Fußball durch Fußball: Aus dem Trainerhandbuch von Spielverlagerung.de ! Über Trainingstipps, Umschaltspiel und eingeplante Ballverluste

Die Qualität der Entscheidung muss im Kontext des Spielstils bewertet werden, ist nur eine wertvolle Aussage und Analyse im sehr gelungenen Fußball-Fachbuch, „Fußball durch Fußball“, erschienen im Verlag „Die Werkstatt“, und aufgeschrieben sowie recherchiert, und dies mehr als gründlich, von den Autoren Marco Henseling und René Maric. Beide sind unter anderem für das Fußballfach- und Analyse-Portal Spielverlagerung.de aktiv. Henseling studierte übrigens Jura, und weist Erfahrungen aus dem Breiten- und Freizeitfußball vor, Maric, in Oberösterreich aufgewachsen, macht seinen Master in Psychologie und ist Amateurtrainer und ein gefragter Taktiktheoretiker. Das Buch zeigt auf über 230 Seiten, dass beide Autoren und Fußballkenner, den Fußball aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachten. Das Buch ist ein Fundus an modernen Fußballkonzepten, im Training wie im Wettkampf, und selbst der Nachwuchsfußball wird beleuchtet. Von daher ist es ein gelungenes Fachbuch für Trainer und Übungsleiter, für den Laien könnten manche Passagen jedoch eine Überforderung darstellen, wenn der Fußball „zu theoretisch“ wird.

„Für einen Spieler – und für jeden anderen Menschen – gibt es nichts Schöneres zu hören als: Gut gemacht!, dies sind die beiden besten Wörter, die je für den Sport erfunden wurden.“ (Sir Alex Ferguson (*1941), Trainerlegende und von 1986 bis 2013 bei Manchester United tätig.)

Das Buch von Henseling und Maric ist ganzheitlich und allumfassend angelegt, weil im Fußball eben auch viel mehr hineinspielt. So heißt es bereits in der Einleitung, „Man lernt, vergisst, erschöpft. erholt, sammelt Erfahrungen; sogar die Persönlichkeit ändert sich. All dies wirkt sich ebenso auf die Mannschaft als Ganzes aus.“ Auf diese fortwährenden Änderungen muss entsprechend reagiert und sich methodisch angepasst werden.

Und das sei im Junioren- und Amateurfußball genauso wie im hochbezahlten Profisport. Jeder Trainer muss sein Team im jeweiligen Kontext sehen, aber beachtet er sein Team und wichtige Dinge gut, so ist der Erfolg auch sehr gut planbar, so der Tenor.

Zu den hervogehobenen „Methodischen Grundlagen“, und wir reißen hier nur wirklich wenige Aspekte an, gehört z. B. auch, dass ein isoliertes Training von Technik, Taktik und Kondition längst überholt ist, denn, „jüngere Erkenntnisse in den Sportwissenschaften, und die Erfolge von Pep Guardiola, Louis van Gall und Mourinho“, haben dies längst gezeigt.

Denn jede Entscheidung in einem Spiel, zieht nämlich alle Komponenten in einem und im folgenden Augenblick nach sich.

Das Training soll nie nur Selbstzweck sein, sondern immer einen Sinn erfüllen, auf etwas hinarbeiten (übrigens sind viele wertvolle Graphiken und Trainingstipps für Übungen im Buch aufgeführt). Das Ziel ist ganz klar, dass Zufälle ausgeschlossen werden. Es heißt, „Das Ziel des Trainings ist es also, den Zufall so weit wie möglich auszuschließen, indem die Spieler lernen, situativ die richtige Lösung zu finden,“ und diese wenn möglich anschließend fehlerfrei auszuführen.

Außerdem ist im Buch ein weiteres Zitat eingestreut, von Christoph Biermann, deutscher Sportjournalist und Autor:

„Ein Trainer kann seinen Spielern sagen, dass sie kombinieren oder direkt spielen sollen, oder er kann Situationen schaffen, durch die sie dazu gezwungen werden.“

Der Ball sollte zwar immer „im Spiel“ sein, aber selbst die Spieler ohne Ball lernen dazu, müssen Lösungen anbieten für den ballführenden Spieler.

Im Buch wird auch die momentane moderne und präferierte Spielweise vieler Teams thematisiert. Zur „Erarbeitung des Spielstils“ wird besonders auf den „Kreislauf“, Eigener Ballbesitz – Gegnerischer Ballbesitz, eingegangen. Die eine Spielweise bedingt die andere: Vom Gegnerischen Ballbesitz muss das Umschalten vom eigenen Ballbesitz auf den gegnerischen Ballbesitz geschehen.

Und andersrum, Vom Eigenen Ballbesitz (Pfeil nach unten) das Umschalten von gegnerischem Ballbesitz auf eigenen Ballbesitz.

Louis van Gaal wie auch Guardiola bauten in ihre Taktik kontrollierte bzw. eingeplante Ballverluste ein, um den Gegner bei seiner eigenen Umstellung gleich wieder zu attackieren, und den Ball zu erobern, während der Gegner selbst noch „unsortiert“, bzw. in Vorwärtsbewegung ist.

Was wäre der Fußball bei aller Taktik aber ohne den Torschuss? Egal ob bei den Jüngsten oder bei den Profis, der Torschuss muss immer dabei sein – aber die Torschussübungen werden dem Schützen „mit unterschiedlichen Vorgaben“ näher gebracht. Es werden z. B. bewusste Fehler und Schwankungen, ja, Behinderungen, während des Ablaufs, eingebaut.

