Napoli und der SSC: Eine fußballverrückte, nein, eine fußballbesessene Stadt. Nur hier konnte Diego Maradona einst landen. Das Umfeld war wie für ihn geschaffen. Heute gehört der SSC wieder zu den interessanten Top-Clubs

„Neapel sehen, und dort Fußball spielen – ein Maßstab für jeden Profi“

 Erst einmal ein Lob, für den Autor und Journalisten Oliver Birkner, auch wenn dieser auf die „Blumen“ nicht angewiesen ist, und sich bestimmt nichts daraus macht. Aber, das im Verlag „Die Werkstatt“ erschienene Buch (bereits anno 2013) „Eines Tages im Mai – Die Geschichte des SSC Neapel“, ist ein absolut gelungenes Werk, eine Biografie des Clubs, der Stadt, und ja, an Diego Maradona kommt keiner umhin, der über Napoli berichtet. Immer wieder schafft es der Verlag, „Die Werkstatt“, schöne Porträts und Biografien zu veröffentlichen – in dem Fall eine Clubbiografie. Dass dieses Buch sehr kurzweilig und dennoch voller geschichtlicher Daten gespickt ist, liegt am Autor Birkner selbst – ein schreibender „Allrounder“, Amerikanistik, Theaterwissenschaften und Germanistik einst studiert, berichtet (e) Birkner als Korrespondent (nicht nur) für den „kicker“ aus Italien. Und da wir selbst schon mehrmals in Neapel waren in den vergangenen Jahrzehnten, können wir uns auch ein Urteil erlauben: auf über 250 Seiten lebt nicht nur der neapolitanische Fußball wieder auf. Das Buch ist wie Neapel selbst, voller Leben.   Napoli, besungen und beschimpft, strahlt diese Stadt unterhalb des Vesuvs immer eine morbide Faszination aus. Dass die Neapolitaner andere Italiener sind, und damit auch offen kokettieren, das steht fest. So schreibt Birkner im Prolog dann auch zutreffend, „Nennt sich Barcelona gern >mès que un club< (mehr als nur ein Verein), dann ist Napoli überhaupt kein Club, sondern der Seelenzustand einer Stadt.“

Neapel, oder eben, Napoli, ist ein „bizarrer Kosmos“. So wie im Lied des neapolitanischen Volksbarden, Pino Daniele, „Napule è“, trifft es richtig zu: „Neapel, die ganze Welt kennt diesen Traum, aber nicht die Wahrheit. Neapel, das sind tausend Farben.“ Und Gerüche – alles vermischt sich: Die erbitterte Sonne, die Gassen, der Duft des Meeres, der Schmutz, der keinen groß interessiert. Zu schön sei Neapel.

Oder weniger schmachtvoll meint ein Außenstehender aus dem anmaßenden Norden Italiens, aber immerhin ehrlich: „Wenn du kommst, weinst Du zweimal – bei der Ankunft und bei der Abreise.“

In diese „Napoletanità“ hinein (Seite elf – „Ich bin Weltbürger, ich habe drei Jahre Militärdienst in der Nähe von Mailand geleistet“, so Totó, eine neapolitanische Filmfigur), wurde Diego Armando Maradona gespült, und als der SSC Napoli dann auch noch 1987 zum aller ersten Male die italienische Meisterschaft gewann, feixte ein großes Plakat, gerichtet an den italienischen Nordens: „Mitten ins Gesicht des anderen Italiens!“

Zu groß war die Genugtuung. Geschichtlich gibt das Buch sehr viel her, man erfährt, was Napoli früher war, und wie eben der SSC Neapel entstand.

Neapel war schon im 18. Jahrhundert eine anziehende Hafenstadt. Napoli galt als Tor zu Europa. Noch heute ist Napoli von den Einflüssen der Griechen, Araber, Spanier oder Franzosen geprägt – und sie spiegeln sich auch im heutigen Leben und in den Gesichtern der Neapolitaner wieder. Gesprochen wird in Napoli sowieso ein ganz eigentümlicher Dialekt. Schwer nachzuvollziehen für die Italiener weiter oben.

Schon immer herrschten in Neapel eine eigene Moral und Logik. Entstanden auch aus der Situation heraus, dass jeder Tag (auch wegen des Vulkans Vesuv) der letzte sein könnte.

