Haben Schach und Fußball Gemeinsamkeiten? Na, klar! Zwei Mannschaften begegnen sich auf einem abgesteckten Feld, und die Regeln sind bereits uralt!

Es gibt etliche (nicht nur ehemalige) Fußballprofis, die den Fußball, besonders bei Taktikfragen und Spielsystemen, nicht nur mit dem Schachspiel vergleichen, nein, sie spielen auch Schach.

Marco Bode (ehemaliger Nationalspieler und eine Spielerlegende des SV Werder Bremen) sowie Meistertrainer Felix Magath fanden beim Schach in der Freizeit immer einen angenehmen Ausgleich. Beide heben die Einfachheit des Spiels, das abgesteckte Feld und die „uralten“ Regeln hervor.

…ein lesenswerter Artikel eines ambitionierten Juniorentrainers!

Rasenschach!?

IDEE: Yannick Semet | TEXT: Yannick Herkommer | LAYOUT/GESTALTUNG: Sven Schall

Der 10-Jährige Yannick Semet spielt leidenschaftlich gerne beim TSV Alfdorf Schach und war früher in seiner Altersklasse der Drittbeste Schachspieler Deutschlands. Wenn er nicht nicht gerade mit dem Brettspiel beschäftigt ist oder in der Schule sitzt, dann schnürt der Pfahlbronner seine Fußballschuhe für den 1.FC Normannia Gmünd. Denn auch auf dem Fußballplatz zeigt er großes Talent und führt sein Team als Kapitän aufs Feld. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Jugendtrainer Yannick Herkommer (21), der mittlerweile in der Jugendabteilung des VfR Aalen als Assistenz-Trainer in der U12 arbeitet und großer Bewunderer von BVB-Coach Thomas Tuchel ist, kam die Idee, beide Sportarten gegenüberzustellen.

Fußball ist wie Schach – nur ohne Würfel.“, stellte der deutsche Fußballweltmeister Lukas Podolski, derzeitiger Spieler vom türkischen Verein Galatasaray Istanbul, fälschlicherweise fest. Dennoch hat der 30-Jährige Offensivspieler mit seiner Aussagenicht unrecht: Fußball ist wie Schach. Zumindest sehr ähnlich. Was auf den ersten Blick skurril erscheint, macht trotzdem Sinn. Ein Vergleich zwischen zwei Sportarten, die mehr Ähnlichkeiten haben als man denkt.

Es ist Samstagnachmittag. Pünktlich ab 15:30 Uhr rollt der Ball in der Beletage des deutschen Fußballs. Zehntausende Fans, Familien und Fußball-Liebhaber füllen Wochenende für Wochenende große Stadien in ganz Deutschland. Perfekt ausgestattet mit Trikot ihrer „Stars“, wie es zum Beispiel Marco Reus, Robert Lewandowski oder Leroy Sané sind, peitschen sie ihr Team ununterbrochen mit Fangesängen nach vorne, brechen nach Toren ihrer Mannschaft fast euphorisch in Jubelstürme aus, hoffen, schimpfen und verzweifeln. Nach 90 spannenden Minuten voller Emotionen ist das Spektakel zu Ende. Doch in der „Nachspielzeit“, den sozialen Medien wie Facebook oder Twitter, im Fernsehen beim Sportstudio oder in den Printmedien am nächsten Tag werden sämtliche Details nochmals aufgearbeitet, Fragen geklärt und Statistiken ausgewertet.

Doch wenn man genauer hinschaut und sich mal an den reinen Merkmalen des Fußballspiels orientiert, erkennt man, dass eben mehr passiert als ein Spiel, das man einfach mal so spielt; zwei Mannschaften stehen sich in meist symmetrischen Grundordnungen wie zum Beispiel dem „(1)-4-4-2-flach“ auf einem rechteckigen Feld gegenüber und versuchen innerhalb gegebener Regeln ein Ziel zu erreichen: den Ball in die gegnerische Endzone“, das Tor, zu befördern. Ähnlich ist das doch beim Schach, oder nicht? Das Endziel ist es doch, dass die insgesamt sechzehn Figuren auf dem Feld, also dem Schachbrett, möglichst geschickt zusammenarbeiten um Angriffe nach vorne zu tragen, um im besten Fall, das gegnerische Team beziehungsweise den „Torspieler“, also den König zu besiegen.

