Ein Mann, viele Geniestreiche: Andrea Pirlo – „Ich denke, also spiele ich“

Der FANS-Zusammenschweißer

Buch-Rezension /  Andrea Pirlo: „Ich denke, also spiele ich“ (erschienen im riva-Verlag)
Jedermann und eigentlich, jeder Fan und Fußballästhet bewundert den schmächtigen italienischen Nationalspieler mit seinem verträumten Blick und der wallenden Haarpracht. Ein bisschen verwegen sieht er aus, und spielt genauso. Technisch vom Feinsten, oft wirkt es zu lässig, ist aber gut durchdacht. Angebote hatte der italienische Mittelfeldspieler von den größten Clubs Europas, blieb der Serie A, seiner Serie A, dennoch bis heute treu.
Für die „alte Dame“ Juventus bereitet er derzeit die Tore vor, oder zirkelt die Freistöße gleich selbst in die Torwinkel aller Stadien.
Wie beschreibt Coach Cesare Prandelli, der Vorgänger von Antonio Conte im Nationalteam der Azzurri, den genialen Spielmacher: „Er ist der Spieler aller Menschen. Jedes Stadion ist sein Stadion. (…) Er schweißt die Fans zusammen wie kein anderer (…)“, heißt es im Vorwort von Prandelli in der Biographie von Andrea Pirlo, „Ich denke, also spiele ich“, erschienen im riva-Verlag. Jede der 155 Seiten ist absolut lesenswert, man spürt Pirlos Worte im Buch, zusammengetragen wurden Pirlos Erlebnisse von Alessandro Alciato.
Giovanni Deriu fasst die Biographie zusammen.