Sport- und Spielsüchtig waren die Neapolitaner anscheinend schon immer, irgendwie musste ja Geld hinein kommen, und wo, wenn nicht bei Wetten, unter anderem auf den Sport. Bereits 1891 „schnaubte ein Traktat über die Stadt“, so schreibt Birkner: „Das neapolitanische Volk stirbt nicht an Alkohol und Delirium tremens, es zersetzt sich und stirbt am Lotto.“ Aber Neapel war auch immer dafür bekannt, sich mit allen Unwägbarkeiten zu arrangieren, man hilft sich untereinander aus.

Die Pizza, sowieso als Original nur aus Napoli stammend, war auch das Essen aller, und besonders, der Armen.

Als ein neapolitanischer maskierter Gangster einmal einen Mann beim Verlassen eines Ristorante mit der Pistole abfing, hatte er es nicht auf dessen Portemonnaie abgesehen, sondern auf die vier Pizzen: „Jetzt können meinen Kinder heute Abend wenigstens essen…“. Einige Pizzeria-Besitzer  kehrten daraufhin zum einstigen „Usus schwieriger Zeiten“ zurück – „Pizza ad otto“, iss` heute, zahle in einer Woche.

Viele Neapolitaner stehen noch heute früh morgens auf, und wissen nicht, wie viel Geld sie tagsüber, und vor allem, womit, verdienen werden. Viele Bürger Napolis zogen auch in den „verhassten“ Norden, um dort ihr Glück zu finden. Oben boomte die Industrie.

Mit den Hafenarbeitern und Logistikern kam auch der Fußball an

Einst, so steht es im Buch, und bestens recherchiert, kickten um 1896 (so die Erwähnung in der lokalen Presse) englische Seeleute auf dem Campo die Marte. Fußballfetischist William Poths arbeitete für eine Handelsflotte, und trommelte immer wieder die Hafenarbeiter zusammen. Um 1904 reichte es immerhin für den ersten Naples Foot-Ball & Cricket Club. „Die Trikotfarben“ waren auch schnell gefunden: „azzurro“ wie der Himmel und blau wie der Golf von Neapel. Den Italienern, obwohl immer neugieriger werdend, war das alles „very british“. Bis aus dem Football eben der „Calcio“ wurde. Es waren die Engländer, nicht nur in Neapel, sondern auch beim Genoa CFC, die auch eine Art Regelwerk für den „neuen Sport“ festschrieben: „Never hit a man when he is down!“ So manch ein Spieler tat sich damit wohl schwer.

Am 1. August 1926 wurde also aus Internaples offiziell die „Societá Sportiva Calcio Napoli“, und mit dem Präsidenten Ascarelli, Sohn einer jüdischen Unternehmerfamilie im Textilbereich, hatte man einen modern denkenden Mann an Bord.

Im Buch erfährt manch Unwissender auch, weshalb sich in Italien, sowie in Spanien, der Begriff „Mister“ für die Trainer durchgesetzt hat.

Mit William Garbutt, schenkte Ascarelli dem Club noch vor seinem plötzlichen Tod, einen erfahrenen Artillerist und Fußballcoach. Garbutt war einst selbst ein guter Kicker, ehe er verletzungsbedingt aufgab, und als Hafenarbeiter nach Genoa übersiedelte. Schon bald wurde er Trainer. Jedenfalls wurde aus der standesgemäßen Anrede „Mister Garbutt“, der „Mister“ für alle Trainer.

Es blieb also Tradition bis heute – in Italien wird der Trainer stets „Mister“ genannt.

Garbutt war der Prototyp des neuen, schneidigen aber schweigsamen Trainers. Zu den großen Rednern gehörte er nicht, und ein Reporter schrieb im „Il Mattino“: „So droht ihm am Fuß des Vesuvs das Dasein eines Pinguins.“

Aber, intern, konnte er sich recht gut mitteilen, so saß seine Antrittsrede jedenfalls. „Um eine große Mannschaft zu werden, brauchen wir großartige Spieler. Ich werde jeden Ausnahmekicker 100 Prozent unterstützen. Viele Ausnahmekicker formen aber nicht zwangsläufig ein ausgezeichnetes Team. Tugend wie Mut, Herz und Kampfgeist sind unerlässlich“, und wem diese Tugenden nicht bekannt seien, dürfe sich umgehend verabschieden. Eine klare Ansage.

Garbutt schulte seine Spieler beidfüßig. Beim Schlusstraining traten die Spieler Medizinbälle gegen das Gehäuse (Magath muss von Garbutt gehört haben), und Mister Garbutt machte sich eifrig Notizen, über Fehler und den Stand der Spieler.

