Trainer-Karrieren und Biografien: Immer häufiger enden Trainer-Engagements abrupt, ehe sie überhaupt richtig starteten – Ob im Profibereich, oder in den gehobenen Amateurligen, Anspruch und Wirklichkeit klaffen oft auseinander, und die Faktoren Zeit sowie Geduld sind nicht Jedermanns Sache!

Ob wie bei Frank de Boer (damals bei INTER), Jos Luhukaj (VfB Stuttgart, gleich zu Beginn der vergangenen Saison) oder Thomas Letsch (Tedescos Nachfolger bei Erzgebirge Aue; nach 60 Tagen war Schluss) sowie Oscar Corrochano (er warf beim Drittligisten Sportfreunde Lotte selbst das Handtuch, in der Meinung, sein Team nicht mehr zu erreichen, nach 13 Tagen), es sind allesamt Trainer, denen nicht viel Zeit geschenkt wurde, bzw. komische Dinge hineinspielten. Für manch einen von ihnen endete das Engagement, noch bevor die Saison richtig begann. die Gründe bleiben oft bizarr! Aber auch in der Verbandsliga Baden-Württemberg machte Trainer Aleks Kalic (48) eine ähnliche Erfahrung. Sicher ist für Trainer nur, dass Vieles unsicher ist. Grund genug für uns, ein paar Tatsachen zu analysieren. Jedenfalls stand uns Aleks Kalic (48) für ein offenes Gespräch ganz ohne Gram und mit sich im Reinen, zur Verfügung. Knapp vier Wochen, nachdem ihm beim TSV Essingen (bei Aalen) ganz plötzlich vor dem ersten Spieltag mitgeteilt wurde, man plane ohne ihn. Das hatte der schwäbische Trainer und Berufsschullehrer mit serbischen Wurzeln so auch noch nicht erlebt.