Des Weiteren gibt es auch in taktischen Aspekten viele Gemeinsamkeiten: so überlegen sich die Übungsleiter, wie der Startrainer des FC Bayern München Josep „Pep“ Guardiola oder Thomas Tuchel von der schwarzgelben Borussia aus Dortmund im Vorfeld der Spiele und nach angefertigter Gegneranalyse ganz genau, wie sie ihren Spielaufbau gestalten möchten, in welchen Zielräumen sie vor allem präsent sein möchten oder wie sie den Ball schnellstmöglich zurückerobern können. Dabei stehen ihnen verschiedene Spieler mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Stärken und Schwächen zur Verfügung. Ähnlich wie im Schach die Figuren mit unterschiedlichen Bewegungsschemata. So stellt der spanische Autor Martí Perarnau, in seinem Buch über Guardiolas erstes Jahr in München, fest: „Guardiolas Hirn gleicht dem desSchachspielers, der alle Bewegungen einschätzt und abwägt, die eigenen wie die gegnerischen, und die Spielentwicklung antizipiert. Ganz gleich,gegen wen gespielt wird, die Vorbereitung ist immer dieselbe: Erst wenn alle denkbaren Varianten unter die Lupe genommen und eingeordnet sind, wird er sich entspannen. Und wieder von vorn beginnen.“

Thomas Tuchel, vielleicht der aktuell beste deutsche Trainer(?), gilt als moderner Vorreiter und Verfechter von „spielintelligenten“ Profis. So erklärte der Schwabe einst auf eine Pressekonferenz, dass seine Spieler für sein Training zwar kein Abitur brauchen, aber vor allem ein hohes Maß an Konzentrationund Kreativität. Eben auch jene Eigenschaften die für eine erfolgreiche Schachpartie essentiell sind. „Latente Überforderung und komplexe Regeln, um im Spiel dann, trotz Stress-Situationen, Freiheiten ausnutzen zu können“, so Fußballerlehrer Tuchel über seine besonderen und modernen Trainingsmethoden.

Setzt man bei gegnerischem Ballbesitz auf ein aggressives, frühes „Pressing“ oder wählt man doch besser ein passiv, lauerndes Verhalten und wartet auf Fehler des Gegners? Genau diese Frage müssen sich auch Schachspieler vor jeder Partie stellen. Aus einem Repertoire unzähliger Spieleröffnungen wird diejenige gewählt, von der man sich die größten Erfolgsaussichten erwartet. Doch was passiert, wenn der gegnerische Trainer (oder eben Schachspieler) anders spielt als erwartet? Die Kunst liegt dann darin, die eigene Taktik zu überdenken und dann so zu modifizieren, dass die Schwachstellen im gegnerischen System ausgenutzt werden. So sagte der Schachgroßmeister Savielly Tartakower einmal: „Der Taktiker muss wissen,was er zu tun hat, wenn es etwas zu tun gibt; der Stratege muss wissen, was er zu tun hat, wenn es nichts zu tun gibt.“

