klappte, lag vielleicht auch an Stevens‘ Herkunft selbst:

Huub entstammt als dritter Sohn einer Grubenarbeiterfamilie.  Vater Joseph Stevens, später kam er in Belgien ausgerechnet bei einem Autounfall durch einen deutschen Lkw-Fahrer ums Leben, arbeitete 30 Jahre lang in der staatlichen Grube Staatsmijn Maurits, und baute in mehreren hundert Metern Tiefe Kohle ab. Stevens erinnerte sich: „Vater ackerte wie ein Pferd …“. Die Familie war nicht reich, aber niemand durfte es wagen, sie als arm zu bezeichnen. Mia, die Mutter, war das Familienoberhaupt. Und sie setzte auf Disziplin – wer nicht gehorchte, wurde bestraft – nur, so, liest man zwischen den Zeilen, könne eine Familie zusammen gehalten werden. Mit Disziplin, Pflichten – aber nicht zu vergessen, mit der Liebe einer Mutter.

 So übernahm auch Huub Stevens sehr früh Verantwortung. Der Tod des Vaters prägte ihn. Er schweißte die Mutter und Brüder aber noch enger zusammen. Und die „Disziplin“ ist Stevens‘ roter Faden in seinem Werdegang als Fußballlehrer.
Voller Emotionen dann auch später das erste U-15-Länderspiel Stevens‘ gegen Deutschland. „Alle kannten meine Gefühle“, so Stevens später, vor allem, weil sein Vater durch den „Fahrfehler eines Deutschen“ umgekommen war. Die Niederlande gewannen 4:1, es ging gegen Deutschland immer hart auf hart. Dass Stevens einmal Trainer in Deutschland werden würde, daran war damals nicht zu denken.
Huub, inzwischen mit dem Gesellenbrief als Schlosser in der Tasche, spielte für die Fortuna Sittard. Fortuna SC. Stevens war auch da diszipliniert, aber er verzichtete nicht unbedingt: „Ich ging den Mittelweg zwischen Vergnügungsjunkie und Mönch.“ Stevens wollte schon damals ernsthaft den Weg als Profi gehen. Letztendlich führte ihn sein Weg auch zum PSV Eindhoven.
Europa-Cup geprägt konnte er natürlich später als Coach, Stevens war sogar Jugendkoordinator- und Trainer beim PSV Eindhoven und baute da bereits ein Nachwuchsleistungszentrum auf – immer im Wettstreit mit Ajax Amsterdam, Teams besser und glaubhafter motivieren. Ajax hatte immer den „größeren Namen“. Cheftrainer zu werden war gar nicht sein Ziel, aber dann erkrankte Coach Bobby Robson, und interimsmäßig kümmerte sich Huub Stevens auch um die Aktiven mit dem, nicht pflegeleichten, Romario.
Als Huub Stevens später zu Roda JC Kerkrade wechselte, ging Stevens konsequent seinen Weg als Trainer weiter, mit fixen Vorgaben und Regeln. „Ich ordnete an, dass ich keine Ohrringe mehr sehen wollte“, und langhaarigen Spielern gab der knorrige Trainer zu verstehen, dass es Zeit für den Friseur sei …
Die Disziplin war aber letztlich Mittel zum Zweck, um das Team fußballerisch zu verbessern.
Bis heute, auch zuletzt beim VfB Stuttgart, wollte der Holländer immer, dass die Mannschaft als geschlossenes Team auftrat – auf dem Feld, wie außerhalb. Die Erfolge gaben ihm letztendlich Recht.
Auch weil Stevens immer er selbst war, und die Vorgaben selbst einhielt. Aber auch ein Stevens erlebte charakterliche Überraschungen, wie zum Beispiel in Hamburg, Stevens staunte: „Mohammed Zidan war gerade aus seiner Heimat Ägypten zurückgekehrt. Im Umkleideraum zeigte er allen eine Armanitasche, in der rund 200.000 Euro waren.“ Diesen Betrag hatte er nach dem Sieg in der Afrika-Meisterschaft in „bar“ aus seinem Vaterland mitgebracht. Undenkbar für den bodenständigen „Knurrer aus Kerkrade“, obwohl Stevens ja Limburger ist. Wie können Spieler, die so lässig mit Geld umgehen, überhaupt im Training hundertprozentig bei der Sache sein, so die Schlussfolgerung des Coachs.
