Fußball-Projekt DiPoFu: Der „Prof“ und der Fan-Beauftragte. Doppelinterview mit Professor Warndorf und Fabian Strauß

Über Marc Schnatterer und das Abbauen von Feindbildern, sowie das Fair Play!

 

Professor Peter K. Warndorf

Peter K. Warndorf (62),von der DHBW Heidenheim im Studiengang Kinder- und Jugendhilfe.

RUND berichtete bereits von Entwicklungen rund um den Zweitligisten FC Heidenheim, und was in der Stadt passiert. Die FCH-Fanszene wächst, und dass PFIFF, der „Pool zur Förderung innovativer Fußball- und Fankultur“ aus dem Ligaverband, die Initiative „DiPoFu“ (Dialogförderung Polizei und Fußballfans)mit 50 000 Euro fördert, lässt auch Hoffnungen wachsen. Den Akteuren geht es um mehr Sicherheit rund ums Fußballspiel. Das Projekt begleitet neben der Dualen Hochschule Heidenheim auch das Polizeipräsidium Ulm. Fans wie Polizei beteiligten sich an einer Online-Befragung. Die Ergebnisse werden noch ausgewertet, aber zwei, die den FC Heidenheim und dessen Aufstiege mitbekamen, zudem den Fußball sehr mögen, gaben RUND bereitwillig Auskunft, und können unterschiedlicher nicht sein: Fabian Strauß, 35, offizieller FCH-Fanbeauftragter sowie Professor Peter K. Warndorf (62),von der DHBW Heidenheim im Studiengang Kinder- und Jugendhilfe.

RUND: Guten Tag, beide gehören Sie quasi zu den „Stammgästen“ in der Heidenheimer VOITH-Arena. Sie, Herr Strauß, als Fanbeauftragter des FC Heidenheim, und Sie Professor Warndorf als Fan und Beobachter. Herr Strauß, für Sie ist ein Spieltag dann wohl ein Arbeitstag oder? Genießen Sie Spiele noch richtig?

Fabian Strauß: Ein Spieltag ist ein Arbeitstag. Bei Heimspielen ist es unterschiedlich, da kann es schon mal sein, dass man nur wenige Minuten je Halbzeit sieht. Auswärts sieht man in der Regel schon mehr vom Spiel.

RUND: …und was macht der Fanbeauftragte zwischen den Spielen die Woche über? Nach dem Match ist vor dem Match, nehmen wir an…?

Fabian Strauß: Ja, zwischen den Spieltagen werden die nächsten Spieltage vorbereitet. Dies mit allen Facetten. Kein Spiel ist in der Vorbereitung dem anderen gänzlich gleich. Es stehen noch eine Vielzahl anderer täglichen Aufgaben an. Projekte laufen auch nebenbei. Wenn man so will, Dienstleistung am Fan.

RUND: Professor Warndorf, was unterscheidet den FCH von anderen Clubs und Städten, die Sie bereits kennen lernen konnten?

Prof. Warndorf: Ganz klar: die Atmosphäre. Das sehr gemischte, erstaunlich faire Publikum. Ein Verein, der so geführt wird, wie man sich das wohl mehrheitlich noch immer wünscht: bodenständig, regional verbunden in jeder Hinsicht, mehr am Sport orientiert als am Kommerz, offen für Fußballfans aller Art. Ein Trainerteam, ein Vorstand und Mitarbeiter, die sich allesamt eher einer längerfristigen Perspektive verpflichtet fühlen, eine vergleichsweise geringe Fluktuation beim Personal bis hin zur Mannschaft. Man ist sich seiner lokalen, regionalen Bedeutung und Rolle bewusst und versucht dies mit Leben zu füllen. Hoffentlich kann das so bleiben – der Erfolg hat sicher „a la longue“ auch ein paar Schattenseiten, da können sich auch mal die Prioritäten verschieben. Das besorgt mich – ohne dass ich einen konkreten Anlass dazu hätte…

RUND: Herr Strauß, wie wird man eigentlich Fan-Beauftragter des FC Heidenheim, und muss man FCH-Fan sein, oder ist es hilfreich für den Job?

