Unvergessen: Tottis Entdecker Vujadin Boskov – oder, die Spione als Teil des Erfolgs

„Nach dem Regen kommt wieder die Sonne“, sowie das Zitat „Elfmeter ist dann, wenn der Schiedsrichter pfeift“, können es mit jenem Satz des Weltmeistertrainers von 1954, Sepp Herberger, „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“, aufnehmen. Am 27. April 2014 in seiner serbischen Heimat Novi Sad 82-jährig verstorben, ist Vujadin Boskov. Nicht nur in Ex-Jugoslawien, sondern auch im Fußballland Italien ist Boskov aber aktueller denn je. Man erinnert sich auch knapp zwei Jahre nach dem Tod des knorrigen aber freundlichen Serben gern an seine Sprüche und Fußballphilosophie. Zudem war Boskov in Spanien, Holland und Italien recht erfolgreich. Der ehemalige jugoslawische Nationalspieler führte Real Madrid als Coach 1979/80 zur Meisterschaft und zum Pokalsieg, das Landesmeisterfinale (jetzt Champions-League) 1981 unterlag er mit den Königlichen gegen den FC Liverpool (0:1). Ebenso unterlag Boskov im letzten Landesmeister-Cup-Finale 1992 dem FC Barcelona von Trainer Cruyff knapp (0:1 n. V.). Eine Legende wurde Vujadin Boskov, ein absoluter Verfechter des offensiven und technisch versierten Spiels, in der Serie A bei Sampdoria Genua. Die Genuesen führte Boskov zur Meisterschaft und zum Sieg im Europapokal der Pokalsieger 1990 in Göteborg gegen den RSC Anderlecht. Zweifacher Torschütze: Gianluca Vialli.

 

Screenshot_2016-08-22-17-27-02-1Als Boskov zu Grabe getragen wurde, weinten große Fußballer und Idole, die dem jugoslawischen Coach vieles zu verdanken hatten. Boskov lebte ein echtes und erfülltes Fußballerleben und ermöglichte vielen anderen Talenten eine Karriere mit Titeln, an die sie sich immer erinnern werden. Torwart Gianluca Pagliuca, Dossena, Roberto Mancini (wurde selbst ein Toptrainer, und erinnerte sich, wie Boskov ihn prägte), sowie eben der Ex-Stürmer und Spielertrainer(beim FC Chelsea) Gianluca Vialli. Die Sturmzwillinge wurden Gianluca Vialli und Roberto Mancini einst genannt. Vialli gewann ebenfalls als Spielertrainer mit Chelsea den Europapokal der Pokalsieger, ist jetzt aber Fernsehexperte in Italien und England.

Aber auch Sinisa Mihajlovic, der ehrgeizige und kämpferische aber auch emotionale Mittelfeldspieler (wurde ebenfalls Trainer, letzt beim AC Milan, nun bei Torino), wurde ganz weich bei der Todesnachricht von Boskov. Sehr viel hat auch er ihm zu verdanken. Boskov wusste Mihajlovic, den Hitzkopf, stets zu „drosseln“. Beim AS Rom und in der serbischen Nationalelf.

Alle bekunden, dass Boskov später ihre Trainerarbeit „beeinflusst“ habe.

Hart in der Sache, aber stets auch menschlich zu den Spielern, wie eine „Vaterfigur“, betonten Mancini, Vialli und auch Francesco Totti, Roms „lebende Legende“. Totti?

Ja, als Sechzehnjähriger wurde Totti von Boskov gleich ins kalte Wasser geworfen, Boskov verhalf Totti zum ersten Match in der Serie A. Am Ende, seiner letzten Station in Italien, rettete Boskov noch Perugia vor dem Abstieg.

Siehe, Wikipedia-Quelle:

https://de.wikipedia.org/wiki/Vujadin_Bo%C5%A1kov

Bereits von 1971 bis 1973 betreute Boskov das talentierte jugoslawische Team, auch die Balkanbrasilianer genannt, die sich selbst der echte Brasilianer Pelé als Gegner zum Abschied wünschte. Ein einmaliges Erlebnis, 2:2 endete das Match im Maracana-Stadion vor 183 000 Zuschauern – auch ein Dragoslav Stepanovic spielte damals mit.

Vujadin Boskov sprach sieben Sprachen, und prägte den Vereinsfußball auch in Holland, wo er Rotterdam und Den Haag sehr erfolgreich trainierte.

 

Hier ein paar Auszüge unvergessener Sprüche und Zitate:

Wenn wir gewinnen, sind wir Sieger, wenn wir verlieren, Verlierer!

Ich brauche keine Diät, denn immer wenn ich ins „Marassi“ (Stadion in Genua, Beinamen) komme, verliere ich drei Kilo.

Ein großer Spieler sieht dort eine Autobahn, wo ein anderer nur einen Nebenweg sieht!

