Trainer-Karrieren und Biografien: Wie Luciano Spalletti innerhalb einer Sommer-Vorbereitung ein gesamtes Team und den Club konsolidierte und quasi „erneuerte“. Bei INTER weht ein neuer Wind, ein neuer Spirit herrscht bei den Nerazzurri

Der siebte Platz in der vergangenen Saison war definitiv zu wenig, für einen Weltclub wie Inter Mailand, der 2010 gegen die Bayern noch den Henkelpott der Champions-League gewann, mit dem Jose Mourinho damals das Tripple holte. Diesen Zeiten trauert man bei INTER  noch nach, und man möchte endlich wieder Juventus Turin ablösen. In dieser Saison scheint sich das Team von Neu-Trainer Luciano Spalletti gefangen, oder, zusammen gerissen zu haben. Es läuft – und das nicht schlecht. Vergangene Saison wurden noch drei Trainer insgesamt gebraucht (nach Mancini, der irgendwann verbraucht schien), es kamen Frank de Boer (glücklos mit wenig Zeit), danach Andrea Pioli, der immerhin ein bisschen Ruhe bis zum Ende hineinbrachte. Luciano Spalletti und dessen Trainer-Staff erhielten von der chinesischen SUNING-Group um Erick Thohir freie Hand, und Spalletti zeigt eindrucksvoll (wie schon in St. Petersburg und zwei Mal bei der Roma), wo dessen Stärken als Coach sind: in der fast fehlerlosen Stärken-Schwächen-Analyse sowie im Motivieren und Steuern gruppendynamischer Prozesse!

Heuer steht INTER auf Platz zwei nach 10 Spieltagen, dicht hinter dem SSC Neapel von Coach Maurizio Sarri, dessen SSC ein moderner Fußball attestiert wird derzeit. Innerhalb eines Sommers schaffte jedoch Spalletti bei INTER eine Art „turn-over“, wie man es nicht für möglich hielt. Zu viel Unruhe herrschte bei INTER in der vergangenen Saison. Jedenfalls sind INTER und der SSC Neapel noch ungeschlagen, INTER hat lediglich ein Unentschieden mehr auf dem Konto. Vor einer Woche trennten sich der SSC und INTER 0:0. Es war auch ein Match der Trainer-Strategen, Sarri und Spalletti. Zwei Trainer, die verbal eher leise artikulierend, wenn auch manchmal scharf, Zeichen setzen. Man muss ihnen (nicht nur als Spieler) einfach zuhören…

Luciano Spalletti jedenfalls, suchte sich nach seinem Abschied bei der Roma (immerhin auf Platz zwei für die Champions-League hinter Juve qualifiziert), und den ständigen Querelen um Tottis Personalie, eine neue große Herausforderung. Allerdings, wem, außer Spalletti trauten auch Experten zu, dass er es mit INTER definitiv nicht noch schlechter machen würde, wie dessen Vorgänger?

Voller Elan und Enthusiasmus, sowie sehr gut vorbereitet, ging Spalletti bewusst das Abenteuer INTER an. Flog zu Gesprächen und zur Vertragsvertiefung extra zu der chinesischen Suning-Gruppe, und holte sich für den sporlichen Bereich die absolute Vollmacht, dass ihm freie Hand gewährt würde. Immerhin, ebenfalls von der Roma an seiner Seite bei INTER, (und er kam bereits davor nach Mailand), der Zigaretten rauchende Manager, Walter Sabatini (62), als Co- und Sport-Direktor im Präsidium. Sabatini und Spalletti sind fast eine Symbiose, was der eine möchte, macht der andere möglich.

Und, selbst ein Mauro Icardi, ein argentinischer Stürmer und Star, ordnete sich bisher unter – die Hälfte der Tifosi mögen ihn zwar immer noch nicht, wegen etlicher verbaler „Ausfälle“ und dessen Arroganz, doch, wer in zehn Partien elf Mal ins Schwarze trifft, davon drei Mal im Derby gegen den AC Milan, den akzeptiert man, irgendwie. Luciano Spalletti jedenfalls hat das Star-Ensemble vieler Legionäre zu einer Einheit mit einem neuen „Team-Spirit“ geformt, wo man davor eher viele ICH-AG’s sah. Auch Icardi spielte vergangene Saison eher für sich selbst und seinen Marktwert, nur, gewonnen hatte auch er noch nichts. Spalletti redete allen Spielern ins Gewissen, und erinnerte vor Allem an die große Historie und Fangemeinde (weltweit) von INTER Mailand.

Spalletti holt momentan aus Spielern wie Icardi, Milan Skriniar, Juan Jesus, Borja Valero(den Spalletti unbedingt wollte), Miranda sowie aus Perisic alles heraus, was möglich ist – und die Spieler sehen, was durch Einsatz möglich wird, auch wenn das „eigene Spiel“ noch nicht rund laufe, so Spalletti. Wie auch, nach so kurzer Zeit.