Fabian Strauß: Fan des Vereins zu sein, für den man auch Beauftragter sein darf, ist meiner Ansicht nach zwingende Voraussetzung. Idealerweise kommt man auch noch aus dem erweiterten Kreis der Fanszene. Anders wäre es meiner Auffassung nach fast nicht möglich, die Interessen der Anhänger im Verein vertreten zu können.

RUND: Und seit wann sind Sie beim FCH aktiv dabei?

Fabian Strauß: Seit dem Jahr 2004, und seit September 2012 hauptamtlich.

RUND: Professor Warndorf, dass Fabian Strauß ein eingefleischter Fan ist, dürfte klar sein. Wie sehen Sie sich, als Fan oder Fußballsympathisant, vielleicht als Enthusiast?

Prof. Warndorf: Wenn ich so darüber nachdenke, bin ich wohl tatsächlich am wenigsten Fan – (grübelt nur kurz) obwohl ich das auch bin, und am stärksten wohl Fußballenthusiast. Ich bin z. B. kein Lokalpatriot. Mir hat vor Jahren die Art des Spiels beim FCH begeistert. Ich weiß noch, wie tief ich – damals und noch immer – vor allem von Marc Schnatterer (Angreifer und Publikumsliebling im Team; Anm. d. Red.) beeindruckt war. Ein Ausnahmespieler, der trotz hoher individueller Fähigkeiten stets mannschaftsdienlich spielt. Und Tim Göhlert, ein kluger, schnörkelloser, zuverlässiger Spieler mit viel Übersicht. Ich mag die taktisch kluge Spielweise, wie Frank Schmidt sie Spieltag für Spieltag in neuen, jeweils angepassten Varianten der Mannschaft nahegebracht hat. Irgendwann bin ich von der Haupttribüne auf die Osttribüne „umgezogen“. Diese Hintertor-Perspektive lässt mich oft spieltaktische Erwägungen besser erkennen. Das fasziniert mich und macht meine Rückenschmerzen erst später bemerkbar… (fügt er schmunzelnd hinzu)

RUND: Wie sehen Sie die Heidenheimer Fanlandschaft?

Prof. Warndorf: …man sieht, wie mit den Erfolgen auch die Fanszene gewachsen ist, auch wenn sie noch recht überschaubar ist. Stolz sind wir natürlich, dass sich selbst ein Fanclub unter den Studierenden der Dualen Hochschule gebildet hat. Der „1. StuFa-Club Heidenheim“. Jedenfalls spricht man in der Stadt über den FCH!

Fabian Strauß: Die so genannte aktive Fanszene in Heidenheim ist insgesamt sehr jung, da eine komplette Generation an Fans fehlt. Nach den letzten größeren Erfolgen in Heidenheim Ende der 70er Jahre, gab es in Heidenheim lange Zeit kein höherklassiges Fußballangebot. Heidenheim hatte keine Fußballaufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Deshalb blieb auch die Jugend fern. Auf Grund dieser Tatsache fehlt die Generation dazwischen, die als ihren ersten „Erstverein“ den Heidenheimer Fußballverein für sich entdeckt hatte. Aber in den vergangenen Jahren ist eine breite Basis an Anhängern aus allen Altersschichten dazugekommen, die den 1. FC Heidenheim 1846 über das „Erlebnis“ Bundesligafußball für sich entdeckt haben und nun treu Woche für Woche auf den Schloßberg kommen!

RUND: Ist es teuer übers Jahr gesehen, ein aktiver Fan zu sein?

