Trainer-Karrieren und Biografien: Fußballlehrer Rainer Kraft sieht den Iran vor China und Aserbaidschan

Rainer Kraft, 55-jähriger Fußballlehrer und gelernter Physiotherapeut, reist als Uefa-Pro-Lizenz-Inhaber durch die Welt. Im Iran trainierte Kraft als Assistent von Erich Rutemöller bereits den iranischen „FC Bayern“, Esteghlal Teheran, (wir berichteten bereits; Anm. d. Red.), in China ist sein Fachwissen als deutscher Trainer genauso gefragt wie in Aserbaidschan, wo große Städte prosperieren. Rainer Kraft möchte auch in den kommenden Jahren seine beiden Leidenschaften, den Fußball und das Reisen, noch stärker verknüpfen. Giovanni Deriu erreichte Kraft in Baku.

  Hallo, Herr Kraft, wir haben gehört, dass Sie derzeit oft am Kofferpacken sind. Erst China, und jetzt seit paar Wochen in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. In wessen Auftrag reisen Sie momentan?  Rainer Kraft: Ja, es waren bisher immer Kurzaufenthalte und Projekte in China und eben wie jetzt in Baku. Immer so um die 14 Tage. Im Moment bin ich im Auftrag des Aserbaidschanischen Fußballverbandes hier in Baku.

… wollen Sie vielleicht Nachfolger der Weltenbummler Rudi Gutendorf, Otto Pfister oder Winnie Schäfer werden? Sie arbeiteten ja auch im Iran.

Rainer Kraft: In der Tat alles interessante Trainerbiografien. Jeder ist auf seine Weise anders. Aber es ist sicherlich ein Ziel von mir, meine beiden Leidenschaften, den Fußball und das Reisen in den nächsten Jahren noch stärker miteinander zu verknüpfen.

Was macht den Reiz an diesen besonderen Aufträgen aus?

Es ist einfach schön zu erfahren, welchen sozialen und interkulturellen Aspekt und auch welche Möglichkeiten, wir mit dem Fußball haben. Ich mag und liebe es, andere Kulturen und Menschen kennenzulernen, neue Sprachen zu hören, andere Lebensweisen miterleben zu können. Beides zu kombinieren, ist schon ein besonderer Reiz.

In welcher Sprache trainieren bzw. unterrichten Sie?

Hier in Baku werde ich von einem deutschen Dolmetscher unterstützt. In China hatten wir unsere Vorträge auf Englisch gehalten, die wurden dann übersetzt. Meine Kollegen hier verstehen auch recht gut Englisch, so dass es hier eine Mixtur aus Deutsch und Englisch ergibt.

Ich entnehme auch, dass deutsche Fußballlehrer wie Sie allgemein hoch im Kurs stehen, zumindest im Ausland, wo Weiter-Entwicklung gefragt ist. Wie lautete die konkrete Aufgabe in China und jetzt in Baku?

Trainer und Fußballlehrer wie ich bilden angehende Profi- und Juniorentrainer aus, bereiten sie auf Prüfungen vor, geben praktische Tipps.

Könnten China, Aserbaidschan oder auch der Iran irgendwann im Weltfußball weiter oben Akzente setzen? Oder was steht diesen Ländern im Weg, für ganz große Erfolge?

Hmm, also… (überlegt kurz), eine sehr interessante und umfangreiche Frage. Iran hat sich ja jetzt zum zweiten Mal hintereinander für eine WM qualifiziert. Sie sind am Weitesten von diesen drei Ländern. Oder ganz weit vorne. Die Mittel sind im Land jedoch sehr begrenzt, das Land ist politisch und wirtschaftlich isoliert, es gibt keine Öffnung. Die Menschen sind zwar sehr flexibel, kreativ und ideenreich, aber auf und außerhalb des Platzes mangelt es doch an Disziplin und Ordnung, deshalb glaube ich, wird das Land nie ganz nach vorne stoßen in die Weltspitze. In China beginnt das ganze Spiel erst, man muss mal abwarten, wie es sich weiterentwickelt, im Moment spielen ganz viele Gremien eine Rolle, deswegen läuft auch vieles konfus, und viele Ministerien unterschiedlicher Art sind aber für das Gleiche zuständig. Es müssen geordnete Strukturen und Ausbildungen aufgebaut werden. Den Chinesen traue ich in vielleicht 30, 40 Jahren eine größere Rolle zu. Aber wie gesagt, in China ist noch alles ganz am Anfang. In Aserbaidschan wurden Strukturen bereits konsequent aufgebaut, Juniorenteams und Wettbewerbe wurden eingeführt, Wettspiele finden statt, es hat sich viel getan. Sportpolitisch wird hier viel vorgegeben, so dass man abwarten muss, wie der Weg weiter verläuft. Deshalb glaube ich, dass in den nächsten Jahren dennoch nicht so große Schritte nach vorn gemacht werden, auch wenn mit Qäbälä in der Champions League und Karabach in der Europa-League, kleine Erfolge da sind, die aber eher die Ausnahme bleiben werden.

Aserbaidschan wird zwar oft unterschätzt, aber ein paar Clubs sind richtig reich und profitieren von Oligarchen. Haben Sie schon Clubangebote erhalten?

Ich hatte schon mehrmals in den vergangenen sieben Jahren konkrete Anfragen aus Aserbaidschan, stand aber immer in Deutschland unter Vertrag, und ging daher auf Anfragen nie näher ein.


Was beeindruckte Sie bisher in China und Aserbaidschan am meisten?

Nach meinem Fußball-Aufenthalt im Sommer, habe ich mit meiner Frau noch drei Wochen Urlaub in China gemacht. Wir haben weite Teile des Landes bereist. Die Größe des Landes ist faszinierend, die Größe der Städte, die Natur sind einfach beeindruckend, genauso die Kultur und die Menschen. Die Unterschiede zwischen Stadt und Land. Genauso die historischen Städten, die chinesische Mauer, die Terrakotta-Armee in Xian Qinling, sowie die typischen Kalksteinfelsen im Süden. Alles sehr beeindruckend. In Aserbaidschan, wo ich nun das vierte Mal bin, habe ich auch schon einiges weiter entwickelt. Baku als Stadt sowieso, die Altstadt gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Natur gibt es auch hier sehr viel. Immer wieder gibt es aber auch Diskrepanzen, zwischen der städtischen Bevölkerung und den Menschen auf dem Lande. Hier Reichtum, dort wiederum bettelarme Bürger, die mit wenig zufrieden sein müssen, auch das ist beeindruckend, eben auf eine ganz andere Art und Weise…

Was sagt Ihre Familie, wenn Sie als Trainer für „besondere Aufgaben“ weltweit unterwegs sind?

Mit der Familie gibt es keine größeren Probleme, die Kinder sind erwachsen und aus dem Haus. Meine Frau hat mich das eine oder andere Mal auch hierher nach Baku begleitet. Sollte ich eine längere Tätigkeit annehmen, würde mich meine Frau auch regelmäßig länger besuchen. Natürlich ist es immer schade, wenn man längere Zeit getrennt ist, aber wie überall im Leben, es hat alles Vor- und Nachteile…
Herr Kraft, wir bedanken uns für das interessante Gespräch.

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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