Hier ein paar Auszüge und Zitate, aus einer der letzten zwei Pressekonferenzen, bei denen manche Mailänder Reporter zu vieles schon rosarot sehen:

„…Sorry, aber Sie fragen immer das gleiche. Es sind erst zehn Spieltage gespielt. Ich möchte nicht auf so unrealistische Fragen antworten, ob wir bereits auf dem Weg zur Meisterschaft sind. Haben Sie den SSC Neapel gesehen? Haben Sie gesehen, wie das Team aus einem Guss spielt? Wir konnten nicht anders, wir mussten verteidigen, weil wir noch lange nicht so weit sind – aber, es war auch von meinem Team eine hervorragende Leistung gegen dieses Napoli…“

Nach dem 3:2 Sieg über Sampdoria: „Sampdoria war der zu erwartende starke Gegner, am Ende haben sich meine Spieler natürlich mehr gefreut. Aber ein Sieg gegen Sampdoria ist nie eine klare Angelegenheit. Dass wir auch noch Fehler machen, hat man ja gesehen.“

Über den Punktestand momentan, ob es viel Genugtuung für ihn sei?

Spalletti dazu: „(Pause, seufzt, denkt nach)… das Punktekonto, hmm, ich weiß nicht, wir haben die Punkte und sie sind klar wichtig. Was mir aber viel mehr Gefallen bereitet ist, wie die Spieler arbeiten, wie ernst sie alles umsetzen, wie sie dich anschauen, wie sie dir antworten, und auch fragen, wie sie Dinge verbessern können. Ich bin stolz, diese Mannschaft trainieren zu dürfen, sie kennt unseren gemeinsamen Weg, und dieser Weg ist, sich auf jedes Spiel gut vorzubereiten, um es zu gewinnen…“

Luciano Spalletti weiter:

„Es gibt auch keinen anderen Weg oder keine andere Möglichkeit, als die, zusammen diesen Weg zu gehen, und hart zu arbeiten, das gilt für jeden, der dieses Trikot von INTER überzieht… eine andere Alternative gibt es nicht.“

Es scheint, als habe Spalletti gleich im Sommer, im Trainingslager, als sich der Kader Stück für Stück endlich fand, die Schalter von der Vergangenheit komplett umgelegt – das Team scheint seine Vorgaben wirklich „verinnerlicht“ zu haben.

„Mister“ Spalletti: „Natürlich musst Du einen festen Stamm oder Kern an Spielern haben, denen Du als Leistungsträger Vertrauen schenkst, die wissen müssen, auf sie kommt es an – aber nichtsdestotrotz muss der Kader so ausgewogen sein, dass viele andere Spieler wirklich die Chance haben, sich zu empfehlen fürs nächste Match. Und dass sie wissen, ohne sie geht es nicht in dieser Saison. Jeder trägt seinen Teil bei…“

Und von ständiger Rotation hält Spalletti jedenfalls nicht viel, zumindest, was die Positionen betrifft:

„Wenn Du erfolgreich und eingespielt bist, musst Du nicht unnötig wechseln, denn auch die, die hineinkommen, müssen sich dann immer wieder neu einstellen, und beginnst Du zu verändern, zu verändern, bringst Du automatisch Konfusion hinein. Danach wirfst Du alles über den Haufen, wozu? Fängst Du dann an zu verlieren, wird alles hinterfragt! Die Mannschaft weiß, alles baut sich um einen festen Kern auf, und die, die hineinkommen, kennen ihre Aufgaben und ihren Wert…“

Damals hatte Inter ein Phänomen, mit Ronaldo, es kommt uns so vor, als seien Sie nun das INTER-Phänomen von Mailand, auch wie Sie hier angekommen sind, wie Sie herzen und geherzt werden, Sie wurden von den Fans gefeiert… ist das Alles Ihr Verdienst, fragte ein Reporter!

Spalletti schmunzelt und erzählt eindrucksvoll vom Geist des Teams: „… mein Verdienst? Ich habe nie hoch Fußball gespielt… es ist einzig und allein der Verdienst der Spieler, dort zu stehen, wo wir gemeinsam stehen. Sie sind ja auf dem Feld… es ist ein Spektakel, und einfach toll, mit diesen Jungs zusammen zu sein, man merkt einfach, dass sie gern Zeit miteinander verbringen!“

Kurze Nachdenkpause und weiter…

„…es wurde viel über Regeln und Gebote vor der Saison gesprochen. Die Jungs kommen meist eine bis anderthalb Stunden vor dem Training ins Sportzentrum. Ist das Training um 15 Uhr, kommen sie um Eins!

Und ich frage, was macht ihr denn schon hier? Und sie antworten, ach, wir bereiten uns noch bisschen vor, möchten noch fünf Minuten mit dem Ball üben und passen…“

Spalletti schließt mit den Worten: „…das ist einfach mein Glück, dass ich mit solchen Spielern zusammen sein darf.“

Letzte Frage in die Runde, und das ist sie wieder, die Frage nach der Meisterschaft…

Spalletti zum letzten Mal: „…hört mal, wie ich vorgestern schon sagte, es sind erst ein paar Spiele gespielt. Und Ihr habt alle gesehen, dass es noch nicht rund läuft, zwei Aktionen, zwei Gegentore, schon macht sich Unruhe breit. Klar, wir treffen nun auch. Unser Weg ist noch sehr weit, und es muss viel verbessert werden, unser Kader ist auch recht dünn. Wir müssen unseren Weg weiter gehen, und die Spieler, die Profis, die wir haben, sie können ja alle gut spielen, hatten leider kaum die Möglichkeit, es im vergangenen Jahr zu zeigen, die Armen – ihre Motivation und ihren Willen müssen wir nun richtig lenken und steuern…“

Spallettis Weg und seine philosophische Ader der Analysen, werden wir hier weiter verfolgen…

 

 

 

 

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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