Fabian Strauß: Ein aktiver Fan zu sein kostet mit Sicherheit einiges. Aber auch das ist eine individuelle Frage, wie wichtig sie dem Einzelnen ist. Der eine gibt sein Geld beim Shopping aus, der andere bei Partys…

RUND: Prof. Warndorf, DiPoFu, die Dialogförderung Polizei und Fußballfans, die auch von Ihrer Dualen Hochschule begleitet wird, will die Kommunikation zwischen den Fans und der Polizei verbessern. Verständnis auf beiden Seiten durch Verständigung, quasi. Wie sehen Sie denn momentan den staus quo bundesweit? Prof. Warndorf:
Die bundesweite Perspektive kommt nicht ohne Sport- und Innenpolitik aus. Sie kommt nicht ohne Verbände aus, nicht ohne bedeutende kommerzielle Mitspieler. Es ist deprimierend auf dieser Ebene die Entwicklung der letzten Dekaden zu resümieren. Die Verbände sind „desavouriert“ – nun endlich für jedermann erkennbar. Die Politik orientiert sich offenkundig mehr an tages- und parteipolitischen Interessen, denn an jenen des Sports. Und die Sponsoren sind zumindest insofern transparent, als ihnen noch nie jemand andere Interessen als kommerzielle unterstellt hat, sie das auch von sich selbst eher selten behaupten. Am Sport als solchen, an den Zuschauern ist man bestenfalls in zweiter oder dritter Linie interessiert. Solange dies so bleibt – und ich sehe keinen Silberstreifen am Horizont – wird sich auch nichts Grundsätzliches zum Besseren verändern.

In dieser „Gemengelage“ sind zwei der bedeutendsten Akteure im Stadion (die Fans und die Polizei) allein gelassen mit ihrem jeweiligen
Rollenverständnis und ihrer jeweiligen Sicht der Dinge. Die Polizei sieht sich gezwungen, Probleme zu lösen, die sie nicht lösen kann, für die sie nicht verantwortlich ist, wo Scheitern also vorprogrammiert ist. Und wenn es dann kracht im Stadion sind alle geneigt der Polizei auch stets eine (Mit-)Schuld zu geben. Und die Fans? Die sollen für Stimmung im Stadion sorgen, die Merchandisingprodukte kaufen und sonst wieder schnell und ruhig verschwinden. Dieser externalen Rollenzuschreibung fallen Fans und Polizei gleichermaßen zum Opfer.

RUND: Wie sehen Sie Herr Strauß als Fan-Beauftragter die DiPoFu-Idee, Sie sind schließlich nah dran an den Fans, und manchmal auch an der Polizei nehmen wir an?

Fabian Strauß: DiPoFu ist ein interessanter Ansatz eines Versuches, gegenseitige (Feind-)Bilder aufzubrechen und einen Dialog anzustoßen. Wir begleiten das Projekt daher sehr gerne und sind gespannt, was trotz aller damit einhergehender Schwierigkeiten oder unerwarteten Widerständen am Ende der Erhebung an Ergebnissen herauskommt. Wir hoffen natürlich, mit diesen Ergebnissen auch arbeiten zu können…

RUND: Und Sie, Professor Warndorf, was versprechen Sie sich von DiPoFu?

Prof. Warndorf: Vor allem mehr Verständnis füreinander! Fußballfans – es sind alle gemeint, nicht nur die Fankurven! – spielen im Stadion ebenso eine bestimmte Rolle, wie dies die Polizei tut. Diese Rollen sind weitgehend durch die Gesellschaft vorgegeben, lassen aber durchaus noch hinreichend Spielräume für den Umgang miteinander. Es muß aber allseits darauf geachtet werden, dass die wechselseitigen Rollenerwartungen und Rollenzuschreibungen – auch jene, die von außen heran getragen werden – nicht dazu führen, dass man gewissermaßen mechanisch den Rollen entsprechend miteinander umgeht ohne dabei noch wahrzunehmen, dass die Träger von Rollen stets Menschen sind, die sich jenseits ihrer Rollen möglicherweise ähnlicher sind als allen bewusst ist. Wir werben also für ein differenzierteres Bild voneinander, für mehr Einsicht in die Dynamiken, für die Entwicklung gemeinsamer Kommunikationsstrategien im Umgang miteinander. Das muss natürlich im Grundsatz für alle Akteure im Stadion gelten, denn alle leisten ihren Beitrag für ein sicheres und unvergessliches Stadionerlebnis – oder eben nicht, wenn es schief gegangen ist. Wir fangen also gewissermaßen erst an mit dem „Projekt sicheres Stadion“ indem wir zwei der bedeutsamsten Protagonisten herausnehmen. Übrigens auch um deutlich zu machen, daß zwischen diesen eben kein antagonistisches Verhältnis besteht, dass es eben falsch und kontraproduktiv ist von einer „natürlichen Feindschaft“ auszugehen.

