Mister Manchester United – Alex Ferguson, ein smarter Trainer

BUCH-TIPP

Vom Pubbesitzer in die Champions League

Die Autobiographie von Alex Ferguson liefert einen spannenden Einblick in die Arbeitswelt eines Topklubs. Der schottische Erfolgstrainer lässt sich nach seiner Karriere auf 430 Seiten tatsächlich in die Karten schauen.

 Biographie Alex FergusonStolz wie ein Schotte: Alex Ferguson stellt seine Biographie vor.

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  Alex Ferguson, ein Großer seiner Zunft, Schotte dazu, prägte 27 Jahre das Gesicht und die Geschichte des englischen Traditionsvereins Manchester United. Ein Vierteljahrhundert lebte Alex Ferguson für ManU – dass dabei einiges an Erlebnissen zusammenkommt, ist einleuchtend. Ferguson ist aber auch immer eine streitbare Person geblieben – und so gelungen die Autobiographie von „Sir“ Alex Ferguson (erschienen im Edel-Verlag: Alex Ferguson – Meine Autobiographie) auch sein mag, gleicht sie doch an vielen Stellen einer Abrechnung mit alten Weggefährten und mit Trainerkollegen. Zwar nie richtig derb, aber subtil feinsinnig, wie „Föhn“ Alex Ferguson selbst.

 Dass Alex Ferguson den Spitznamen „Föhn“ erhielt, liegt daran, dass der Teammanager von ManU seine Spieler teilweise verbal so anbrüllen konnte aus nächster Entfernung, dass die Haare allein vom „Sprachwind“ trocken wurden. Selbstironisch und feinsinnig nimmt der Coach in der Autobiographie Stellung dazu, auf einer Abschiedstorte ragte einst auch ein nachgebauter Föhn aus Teig und Zucker heraus. Zum „Sir“ und Ritter geschlagen wurde Alex Ferguson just nach dem unerwarteten Erfolg im Landesmeister-Finale 1999 gegen die Münchner Bayern. Immerhin führten die Bayern bis zur 89. Minute. Die zwei Tore und der Sieg in der Schlussphase von ManU machten Ferguson sowie das Team unsterblich. Den gleichen Pott mit den Elefantenohren holte Sir Alex dann noch 2008 in Moskau ausgerechnet gegen Chelsea im Elfmeterschießen – in der Champions League.
Im knapp 430 Seiten starken Buch, schreibt Alex Ferguson von Höhen und Tiefen, die er emotional erlebte. Zu den absoluten Tiefen, schon im Ausklang der großen Karriere, gehörten natürlich die verlorenen Cup-Finals in Rom und London (2009 und 2011) jeweils gegen Pep Guardiolas  „Barca“. In einem eigenen Kapitel (von 25) beschreibt er den übermächtigen katalanischen Gegner mit „Die Kleinsten sind die Größten“, gemünzt auf die kleinen aber wendigen wie ballsicheren Spieler (Iniesta, Messi, Xavi). Klein, aber „Mut wie Löwen hatten sie“, fasst Ferguson zusammen.
Dass Ferguson zum 1941er-Jahrgang gehört erfährt man im Buch dadurch, dass Sir Alex‘ Abschiedsgeschenk des Teams in Form einer Rolex aus eben Fergusons Geburtsjahr bestand. Es war die Idee von Abwehrrecke und Uhrenliebhaber Rio Ferdinand. Eben diesem Ferdinand, englischer Abwehrspieler und oft genug „enfant terrible“, dem ManU auch zur Seite stand, als dieser, wegen einer geschwänzten Doping-Kontrolle nach dem Training, acht Monate gesperrt wurde. Ferguson, ganz Sir, und mit seiner eigenen Erfahrung und Psychologie: „Rio Ferdinand war kein Dopingsünder. Das hätten wir bemerkt.“ Schließlich hätten sie es ihm sonst an den Augen angesehen. Rio (ein eigenes Kapitel im Buch) sei eben immer locker drauf gewesen.
Ferguson schreibt auch über seine Jugendzeit in Glasgow geboren. Es kommt dem Leser so vor, als müsse er sich für seine schottischen Wurzeln immerzu entschuldigen. Schotten zögen auch nur in die weite Welt, um sich zu verwirklichen, kurz, um Erfolg zu haben. Den hatte Alex Ferguson. Schottischer Nationaltrainer wurde er nie, und der englische Verband fragte ihn auch nie – darauf aber wird er nicht eingehen. Wer weiß was dem Verband der Three Lions  entgangen ist?
Die Premier League, erfährt der Leser, kann sehr aufreibend und kräftezehrend sein. Mannschaften musste er häufig umstellen. Wer das nicht könne, sei selbst schuld. Jedenfalls gestaltete sich der Umgang Fergusons mit anderen Trainern schwierig. Egal wie sie hießen.
Arséne Wenger zum Beispiel. Dem fiel es anscheinend stets schwer, Fehler der eigenen Mannschaft anzuerkennen, und er akzeptierte kaum die Leistungen anderer. Ferguson dazu: „Die Probleme fingen ab da an, als er ein Spiel mit seinem Top-Team bei uns verlor.“ Wenger beanstandete jedes Tackling. 17 Jahre blieb Wenger ein Rivale, man verstritt und versöhnte sich wieder.
Ebenso angespannt war das Verhältnis zum „Kontroll-Freak“ Rafa Benítez. Der Spanier zeigte gar kein Interesse, sich mit anderen Trainern anzufreunden. Gönnte Ferguson Benítez vielleicht nicht den errungenen Champions-League-Sieg gegen den AC Milan nach einem 0:3-Rückstand? Immerhin, Zugeständnis von Ferguson: „Rafael Benitez ist stark.“
José Mourinho darf nicht fehlen – schnell wuchs beim ManU-Coach die Erkenntnis, es wäre ungeschickt, sich mit ihm auf einen psychologischen Kampf einzulassen. Fergussons Assitenzcoach Carlos Queiroz, den Alex noch heute sehr schätzt, warnte seinen Chef: „Er ist ein überaus schlauer Bursche“, Queiroz hatte ihn schließlich ausgebildet. Rein emotional ritten Ferguson und Mourinho die selbe Welle. Sie waren sich zu ähnlich, um allzu lange in Streit zu bleiben. Beide Weinliebhaber köpften nach Spielen die eine oder andere Flasche eines guten Tropfens. Auf Fifa-und Uefa-Seminaren für Trainer suchte man sich stets für den Austausch.
Allerdings, Alex konnte auch gut mit Pep Guardiola. Mourinho genoss seinen Erfolg, anno 2005 musste ManU dem neuen Meister Chelsea um Mourinho im eigenen Stadion eine Ehrenformation abgeben. „Psychologisch gesehn, ein großer Moment für Chelsea“, so Ferguson im Rückblick.
 