Das Coaching wird im Buch auch sehr gut und anschaulich beschrieben.

Dabei gehe es nicht immer nur um Fehlerkorrekturen, sondern auch darum, die Stimmung und Intensität im Training und Spiel zu beeinflussen.

Das Coaching und Führungsstile nehmen auch einen Part ein, und von Otto Rehhagel lernten die Trainer einst, was eine „demokratische Diktatur“ ist.

Außerdem, Erfolg erreicht man nicht dadurch, dass man ihn einfordert, sondern indem man aufzeigt, wie sich Situationen lösen lassen!

Zum großen Kapitel im Kindertraining bleibt fest zu halten, was wohl immer mehr Trainer vergessen, „Das primäre Ziel muss sein, das Interesse der Kinder zu wecken.“

Dafür, so im Buch, empfehlen sich Übungen stets in Spielform.

Es kommt auch ein interessanter „Straßenfußballer-Vergleich“ zwischen Südmerikanischen und europäischen Spielern vor, unterlegt mit einer Studie, wann wie viele südamerikanische Kicker jeweils noch in den K.O-Runden der Champions-League vertreten waren. Fakt ist, auch in Deutschland will man den Straßenfußball forcieren, aber die schlechten Platzverhältnisse in anderen Ländern, mach(t)en es notwendig, dass man sich in „Zweikampfsituationen nicht zu Fall bringen lässt“, weil Asphalt- und Schotterböden sonst massive Haut- und Knochenverletzungen verursachen können, halten die Autoren fest.

Zum Entwicklungsmodell:

„Gerade im jüngeren Nachwuchsbereich (unter elf Jahren) sollen von den Spielern verschiedene Positionen (gelernt und) bekleidet werden.

Die Ausbildung sollte auf keinen Fall zu eingleisig sein!

Sehr interessant im Buch auch das Interview mit den Juniorentrainern, Stefan Sevecke und Tobias Langner, ehrenamtliche Trainer eines Landesligaclubs bei Schwerin.

Sie setzten auf Spiel und Spaß mit Lerneffekten, und der Ball ist dabei. Torschussübungen in verschiedenen Variationen sind immer dabei, weil es die Kinder auch verlangen. Mal wechseln die Torhüter durch, mal hängt ein Leibchen im Tor im Winkel, das dann eben abgeschossen werden muss. In Kleingruppen erreiche man zudem mehr Ballkontakte für den Einzelnen.

Anhand der Eselsbrücke „Dorfkrug“, erklären beide Fachmänner und Autoren, worum es im ganzheitlichen Lernansatz geht:

D – Differenzierungsfähigkeit, darunter versteht man, Bewegungsabläufe zu beurteilen, was war angemessen, was muss ggf. dosierter werden, etc.

O – Orientierungsfähigkeit ist die Fähigkeit, (…) zur Veränderung der Lage und Bewegung des Körpers im Raum.

R – Rhythmisierungsfähigkeit, Dribbling und Schrittfolge müssen passen, etc.

F – Fähigkeiten in Wechselbeziehung

K – Kopplungsfähigkeit, soll heißen, wie man welche Kraft, und wann, einsetzt: beim Torschuss spielen viele Körperregionen und Muskeln, sowie Schrittfolgen eine Rolle.

R – Reaktionsfähigkeit

U – Umstellungsfähigkeit

G – Gleichgewichtsfähigkeit, den Körper bei allen Umständen in Balance zu halten

 

Die Motivation und Mentalität wird auch besprochen, und dass die Motivation, die ja meist auch gegeben ist, richtig kanalisiert werden sollte. Dabei ist Entspannung wichtig, auch bei Druck, so verkrampfen die Spieler nicht! Entspannung geht immer mit Selbstvertrauen einher (wie wir auch in einem Blog-Artikel beschrieben haben!).

 

Das Interview mit Roger Schmidt, dem Fußballlehrer von Leverkusen und ehemals Paderborn sowie Meister-Coach mit RB Salzburg, möchten wir hier ausdrücklich nicht vorwegnehmen!

Aber einen Satz haben wir, so wie Schmidt sein System beschreibt:

„Das ballorientierte Spiel gegen den Ball ist dann quasi schon ein Freilaufen für den Moment des Ballgewinns.“

Auch das neue und moderne Torwartspiel nimmt einen wichtigen Part ein: der „Torspieler“ soll mitspielen! Ob als Art „Libero“ oder gar aufrückend als erweiterter Innen- oder Außenverteidiger. René Higuita, der bunte Torwart-Allrounder Kolumbiens aus den 90ern, wird als Vorbild beschrieben. Higuita war wie ein „fliegender Torwart“, der gar Tore schoss.

Wie schon erwähnt, das Buch ist ein wahrer Taktik- und Übungsfundus, und selbst das Warmmachspiel, „Fünf gegen zwei“  oder „Sieben gegen drei“ in einem Kreis oder abgesteckten Feld, bekommt plötzlich eine viel wichtigere Bedeutung.

Schließlich gehört diese Übungsform bei Barca immer dazu: „El rondó“…

 

aber das lesen Sie, liebe Leser, dann selbst im Buch!

ISBN  978-3-7307-0215-4

 

 

 

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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