Mario Brandl: Das Heidenheimer NLZ trägt seine Handschrift

JUGENDFUSSBALL

Die Professionalisierung frisst ihre Trainer

Auch im höherklassigen Juniorenfußball werden verdienstvolle Mitarbeiter inzwischen über Nacht ausgetauscht: Mario Brandl erging es so beim 1. FC Heidenheim. Von Giovanni Deriu / RUND-Magazin
Mario Brandl

Fußballbegeistert: Mario Brandl war von 2008 bis 2015 beim

1. FC Heidenheim

Der 1. FC Heidenheim hat sich als Aufsteiger in der 2. Bundesliga gehalten. Und auch im Nachwuchsbereich gibt es einiges zu feiern: die U19 des Zweitligisten steigt in die Junioren-Bundesliga auf, und darf sich unter anderem mit dem VfB Stuttgart, der TSG Hoffenheim 1899 sowie dem SC Freiburg messen.

Die Planungen für die kommende Saison laufen, und der FCH verstärkt sich gerade damit, einige Ergänzungsspieler des VfB Stuttgart abzuwerben. Einer, der sich mit Training, Saisonvorbereitungen und Nachwuchsleistungszentrum-Konzeptionen auskennt, ist Mario Brandl (39). Brandl, Familienvater und einst selbst ein ehrgeiziger Kicker, bis er verletzungsbedingt aufhören musste, kennt sich als „Bub“ von der Ostalb in Heidenheim bestens aus.

Dort war Brandl seit 2008 aktiv, vom ersten „Azubi der Vereinsgeschichte“ bis hin zum Leiter des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ). Begonnen hat er in der Nachwuchsabteilung als Co-Trainer, später wurde der 39-Jährige verantwortlicher Coach der U17 und U19. In der vergangenen Saison 2013/14 verpasste das Team den Aufstieg in die Bundesliga nur knapp.
Die Kaderzusammenstellung für die neue Saison ließ der Club den Nachwuchskoordinator und U19-Trainer noch übernehmen, aber bereits bei ersten Training warteten die Junioren vergeblich auf Brandl.Da sitzt Brandl nun, in seinem schönen aber asketisch eingerichtetem Büro eines restaurierten Altbaus in Aalens Innenstadt. Der Markt im Juniorenfußball gab so kurzfristig nicht mehr viele Stellen her, und so „vermittelt“ Brandl nun selbst als Berater und Vermittler arbeitssuchende Menschen. Brandl auch da ganz im Einsatz, aber ganz klar, der Fußball ist sein Ding.
Hat der ehemalige NLZ-Leiter des FC Heidenheim das Aus vorhersehen können? Dieses plötzliche Aus im Club, wo Brandl einst als erster Auszubildender zum Bürokaufmann begann?
Der Fußballtrainer und Arbeitsvermittler überlegt nur kurz: „Ja, aber so ist es nun einmal im Fußballgeschäft.“ Man müsse immer mit Allem rechnen. Dass er anfangs überrascht war, und auch, dass es ein „bisschen weh tat“, gibt Brandl gern zu. Hatte er doch als NLZ-Leiter und Trainer, der täglich bestimmt zwischen „zehn und vierzehn Stunden“ auf der Geschäftsstelle für den Club rund ums schmucke Stadion (Voith-Arena) arbeitete, viel Zeit und Emotionen in seine Tätigkeiten gesteckt.Dass der 1. FC Heidenheim heute so eine gut funktionierende Infrastruktur im Nachwuchsbereich hat, liegt natürlich auch an Brandls Engagement und Zutun.
Damals, erinnert sich Brandl, Inhaber der UEFA A-Lizenz, „mussten wir im Winter auf einem Aldi-Parkplatz trainieren …“, weil der Trainingsplatz vereist war. In der Zwischenzeit so Brandl, gibt es einen Kunstrasenplatz mit Rasenheizung (auch nicht überall usus), sowie das NLZ in der Arena integriert, ganz nach Vorgaben des DFB. Und der Richtlinien-Katalog des DFB hat es in sich. Die Entwicklung bis war rasant, und FCH-Geschäftsführer Holger Sanwald ist bekannt dafür, dass zwar das Beste gerade gut genug ist, es aber, ganz schwäbisch, bitte auch nicht zu viel kosten darf.Jedenfalls, so Brandl, unser Coach im Wartestand, war er sich mit Holger Sanwald bereits vor sechs Jahren in den ersten Gesprächen schnell einig in der Zielrichtung: „Das NLZ musste entstehen, um den Seniorenbereich mit qualitativ guten Spielern zu unterstützen.“ Wert legte der FCH zu Brandls Zeiten auf Talente der Region, in Ausnahmen aus bis zu „200 Kilometern Entfernung“. Heute erscheinen schon mal Spieler aus Hamburg und Dortmund zum Probetraining.

Es wird im U19-Bereich aufgerüstet, die U23, ein wichtiger Unterbau der Aktiven im Lizenzspielerbereich, wurde abgeschafft. Man wolle die Kosten eher bei den Junioren einsetzen. Ob diese Philosophie Erfolg bringt, bleibt abzuwarten.
Das alles ficht Brandl, der einen sehr motivierten Eindruck macht, und stets voller Emotionen seine Teams betreute, nicht mehr. Er ist mit sich im Reinen, und immer auf dem Laufenden. Bei wichtigen Trainer-Tagungen ist Brandl dabei, pflegt Kontakte und wird schon das ein oder andere Mal von Clubs kontaktiert um Begegnungen zu beobachten.

In Brandl brennt es also immer noch. Beim FCH hatte er zu viel abgedeckt – fast zu viel für eine Person: Trainer, Leiter der Fußballschule zu Beginn, dann das NLZ und die ganze Planung, Betreuung der Internatsspieler sowie die zahlreichen Elterngespräche und Spielerbeobachtungen und die Zuständigkeiten als Sicherheitsbeauftragter und für die ganze Ausrüstung von Bambini bis Profis. Brandl ging darin aber auf, wie er bestätigt. Ein bisschen weniger könnte es aber dennoch sein in der Zukunft, wenn denn der richtige Verein auf ihn zu käme. Brandl will wieder eine sehr gute Mannschaft zusammenstellen, die fokussiert ist auf den Erfolg, aber in der es auch sozial und menschlich zugeht.Giovanni Deriu (43), schreibt regelmäßig für RUND und beobachtet Trainer und deren Biografien.

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.