Favoritenkiller CFC Genua: Trainer Ivan Jurić ist ein Mann für besondere Teams. Der Kroate ist ein Disziplinfanatiker auf dem Platz, und dennoch erlaubt er seinen Spielern Freiheiten im Spiel und auch außerhalb – so lange sie dem Team nicht schaden

Ivan Jurić glaubt an den Wert ehrlicher und disziplinierter Arbeit!

Außerdem, so der neue Trainer des CFC Genua, „die Wege des Sports sind unendlich“, was so viel heißen soll, wie, es gäbe viele Möglichkeiten, erfolgreich zu sein.

Dass vom Balkan gute Fußballer kommen, ist von je her bekannt – und egal ob aus Serbien, Montenegro, Slowenien, oder speziell aus Kroatien, aus ehemaligen Topkickern werden manchmal auch erfolgreiche Trainer mit der nötigen Schläue und Menschlichkeit. Zu ihnen gehört eben auch Ivan Jurić. Einst Profi und ausgebildet bei Hejduk Split, wechselte Jurić zum FC Sevilla nach Spanien, danach zu Albacete Balompié, und später nach Italien, wo er für den FC Crotone und dem CFC Genua fast fünf Jahre spielte. Der ehemalige kroatische Nationalspieler (5 Einsätze im A-Team, 16 in der U21) wurde danach Co-Trainer in Palermo, wechselte als Jugendtrainer nach Genua („das war eine schöne und wichtige Zeit“), bevor er das Herrenteam vom Mantova und danach Crotone trainierte. Mit dem kleinen FC Crotone stieg Jurić in die Serie A auf, und das, mit einer extrem offensiven Spielweise, aus einer kontrollierten Defensive heraus. Mit neun Punkten Vorsprung auf den Dritten, reichte Platz zwei. Die kalabrische Kleinstadt Crotone stand Kopf – gerade einmal 12 000 Zuschauer passen ins Stadion. Jurićs Weg führte zum CFC Genua, und seit dieser Saison spielen und trainieren die Profis nach seiner Pfeife. Das Trainerleben sei zwar stressig, aber er genieße es, so der Kroate, und das Fußballspielen selbst vermisse er gar nicht. Dicke Ausrufezeichen mit seinem jungen Team in Genua setzte der kroatische Coach jüngst mit dem 3:1 über Rekordmeister Juventus Turin. Juve wurde phasenweise mit schnellem Kombinationsfußball über die Flügel vorgeführt. Davor gab es schon Achtungserfolge gegen den AC Milan (3:0) und ein Unentschieden gegen den Favoriten SSC Neapel – Rückschläge wie das 1:3 gegen Lazio plant Jurić immer ein – „Diese Niederlagen gehören zum Lerneffekt!“

Mitunter kommt Jurić kauzig daher. Asketisch und spindeldürr, das ausgemergelte Gesicht, Furchen und Falten, die darüber erzählen, was der Kroate Jurić bereits alles erlebt hat. Nicht nur im Fußball – Ivan Jurić ist herumgekommen, aber auch in seiner Heimat hat der 41-Jährige viel gesehen. Jurić war klein, als das damalige Jugoslawien politisch und durch den Krieg zerbrach. „Plötzlich, von heute auf morgen, redeten Leute nicht mehr miteinander…“, sein Vater, so Jurić, war ein ruhiger und überlegter Mann, der immer predigte, „Ruhe bewahren“. Der Vater war Literaturprofessor und Journalist. Entfaltung und Demokratie, dafür lohnte es sich zu kämpfen, so der Vater Jure Jurić. Der kommunistische Staat damals ging auch hart gegen Studenten und Professoren vor. „Mein Vater war ein Beispiel wahrer Menschlichkeit“, sagt Ivan Jurić heute.

ivanjuric2(Ivan Juric immer engagiert; Fehlerkorrekturen seien immer wichtig)

 

 

 

Nun kennt Juric den CFC Genua schon (Lokalrivale Sampdoria ist der andere Stadtclub), und jeder möchte wissen, warum der CFC gerade zum Favoritenschreck mutiert. Was denn der Erfolg der Rotblauen sei? „Der Zusammenhalt“, meint Juric knapp. Aber, er unterstreicht, nicht nur den, der Spieler, sondern auch „der Zusammenhalt im ganzen Verein. Oft fehlte dieser früher, oder man nahm ihn nicht wahr draußen…“. Weniger Streitigkeiten, und es gehe jetzt familiärer zu, meint der Kroate. In Crotone dasselbe. Beim überraschenden Serie-A-Aufsteiger weint man Juric heute noch hinterher. Es war eine echte „Unitá“ da. Und wie immer, harte Arbeit!

Das Motto gibt der Trainer, „Mister“ gennant, so vor: „Den anderen Clubs kein Vergnügen zu bereiten, dafür sich selbst vergnügen…“, auf dem Feld. Aber Milan und Juve zu schlagen, das sei doch schon ein Pfund, die Journalisten löchern Juric, doch der kennt das Business, speziell in Italien: „Wir hatten gegen Lazio ein Negativerlebnis. Umso härter und zielgerichteter haben wir zusammen gearbeitet.“ Ja, aber gleich 3:1, und Juventus sah kein Land in der ersten Halbzeit?

Dazu der kroatische Fachmann: „Ja, die Spieler, besonders der junge Giovanni Simeone hört gut zu, trainiert viel, wie die anderen auch. Er hat einen großen Torinstinkt im Strafraum, und diesen wollen wir ausnutzen.“ Juve sei wie immer gewesen, so Juric, „aber wir haben uns gut vorbereitet“.

„Mister“ Juric weiß auch, die tifosi möchten unterhalten werden, und in Genua beim CFC (einst auch ein Cricketclub), möchte man eine eigene „Handschrift“ erkennen, sich von Sampdoria abheben.