In 200 Spielen unter dem „Mister“ erreichte Napoli 92 Siege und 42 Remis – eine Bilanz wie nie zuvor.

Garbutt lebte sich mit seiner Frau und der neapolitanischen Gehilfin schnell ein in Napoli. Garbutt wurde richtig beliebt, zum „Kühlen Kopf mit großem Herzen“. Viel Pathos war in Neapel immer dabei.

Südamerikanische Spieler wie Omar Sivori (Argentinien) oder José Altafini (Brasilien) zog es schon früher in die fußballverrückte Hafenstadt, zu nah, zu emotional war der neapolitanische Fußball dem südamerikanischen. Dann das schöne warme Wetter und die Liebe der Fans spielten immer eine große Rolle. Für die eher arme Bevölkerung wurde der Fußball als Bühne immer wichtiger, aber auch als Identifikations-Kitt gegenüber dem Norden.

Omar Sivori jedenfalls wurde weit vor Maradona vergöttert, täglich erreichten ihn 50 Fanbriefe, aber auch Drohbriefe eifersüchtiger Ehemänner. Sivori war kein Kind von Traurigkeit. Nach einem Jahr meinte der argentinische Stürmer: „…Die Inbrunst der Neapolitaner würde selbst Steine in Flammen versetzen. Jeder Fußballer müsste zumindest einmal in der Karriere fühlen, was es bedeutet, für Napoli aufzulaufen…“

Das sollte danach in den 80er-Jahren noch ein Niederländer, und zwar Ruud Krol erfahren, der zwar verehrt wurde, auch wegen seiner „leggerezza“ Leichtigkeit, doch richtig groß kam Krol dann auch nicht heraus, Verletzungen plagten ihn.

Präsident wurde dann Anfang der 1980er Jahre Corrado Ferlaino, aber er startete das Wagnis SSC Napoli mit einem Schuldenberg. Damals gab es noch nicht die berühmten Fußball-Fernseh-Gelder, hält Ferlaino im Buch fest.

Aber unter seiner Ägide kam dann tatsächlich Diego Maradona von Barcelona an den Vesuv. „Der Messias“ selbst, so hatte man den Eindruck – nein, nicht zu INTER, Milan oder zu Juve, der weltbeste Kicker sollte in Napoli im Stadion San Paolo landen.

„Wie wir alle wissen“, so Corrado Ferlaino im Buch, „blieb Maradona sieben Jahre“, und der SSC Neapel holte zwei Meisterschaften, Pokal und den Uefa-Cup gegen den VfB Stuttgart (wir erinnern uns selbst, waren wir doch extra wegen Maradona ins damalige Neckarstadion gepilgert).

Das Buch kommt, wie gesagt, ohne Texte über und mit Maradona nicht aus – bis heute ist Maradonas Biografie ganz eng mit der Stadt „Napule“ und dem SSC verbunden. „Fresken“ und Bilder allgemein, viele Devotionalien und andere Imitationen werden von Fans wie Verkäufern heilig gehalten. Maradona konnte übers Wasser laufen, alles, wirklich alles, haben ihm die Neapolitaner bis heute verziehen.

Auch die heutige, recht erfolgreiche Mannschaft von Trainer Maurizio Sarri (siehe Bild) wird immer wieder auf Maradona angesprochen, oder aber, dessen Meinung ist in der Presse immer noch wichtig. Maradona, oder, der „Pibe de oro“, der Goldjunge, war bereits in Barcelona untragbar geworden mit seiner Entourage.

Im Buch heißt es, bereits damals ließ er bei Barca Trainings ausfallen, schmiss wilde Partys mit Kokain, und alle hielten still. Bei Barca spielte Maradona mit Bernd Schuster, beide geniale Kicker, jedoch auch „ein wenig loco“, wie Diego selbst zugab. Dass es Maradona überhaupt so lange auf hohem Niveau beim SSC Neapel durchhielt, grenzt an ein Wunder. Und wie sagte Gegenspieler Giuseppe Bergomi von INTER Mailand, der sich oft mit Maradona auf dem Platz Kämpfe lieferte? „Maradona war der Beste aller Zeiten, kaum vorstellbar, was er noch alles hätte erreichen können, wenn er nur das Leben eines Athleten geführt hätte.“

Also, wie hatte es funktionieren können, dass ein Spieler wie Maradona trotz aller Eskapaden und seiner eindeutigen „Kokain-Sucht“ so lange unentdeckt sein Ding und seine Marotten ausleben konnte?