Ryan Giggs, oder Paul Scholes, genauso Cristiano Ronaldo (das größte Talent, das Ferguson trainieren durfte) werden ausführlich gewürdigt, èric Cantona interessanter Weise nicht. David Beckham wird auf über 15 Seiten gelobt aber auch subtil „runtergemacht“. Warum? David Beckham hatte immer den Willen, mehr aus sich zu machen – jedoch zu früh beschäftigte sich Beckham damit, eine eigene „Marke“ zu werden. Der Fußball trat, aus Fergusons Sicht, in den Hintergrund. Jedoch, wie „Becks“ auch nach seinem Abstecher in den USA wieder kam, um in Mailand und bei Paris Saint-Germain die jeweiligen Mannschaften mitzugestalten, „mein ganzer Respekt“.
 
Vertrauen, Loyalität und Freundschaft sind Ferguson immer wichtig gewesen. Die „Psychologie“ bekommt auch ihre Seiten weg, „Man muss den Spielern immer reinen Wein einschenken“, so Alex‘ Maxime sowie: die eigenen Spieler „nie“ nach einem vergeigten Spiel in den Medien „runterputzen“. Eiserne Trainerregel. Das gesamte Team dagegen schon.
 
Frau Cathy war stets an seiner Seite, und auch dass Ferguson in jungen Jahren Pub-Besitzer war, der genau zuhörte, wenn seine Gäste redete, wird dem Leser nicht vorenthalten. Das Buch ist, auch wenn von einem Exzentriker verfasst, ein Muss in jedem Bücherregal eines Fans oder Fußballtrainers.
 
Giovanni Deriu, 43, Redakteur und in der Erwachsenenbildung tätig (Biographiearbeit), analysiert Biographien.
 
Buch-Tipp: Alex Ferguson: Meine Autobiographie, 430 Seiten, ISBN 978-3841902733, Edel Verlag, 22,95 Euro.

Biographie Alex Ferguson

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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