Dass Juric auf sein Team stolz sei, gab er unumwunden zu. Juric kann loben, wenn die Leistungen und die „performance“ stimmen. Ob mit einer Dreier-Abweherreihe, oder einer Viererkette, diszipliniert setzen seine Spieler die Vorgaben um. Alles scheint getaktet, das Pressing, das „Sich-zurück-Fallenlassen“, aber dennoch legt Juric viel Wert auf „Freiheiten im Spiel.“ Nicht alles sei automatisiert, es wäre doch dumm, so der Coach, „wenn ich den Spielern mit Talenten keine Freiräume ließe“, sich selbst auszudrücken, selbst Lösungen zu finden auf dem Platz. „Ich vertraue meiner Mannschaft“, sagt Juric leise.

Trainieren lässt Juric oft und gern das Ballspiel mit schnellen Ballkontakten, auf abgesteckten Feldern, 7 gegen 7. Von Außen spielen dann auch „freie Spieler“ als Anspielstationen mit – das wecke die Kreativität, Schnelligkeit und Konzentration.

Überhaupt schwört Ivan Juric auf penible Arbeit, gut vorbereitet, und auf eine Fehleranalyse, die es in sich hat. Und, die Basics im Fußball müssen da sein. Jeder im Team, auf seiner Position, muss das machen, was er am besten kann.

Oftmals sehen die Spieler „einen ganz anderen Film“, meint der Coach.

Deshalb arbeitet Juric gern mit der Videoanalyse, denn da könne man sofort sehen und analysieren, was im Match oder Training „falsch lief“, und der Spieler ist dann sehr einsichtig, denn die Fehler werden direkt und konstruktiv angesprochen, so Juric in einem italienischen Interview.

Ohne eine zügige Fehlerkorrektur sei „Alles nichts“, es geht immer darum, sich zu verbessern.

Er schätze zwar, dass bei Ajax Amsterdam, sowie bei Barcelona und vielen anderen Teams, stets eine Philosophie, ein System bis hinunter gespielt werde im Juniorenbereich, doch Juric ist der Meinung, dass „die Spieler bis zur Primavera (U21; Anm. d. Red.) ruhig mehrere Systeme kennen lernen sollten.“

Und, oft fehlen die finanziellen Mitteln in kleineren Clubs, mit den ganz Großen mitzuhalten, wenn z. B. bei Juventus ab der U19 bereits sieben von 11 Spielern ausländisch seien, so Juric.

Und „natürlich“ gebe es kulturelle Unterschiede im Fußball. In Spanien, wo Juric spielte trotzte sein Team Sevilla REAL Madrid ein 1:1 ab, nach einer 1:0-Führung jedoch. In Italien wäre man gefeiert worden, für die „tolle Defensivarbeit“, in Spanien pfiffen die Fans, dass Jurics Team nicht weiter auf Sieg gespielt habe. In Spanien lege man eben Wert „aufs schöne offensive Spiel“. Deshalb will Juric immer einen gesunden Ausgleich zwischen einem defensiven und offensivem Spiel schaffen.

Sozialverhalten der Spieler? Der frühere Nationaltrainer Cesare Prandelli gab gar einen Verhaltenskodex heraus, wie hält es Juric? Der Kroate kratzt sich am Kinn und meint, mit erwachsenen Spielern muss man auch seriös umgehen. Jeder sollte wissen, wie er sich zu benehmen habe. Sein „Verhaltenskodex“, so Juric, sei die normale Erziehung von Zuhause als Basis. Jeder bei ihm im Kader, muss Verantwortung übernehmen.

Er habe zudem als junger Profi und Fußballer in Split auf dem Internat viel mitbekommen.

Nochmals zum Fußball, interkulturell und international. Er habe mit angelsächsischen Spielern gespielt, die immer top „vorbereitet gewesen seien“. Egal ob nach einem Sieg oder nach einer Niederlage, sie waren stets ausgeglichen, nie  „übertrieben in eine Richtung“. Sie setzten ihren Beruf professionell um, engagiert, auch wenn das technische Talent vielleicht fehlte, aber mit Disziplin und Willen schafften es solche Kameraden oft weit, resümiert Juric.

Ein guter Spieler darf sich nie von zu vielen Emotionen beeinflussen lassen, so der Kroate, nicht im negativen Falle, aber auch nicht nach Siegen. Man muss seinen Stil wahren (können).

Afrikanische Spieler sind manchmal etwas „komplizierter“, aber wenn man sie als Trainer und Mitspieler „erreicht oder erobert“, und sie sehen, dass man es mit ihnen ernst meint, dann „bringen sie dir viel Respekt entgegen“, und sie tun alles für ein Team.

Italiener und andere Europäer passen sich gern den Situationen schnell an, suchen auch schon mal „Alibis“. Aber man geht sehr „respektvoll“ miteinander um. Und er selbst? Juric erklärt uns die Kicker vom Balkan. „Wir vom Balkan, haben einen ganz gefährlichen Spirit. Wir können sehr böse werden, wenn uns eine Situation nicht gefällt. Andererseits sind wir sehr wettbewerbs- konkurrenzfähig…“, und das europaweit. Kroaten wie Serben oder Slowenen würden sich im Spiel nie „verstecken“.

Wir werden den Weg von Ivan Juric weiter verfolgen, denn viel zu interessant ist diese Trainer-Persönlichkeit, als ihn und seinen CFC Genua außer Acht zu lassen. Wir wagen hier einmal die Prognose, dass Juric in zwei bis drei Jahren reif ist, um einen großen Club in Europa zu trainieren, egal ob in Italien, England oder Spanien. Auch ein Juric wird sich nicht verstecken vor einer wichtigen Aufgabe…

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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