Dazu sollte man auch wissen, Kalic ist ein erfahrener Mann und Familienvater, der im Beruf als Pädagoge, aber auch als ambitionierter Coach schon viel erlebt hat. Zum TSV Essingen hat der A-Lizenz-Inhaber immer noch einen guten Draht. Außerdem hat Kalic noch „Bock auf diese Saison“ und er pflegt sehr gern den „deutschen Stil“ im Fußball.
Hallo, wo erreichen wir Sie gerade Herr Kalic?
Kalic: Ich sitze gerade am PC und treffe letzte Vorkehrungen für ein Fußballcamp, das ich ab morgen in Urbach durchführe. (Anm. der Red., es war ein Sommerferien-Fußball-Camp)
Die Verbandsliga Baden-Württemberg läuft, aber ohne Sie! Was hatte denn der TSV Essingen gegen Sie?
 Diese Frage kann ich nicht beantworten, ich glaube aber nicht, dass der TSV Essingen etwas gegen mich hatte, sondern vielmehr drei oder vier Spieler, vielleicht auch weniger, denen gegenüber sich der Verein letztlich gebeugt hat. Wie heißt es so treffend – der Trainer ist immer das schwächste Glied in der Kette?
Auch die Experten und Fachleute, nicht nur im Ostalbkreis, waren verwundert, dass Sie in Essingen quasi noch vor dem Saisonstart „geschasst“ wurden. Im Pokal setzte es nur eine knappe 0:1-Niederlage gegen die Stuttgarter Kickers, immerhin zwei Klassen und auch finanziell besser gepolstert über ihnen… was war denn der Grund?
  Die Niederlage gegen die Blauen war es sicher nicht, wie Sie sagen, es war ja ein sehr gutes Spiel von uns. Die sportliche Entwicklung und auch die Fitness waren hervorragend, wofür ja auch der gute Saisonstart steht. Es waren nicht sportliche Gründe ausschlaggebend sondern die Richtung, die ich vorgab, hat wohl einigen nicht gefallen…
…welche Richtung war es denn?
Mit dieser Mannschaft wollte ich ganz klar um den Aufstieg spielen.
Mal ehrlich, hatten Sie es kommen sehen, bzw. geahnt?
 Ich war ebenso überrascht wie die Außenstehenden.
Sie haben schon viel erreicht im Fußball, waren Spieler und Trainer, u. a. fünf Jahre beim VfL Kirchheim, TSV Essingen auch schon früher, TV Echterdingen, der U17 des VfR Aalen, außerdem starteten Sie als Spielertrainer bei namhaften Clubs der Region (SG Schorndorf). Sie sind ein „Fuchs“, aber haben Sie so etwas schon einmal erlebt?
Wenn man glaubt man habe schon alles erlebt, kommt immer wieder etwas, mit dem Keiner rechnet…
Zumal Sie in Essingen mit folgenden Worten von Dr. Esber angekündigt wurden: „Es ist die Schnittmenge von Wissen, Engagement und Charakter, weswegen Aleks der ideale Trainer für den TSV ist. Außerdem habe ich jetzt einen Mann an meiner Seite, den ich gut kenne und in dem auch ein weiß-blaues Herz schlägt“,
wie kann ein Club so schnell „umkippen“?
 Diese Frage kann ich nicht beantworten, menschlich waren wir immer auf einer Ebene, und sind es noch…
Was haben Sie danach gemacht? Es gab sicher einiges zu regeln mit dem Club?
 Das ging relativ schnell, wir hatten ja keinen Streit, oder Ähnliches. Ich habe nun den nötigen Abstand und das Thema abgehakt und warte auf eine neue Aufgabe, denn ich hatte und habe immer noch großen Bock auf die Saison.
Haben es auch ein paar Spieler oder Funktionäre bedauert, dass das Engagement nicht weiter geht?
 Die Resonanz der Spieler und auch einiger Funktionäre hat mich persönlich gefreut und die aufmunternden Worte taten sehr gut, zeigten mir, dass ich nicht alles falsch gemacht haben kann.
Erzählen Sie einmal, welch Trainertyp sind Sie, was ist Ihre bevorzugte Fußballphilosophie?
 Ich lege Wert auf schnelles Umschaltspiel, sowohl von Abwehr auf Angriff als auch umgekehrt, die Balance muss immer passen. Handlungsschnell und Aktiv sein ist mir zu jedem Zeitpunkt wichtig, taktische Flexibilität erwarte ich von meinen Spielern und ich will immer gewinnen.
Als Pädagoge ist mir der Umgang mit allen Spielern besonders wichtig.
Davor trainierten Sie die U17 des VfR Aalen, könnten Sie es sich wieder vorstellen, im gehobenen Juniorenfußball zu trainieren?
 Bei einem ambitionierten Verein auf jeden Fall.
Welche Spielsysteme bevozugen Sie mit Ihren Teams?
 Wie gesagt, Einstellung ist immer wichtiger als Aufstellung, Umschaltspiel und Pressing sind in jedem System möglich. Ich bin da nicht fixiert, denn es kommt immer auf die Spieler an, die zur Verfügung stehen und wie das Mannschaftsgebilde zusammenpasst.
Sie sind Uefa-A-Lizenz-Inhaber, soll der Fußballlehrer noch folgen?
Das habe ich vor, jedoch ist es schwer in den Lehrgang zu kommen, evtl. mache ich den Fußballlehrer auch im europäischen Ausland.
Wo sind die größten Unterschiede zwischen dem Fußball in Ihrer Heimat, Sie haben ja serbische Wurzeln, und dem Fußball hier?
In Deutschland geboren als Sohn serbischer Einwanderer habe ich das Fußballspielen hier gelernt und pflege den „deutschen“ Stil. Natürlich beobachte ich aber auch den Fußball außerhalb Deutschlands, speziell Serbien hat sehr viele Talente (zuletzt U19- Europameister, U20 -Weltmeister). Im Süden wird mehr auf das Einzelspiel geachtet und auf eine gute technische Ausbildung Wert gelegt, wohingegen hier eher die mannschaftstaktischen Komponenten wichtig sind und die Mannschaft im Vordergrund steht. Ich finde beides spannend.
Was steht bei Ihnen als Nächstes an?
 Urlaub ist jetzt vorbei, ich werde auf jeden Fall weiter im Geschehen bleiben, die Entwicklungen verfolgen, Spiele anschauen und warte ab, was so kommt. Ich bin jedenfalls gut vorbereitet und bereit für eine neue Herausforderung.
Vielen Dank, Herr Kalic, für Ihre Zeit.
Kalics Motto lautet übrigens: „Klasse setzt sich auf Dauer durch“
(Aleks Kalic beim TSV Essingen;
tempi passati)

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Giovanni Deriu, Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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