Die meisten von uns erinnern sich noch an den abgezockten Pass im Halbfinale der Deutschen Elf gegen Italien bei der WM 2006, als Pirlo kurz vor Spielende mit einem Geniestreich seinen Kollegen Fabio Grosso frei spielte und dieser den Ball direkt gegen Torhüter Jens Lehmann versenkte. Es sind diese Momente, die Pirlo unverwechselbar machen.
Im Finale gegen Frankreich verwandelte Pirlo im Elfmeterschießen sicher, im Buch steht beschrieben, welche Gedanken ihm als Schützen durch den Kopf gingen, welche Last aber auch welcher Stolz es bedeutet habe, an den Elfmeterpunkt laufen zu dürfen. Er schaute gen Himmel und wusste, dass weltweit Menschen zuschauen, Familien und Freunde gemeinsam beim Abendessen oder im Wohnzimmer, der Taxifahrer irgendwo am Radio oder in einer Bar, selbst die Prostituierten vergaßen für Momente die Tristezza des Lebens. Lust und Last eben – für alle, die mitfieberten. Pirlos Seufzer gen Himmel, hätte der Seufzer aller sein können.
Letzendlich ging es gut, Pirlo und die Squadra Azzurra wurden wie Helden in Rom nach dem WM-Sieg empfangen.
 Dann wird auch der coole Elfmeter gegen England beschrieben, als Pirlo den Ball einfach ins Tor lupfte oder „löffelte“, il „cucchiaino“ 2012 bei der EM auspackte, im Viertelfinale gegen Keeper Joe Hart, der ein „Riesen Tam Tam“ auf der Linie fabrizierte. Italien war im Halbfinale und die ganze Fußballwelt stand Kopf, „wie konnte er nur?“ einen Elfer so schießen, in dieser wichtigen Situation (ähnlich wie Totti bei der EM 2000 gegen Holland, nur hatte Francesco Totti den Lupfer seinen Kameraden angekündigt).
Pirlo sagte, es war Kalkül, irgendwie wartete er ab, bis sich Hart in eine Ecke warf.
Das Buch liest sich wie ein großes „Who is Who“ der Fußballwelt. Fast allen ist Pirlo in seiner unglaublich erfolgreichen Karriere bisher begegnet, ja, und selbst Real Madrid (damals mit Coach Fabio Capello) und Pep Guardiola wollten das italienische Genie in ihren Reihen wissen.
Real Madrid war schnell abgefrühstückt, Pirlo wollte zwar nach der WM 2006 zu Real Madrid, es stand schon alles fest, sein Berater und Freund Tullio Tinti prüfte bereits den Vertrag, doch die Rechnung machten beide ohne AC Milans Geschäftsführer und Schatten Berlusconis, Adriano Galliani, Typ abgezockter Kojak. Auszug aus dem Gespräch, das in etwa so verlief: „Andrea geht zu Real“, sprach Berater Tullio. Pirlo nickte, „Ja“. Galliani, ein Köfferchen unter dem Tisch vorziehend, meinte trocken: „Nein, mein Lieber, du gehst nirgends wohin.“ Galliani zog einen Vertrag hervor, und die Summe, die sich Pirlo wünsche als Gehalt, solle er im Blankofeld eintragen.
Nach wenigen Tagen rief der Berater an uns sagte, Andrea, Du bleibst bei Milan.
Ähnlich gefesselt war Pirlo von Pep Guardiola, der ihn, am Rande des Juan-Gamper-Turniers in Barcelona zu sich ins Büro bat. Und Pep sprach mit Pirlo auf perfektem Italienisch, spielte doch Guardiola für Brescia und Roma.
Im Buch schwärmt Pirlo von Guardiola, der Katalane hatte den Lombarden in seinen Bann gezogen. Ibrahimovic wollte Pep Guardiola mit der Beschreibung „dieser Philosoph“ einst bloß stellen. Pirlo stellt klar, in Wirklichkeit sei das ein „Riesenkompliment“ gewesen. Der Philosoph strebe nach einer grundlegenen Idee, nach der Weisheit. Und Pep Guardiola konnte bisher seinen Teams immer eine eigene Handschrift geben. Pirlo glaubte zu träumen, aber, auch hier zeigte sich Milan und Berlusconi unnachgiebig. Andrea Pirlo blieb, um danach später, bereits als 34-jähriger Spieler, zu Juventus Turin zu wechseln. Milan brauchte einen Neuanfang. Gern griff der Agnelli-Clan zu. Heut weiß man, was man an Pirlo hat(te).
Zweimal auf Anhieb feierte Pirlo mit dem Traditionsclub Juventus die Meisterschaft, und das unter dem umstrittenen Coach Antonio Conte, der mehrmals der Spielmanipulationen beim vorherigen Club bezichtigt wurde. Dennoch, Pirlo lässt über Conte nichts kommen. So erfährt man im Buch, ab Seite 62, dass Conte ein sehr emotionaler und enthusiastischer Trainer war, der die Sprache der Spieler beherrschte. Zudem hatte Conte die Juve-DNA in sich.
Conte, so erinnert sich Pirlo, sprach Klartext: „Diese Mannschaft ist in der Meisterschaft zweimal nur auf Rang sieben gelandet“, das sei schlichtweg Irrsinn. „Grauenhaft“, dafür sei er, Conte, nicht da. „Jetzt ist Schluss mit den jämmerlichen Vorstellungen“ trichterte der Coach dem Team ein. Es sei schlichtweg „Sünde“ mit Juve nicht unter den ersten drei in der Meisterschaft zu kommen. Der Coach packte die Stars auch mit seinem Training, unter der Woche wurde fast ausschließlich „trocken“ geübt, ohne Gegner. Nur ein paar Passübungen und Positionswechsel mit und ohne Ball wurden einstudiert, bis sie saßen. Alle gehorchten und der Erfolg stellte sich sofort ein. Juve als Übermacht in der Serie A.
Carlo Ancelotti, den Pirlo auch noch als junger Spieler kannte, wurde auch Pirlos Trainer. Ancelotti wollte Pirlo zu Chelsea nach London holen. Abermals kam der Deal nicht zustande. Pirlo beschreibt Carlo Ancelotti als Trainer, mit dem er auch bei Milan die größten Erfolge gefeiert habe. Ancelotti sei wie ein Vater für seine Spieler, ein Witzbold zudem und ein „Meister“.
Aber diesmal lenkte Club-Präsident Berlusconi selbst ein. „Andrea, Du bist das Wahrzeichen von Milan…“.
Und so geht es im Buch, einer gelungenen Biographie, weiter, es finden sich Passagen zu Personen wie Rino Gattuso und dessen Streiche und Anekdoten mit Pippo Inzaghi, Pirlos Hobby der Playstation, auf der er sich gern ablenkte auch im Duell mit Alessandro Nesta. Über Marc van Bommel sowie Kurzzeit-Trainer Fatih Terim verliert Pirlo im authentischen Buch auch ein paar Zeilen, die eine Person aber nie schlecht darstellen, aber dafür speziell charakterisieren.
Pirlo, ein einmaliger Spieler, der es schafft(e), selbst vor großen Spielen, wie z. B. das WM-Finale 2006 in Berlin, keinen übermäßigen Druck zu verspüren. Andrea Pirlo spielt weiterhin so, wie er als Kind gespielt hat.

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.