Huub Stevens beim VfB Stuttgart
Seine bislang (vor-)letzte Station in der Bundesliga: Huub Stevens beim VfB Stuttgart.
 Stevens trainierte viele internationale Stars, und auch Holländer, wie auf Schalke. Amtssprache war aber „immer Deutsch“. Rudi Assauer, im Buch als „Freund und Vertrauter“ tituliert, sorgte als Schalke-Manager wohl für den besten Transfer, Huub für Schalke zu gewinnen. Eine unglaubliche Geschichte entstand, die bis heute auf Schalke nachwirkt.
Im Buch werden diese Erfolge auch mit Hochglanzfotos dokumentiert. Das Jahr 1997 – kaum in Gelsenkirchen angekommen, und schon kreierte Stevens die „Eurofighter“. Daheim siegte Schalke durch Wilmots am 7. Mai 1997 gegen Inter Mailand 1:0. In Mailand machte Zamorano erst in der 85. Minute das 1:0 für Inter Mailand. Es ging in die Verlängerung, der Rest ist Geschichte – für die Ewigkeit.
Auf Seite 83 auch nachzulesen, wie Schalke die bereits sicher geglaubte Meisterschaft 2001  gegen die Bayern verlor. Als ganz Gelsenkirchen in Tränen versank – nur nicht Stevens, er blieb, vielleicht auf Grund seiner Erfahrungen (?) gelassen. Assauer weinte wie viele andere auch. Aber Stevens, ganz Trainer und diszipliniert, erinnerte sein Team an die Aufgaben: das DFB-Pokal-Finale stand noch an. Am Ende verabschiedete sich Huub mit einem Uefa-Cup und zwei DFB-Pokalsiegen aus Schalke. Die Zeit war reif, zu gehen.
Neben dem Fußball gab es genügend private Kämpfe und kleine Tragödien auf Huubs Weg. Hin und her gerissen, zwischen Fußballplatz und daheim, weil seine Ehefrau Toos chronisch schwer mit Morbus Chron erkrankt war. Viele Klinikaufenthalte waren notwendig.
Außer bei Hertha BSC Berlin lief es für Huub Stevens überall gut und erfolgreich in Deutschland. Beim Hamburger SV denkt man genauso gern an den Holländer zurück, wie beim 1. FC Köln – da blieb er nur ein Jahr in der Domstadt, machte den jungen Podolski stärker, und feierte am Ende die Meisterschaft und den Aufstieg in die 1. Bundesliga. Stevens war sich nicht zu schade, den FC in Liga Zwei zu übernehmen.
Beim VfB Stuttgart ging er (wohl) aus anderen – privaten – Gründen, Mission erfüllt. Um danach, Status quo, wieder das Zepter zu übernehmen, Armin Veh warf hin, und Stevens scheute sich nicht – momentan kämpft er mit dem VfB um den Klassenerhalt. Und es scheint wirklich, das Team folge ihm konsequent. Vielleicht reicht es am Ende zu Platz 16, der zur Relegation berechtigt? Alles andere wäre ein großes Wunder in Cannstatt.
Nach seinem Happy-End in Hamburg sinnierte Stevens: „Bei allen deutschen Clubs- ausgenommen Hertha BSC – bekam ich zum Abschied auf dem Platz einen Blumenstrauß. Das sagt doch viel!“

Es ist eine gelungene Biographie, in der auch Stevens Erfolge im Ausland (Bei RB Salzburg als Meistertrainer; sowie PAOK in Griechenland) beschrieben werden, die zudem sehr lesenswert ist. Fußball ist nicht alles. Hinter jedem Trainer steht auch eine Familie, könnte das Fazit lauten.

RUND-Autor Giovanni Deriu, analysiert und rezensiert Biographien.

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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