Und so weiß auch der frühere Bundesligaspieler und heutige Fußballtrainer Felix Magath, der selbst ein großer Schachfan und stolzer Besitzer der Schachsoftware „Fritz“, wie eng doch die beiden Spiele verwandt sind. Und so ist er der Überzeugung, dass alle Fußballer Schach spielen sollten weil von Sportler Strategie und Taktik beherrscht werden müssen um Spitzenleistungen zu vollbringen“. So sieht er vor allem die große Gemeinsamkeit darin, dass es im Schach wie im Fußball immer darum geht nicht nur irgendeine, sondern möglichst immer die beste Entscheidung zu treffen. Den Ball abspielen oder doch besser schießen? Eine Figur opfern um damit im nächsten Schritt einen vielversprechenden Angriff zu starten – oder doch lieber nicht? Solche Entscheidungen müssen beide Sportler unter akutem Zeit- und Gegnerdruck andauernd neu treffen und somit teilweiße hochkomplexe Gedankenprozesse ansteuern. So liefert aber auch die Sportwissenschaft einige hervorragende Beispiele und Studien, warum Schach die ideale Ergänzung zum beliebten Ballspiel ist. Gerade in Zeiten in denen selbst die vermeintlich „Kleinen“, Teams wie es der SV Darmstadt 98 oder der FC Ingolstadt sind, athletisch gesehen auf einem Topniveau sind, Defensivstrategien entwickeln und einen regelrechten Abwehrriegel vor dem eigenen Tor aufbauen, gerade dann braucht esvor allem eines: Kreativität. Und denkt man dann an den vor kurzem zum fünften Mal als Weltfußballer gekürten Ausnahmespieler Lionel Messi, soweiß man dass dieser mit Geistesblitzen die gegnerischen Abwehrketten aufreißt und so gekonnt seine Mitspieler in Szene setzt. Zwar bringt Messi natürlich auch die dafür technischen und athletischen Voraussetzungen mit, dennoch ist seine mentale Stärke, seine Kreativität, die Spielübersicht und die Spielintelligenz eine seiner großen Stärken. Und so gibt es im Internet einige Studien darüber das Schach diese Fähigkeiten ausbildet und verstärkt. Die Kreativität wenn es darum geht Lösungsansätze zum „Matt setzen“ zu finde, das gesamte Feld jederzeit zu überblicken und potenzielle Chancen und Risiken abzuschätzen. Eine Studie der Universität im amerikanischen Pennsylvania fand heraus, dass Sechstklässler mit Schachspielen ihr Gedächtnis und ihr verbalen Fähigkeiten im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern die eben nicht Schachspielen, deutlich verbesserten. Man darf gespannt sein, in welche Richtung sich das Schachspiel in Zukunft entwickelt. Man kann auf jeden Fall viele Ansätze erkennen bei denen sich die beiden Spiele nicht wirklich unterscheiden. So empfiehlt es sich auch, insbesondere zur Ausbildung verschiedener und vielseitiger koordinativer und mentaler Fähigkeiten, eine Ergänzungssportart zu wählen. Ob das Brettspiel dann das Ballspiel ergänzt oder analog umgekehrt, muss dann jeder für sich selbst entscheiden. Es ist kein Glücksspiel, auch wenn es wie im Fußball auf die Tagesform der jeweiligen Parteien ankommt. Werder Bremens Coach Viktor Skripnik behauptete einmal in einem Interview, dass ein Fußballspiel zu zwanzig Prozent vom Glück entschieden wird. Wie auch immer. Man stelle sich nur die Kombination aus beiden Sportarten vor: ein kluges, komplex denkendes Gehirn eines Schachgroßmeisters á la Garri Kasparow oder Magnus Carlsen in Kombination mit einem Hochleistungskörper eines Spielers wie Bastian Schweinsteiger oder Pierre- Emerick Aubameyang. Eine perfekte Kombination! Zum Abschluss bleibt die Erkenntnis und die Hoffnung, dass der Schachsport in Zukunft mehr Beachtung und Glanz in der (deutschen) Sportwelt findet. Schließlich erbringen Spieler wöchentlich ebenfalls Topleistungen ohne dass sie dafür Millionenbeträge verdienen. Vielleicht – und es wäre demSchachsport wirklich zu wünschen – sehen wir dann bei den Olympischen Spielen 2020 im japanischen Tokio, neben Leichtathletik und Schwimmen auch die eine oder andere Partie Schach im Fernsehen.

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Yannick Herkommer ist ein junger ambitionierter Assistenz-Trainer beim VfR Aalen in der U12, und unterstützt U12-Cheftrainer Felix Rolser. Beide Junioren-Trainer schauen bereits im Jugendbereich „über den Tellerrand“, was weitere Komponenten (auch aus anderen Sportarten) für das Fußballtraining angeht.

 

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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