RUND: Da darf zum Schluss die Frage an den Fanbeauftragten nicht fehlen, was macht echte Fans aus, und wie wichtig sind „Ultras“ in der Fanszene?

Fabian Strauß: Wie wird ein „echter“ Fan definiert? Ich denke, das macht jeder mit sich selbst aus. Jeder FCH-Fan sieht sich sicher auf seine Weise als „echter“ Fan. Für mich ist ein echter Fan, ein Fan, der egal in welcher Situation, besonders in schlechten Zeiten, zu seinem Verein steht. Und die Ultras tun das, sie geben alles für den Verein. Sie sind diejenigen, die mit deutlichem Abstand die meisten Lieder anstimmen und beispielsweise für Choreos und Stimmung im Stadion sorgen. Diese und weitere Elemente sind für viele Fans und Zuschauer doch mit einer der Anreize, überhaupt das Stadion zu besuchen. Also sind die Ultras wichtig. Auch weil sie hin und wieder Vorgänge im Fußball kritisch hinterfragen…

RUND: … und das unterscheidet sie dann kaum von Prof.Warndorf und seinen Studierenden. Letzte Frage, wie nehmen Sie als „Prof“ und Wissenschaftler die Rolle und Entwicklung des Fußballs wahr?

Prof. Warndorf: Nun, ein Ultra bin ich zwar nicht (schmunzelnd), aber eine kritische Auseinandersetzung ist immer wichtig.
Die Entwicklung des Fußballs selbst ist eine bemerkenswerte. Ich kann da jetzt fast fünf Jahrzehnte halbwegs gut überblicken, zumal ich einst selbst in Schüler- und Jugendmannschaften gespielt habe, naja, ich fürchte, ich habe Fußball eher gearbeitet als gespielt. In dem damals meist gespielten 2-3-5-System war meine Rolle die des rechten Verteidigers oder rechten Läufers. Damals hat man sich (habe ich mich!) gänzlich auf den defensiven Teil beschränkt. Konstruktive Beiträge für die Offensive waren eher zufällig. Ich war ein brauchbarer Manndecker, war meist auf den Spielmacher oder Linksaußen des Gegners angesetzt. Rein destruktiv – wenn der ein Ausfall war, war ich gut. Aus heutiger Sicht wurde damals (auch im Profibereich) häufig Standfußball gespielt, gab es Ruhephasen für einzelnen Spieler oder ganze Mannschaftsteile – aber auch großartige Dribblings, Zweikämpfe, Einzelaktionen. Das ist heute unvorstellbar!

Ich liebe das heutige Spiel, das spielerisch – und das heißt: technisch, taktisch, konditionell und intellektuell – ungleich anspruchsvoller geworden ist. Das gefällt mir, wie gesagt. Was mir nicht gefällt, ist eigentlich fast alles andere um den Fußball herum: die Kommerzialisierung in all ihren Facetten wird schon mittelfristig zu einer Entfremdung führen zwischen jenen, die den Sport professionell betreiben, ihn organisieren, regulieren, ausbeuten auf der einen Seite und jenen, die Fußball gerne… kurz – Der Fußball als Sport wird stranguliert, weil man offensichtlich glaubt, dass der Hauptzweck dieses Tuns darin besteht, dass möglichst viel Geld verdient werden soll und an diesem Erfolg immer mehr sportfremde Akteure partizipieren wollen. Die Werte, für die dieser Sport
(Sport allgemein) angeblich steht, werden viel zu oft, viel zu offensichtlich mit Füßen getreten. Auf dem Platz und neben dem Platz, und vor allem auf der Funktionärsebene. Fair Play ist viel zu wichtig, als zu einer belächelten Eigenschaft zu verkommen!

RUND: Meine Herren, vielen Dank für das interessante Interview.

http://rund-magazin.de/news/1483/76/Interview-Strauss-und-Warndorf-Teil-1/

 

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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