Im Buch, wieder eine eindeutige Stelle, wie Fußballspieler funktionieren können, wenn es auch um deren Erfolg geht. Mitspieler und Napoli-Verteidiger (später Juventus Turin) Ciro Ferrara fasste es so zusammen: „Alle Spieler einigten sich im Verlauf der Saison auf einen Kompromisspakt. Man wusste, dass Maradona niemals das Arbeitspensum der anderen ableisten würde. Wir transformierten diese Anomalie in eine kollektive Stärke und ließen die Eifersüchteleien beiseite. Das erklärt, warum Diegos mäßige Trainingsdisziplin niemals für Unruhe sorgte…“, denn mit einem zufriedenen Maradona war „jedes Ziel erreichbar“.

Maradona war damals schon kaputt, und die Überführung kam durch eine positive Urinprobe (davor wurde der Urin oft vertauscht), dem eindeutigen Nachweis des Drogenkonsums also, und dieser sei für ihn, Maradona, eine Erlösung gewesen, so steht es in dieser wahren Geschichte über den SSC und Maradona.

Er, Maradona, habe es einfach nicht mehr ausgehalten. Somit konnte er dieser Stadt, diesem goldenen Gefängnis entfliehen. Im Buch kommen so viele Ereignisse und Stimmen vor, schon deshalb ist dieses Buch ein Muss für jeden interessierten Napoli-Fan. Maradonas Zitate sind auch aufgelistet, und über einen Spieler meint Maradona:

„Matthäus war der stärkste Gegenspieler, den ich in meiner ganzen Karriere erlebt habe. Das reicht wohl, um ihn zu definieren.“

Es gab noch etliche Ungereimtheiten, die in diesem Buch auch beschrieben werden, und als Fan oder Leser möchte man wirklich nicht alles wissen, wer wann und warum seine Hände im Spiel hatte, um Ergebnisse zu manipulieren. Die Camorra? Die Wettmafia? Man kann noch den Glauben am „sauberen“ Sport verlieren…

Maradonas Leben und das Spiel und Umfeld des SSC Neapel glichen einer Tragödie, manchmal einer Komödie.

Melodramatik pur. Beim Abschied Maradonas aus Neapel, war der Journalist Mimmo Carratelli zugegen, in Maradonas Villa. Die Koffer standen bereits gepackt, Maradona, el Pibe de oro, wirkte gelöst.

Der Journalist erzählte:

„Mich rührte sein Gesicht, das beim Sprechen über den Vater sanft wurde. Die Teamkollegen Crippa, Careca, De Napoli, Ferrara, Alemao und Francini schauten vorbei, sie umarmten Diego und er brach in Tränen aus…“  Die Spieler wussten, sie waren Teil einer einmaligen Geschichte geworden. Mit Maradona gespielt zu haben, das prägt den Rest des Lebens.

Am Ende fand Maradona wohl die ehrlichsten und tiefsten Worte in seiner Wahlheimat Napoli: „Neapel wird immer in meinem Herzen bleiben. Und die wenigen, die jetzt noch zu mir stehen, sind mehr wert als alle applaudierenden Massen der vergangenen Jahre.“

Nur Napoli und Maradona konnten diese Geschichte schreiben, nirgendwo anders wäre so ein „Roman“ herausgekommen. Übrigens, ganz aktuell, und nachdem Jahre vergingen, wird Maradona am 04. Juli zum Ehrenbürger Neapels geehrt.

Der SSC Napoli spielt derzeit stets um die Champions-League-Plätze mit, Maurizio Sarri lässt den SSC attraktiv spielen. Mit Lorenzo Insigne hat man einen Jungen aus der eigenen Jugend, der zum Idol werden könnte, klein und drahtig wie Maradona, und bereits Nationalspieler, wie wir alle wissen. Marek Hamsik, ein slowakischer Allrounder in der Offensive, ist bereits eine neapolitanische Legende, weil er allen Angeboten der Topclubs (noch) trotzt.

Neapel sehen und, nicht sterben, sondern erkunden und einsaugen, die Stadt ist es allemal wert. Ob als Fußballfan oder nicht…

Der heutige SSC-Trainer Maurizio Sarri.

„Eines Tages im Mai – Die Geschichte des SSC Neapel“

Oliver Birkner, VERLAG DIE WERKSTATT,

ISBN: 978-3-7307-0009-9

 

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Giovanni Deriu, Jahrgang 1971,
Vater, 2 Kinder,
lebte lange Zeit in Asien;

Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit.

Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist.

Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin.

Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit
Jugendtrainer-Lizenz.
In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert.
Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs.
Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.