Besser, einmal ein Match 6:0 als sechs Spiele 1:0 zu verlieren.

 

In der Tageszeitung „Libero“ führte Alessandro Dell’Orto 2005 ein Interview mit dem serbischen Erfolgscoach, hier ein paar Auszüge, die viel über Boskovs Art aussag(t)en:

Seine Frau Yelena saß an seiner Seite, Boskov, der seit 50 Jahren mit ihr verheiratet ist, gab ganz den Gentleman beim Gespräch, gut angezogen empfingen beide den Reporter, Vujadin im Sakko mit dezenter Krawatte.

Boskov, wie geht es Ihnen?

Danke, gut – ich habe zwei gesunde Füße, ich bin noch selbstständig, und gehe mit meinen eigenen Füßen. Das ist sehr wichtig.

Gute Antwort, wir sind hier im Hotel Astor, wo Sie sich immer auf die Spiele und Kämpfe von Sampdoria vorbereiteten. Was fällt Ihnen so ein dabei?

Immer die Spiele gegen Juventus, die alle immer am meisten spürten und wahrgenommen haben. Ich sagte aber immer, bleibt ruhig, mein Freund ist schließlich Boniperti (Ex-Juve-Präsident und Sportdirektor, mit und vor Agnelli), und sie haben auch nur zwei Beine, wie wir. Sie haben nur mehr Autos, Fiat … (und Boskov lacht auf).

Boskov und Boniperti als Freunde, wie kam das?

Ich liebe die Jagd, und er mochte auch das Jagen. Mein Vater war Präsident der Jagdvereinigung, und einmal kam Boniperti sogar nach Novi sad zum Jagen…außerdem spielte ich mit Boniperti im Team Rest-Europa gegen Großbritannien, das war  N e u n z e h n h u n d e r t f ü n f u n d f ü n f z i g, er spielte komplett durch, der konnte über 90 Minuten rennen…

Was macht Vujadin Boskov heute?

Ich genieße das Leben, mit meiner Frau. Gehe einkaufen, sehe fern, lese alle Zeitungen, und gehe spazieren. Und wir sind in unseren Häusern.

Wie viele haben Sie denn?

Sieben Häuser: in Nervi, in Genf, zwei in Spanien, eins in Slowenien und zwei in Novi Sad. In Spanien musste ich investieren, da ich ein Fünftel meines Verdienstes nicht nach draußen bringen durfte.

Und verfolgen Sie noch Fußballspiele?

Wenn ein interessantes Match kommt, schaue ich es mir immer an. Der italienische Fußball gefällt mir immer noch, aber ich erkenne vieles nicht mehr. Es ist kaum noch das alte Spiel, viele Interessen haben einiges ausgesaugt…

Wie haben Sie Ihre Teams trainiert?

Immer so, dass sie athletisch waren, und das Spiel auch in den letzten 15 bis 20 Minuten bestimmen konnten… drei Tore in den letzten zehn Minuten zu bekommen, wie neulich, Sampdoria gegen Inter, undenkbar…außerdem war mir die Technik der Spieler immer wichtig.

Springen wir weit zurück, erst die Schweiz, dann Vojvodina, Jugoslawien, sowie in Holland und dann – bei den Königlichen. Real Madrid!

Eine ganz große Mannschaft mit Topspielern: Cunningham, Santillana, Stielike, Juanito.

Auch jetzt hat Real große Stars…

Fast zu viele, kaum zu kontrollieren.

Dann plötzlich nach Italien, vom großen REAL zu Ascoli… Was für ein Sprung

Allodi (ein ehemaliger Funktionär) meinte, Juventus wolle mich. Aber ich musste erst durch die kleine Tür nach Italien, um bei einem kleineren Club Erfahrungen zu sammeln. Danach wurde es nicht Juve, aber Sampdoria klopfte an. Ich überlegte nicht zweimal. Sampdoria Genua gefiel mir sehr gut.

Wieso?

(Boskov lacht) Schöne Trikots, die ich bevorzugte, mit einem Balken in der Mitte.

Ihren Umzug gestalteten Sie sehr schlau…

Ja, ich  rief den Zeugwart und sagte, fahr mich mal kurz mit dem Lastwagen. Der fragte, wohin? Ich sagte, nimm die Autobahn, wir sind gleich da. Stattdessen fuhr er mich nach Ascoli, um meine Sachen zu holen… (Boskov lacht auf).

Bitte wählen Sie Boskov: Vialli oder Mancini?

„Lucavialli“, der war umgänglicher und ein großer „Antreiber“.

Wer ist der bessere Trainer?

Ich sage „Robertomancini“ ist besser. Aber nur, weil Lucavialli ja nicht arbeitet.

Was war der Trick der erfolgreichen Samp?

Disziplin! Und meine Spione riefen mich ständig an.

Wie bitte?

Das Geheimnis erfolgreicher Spieler ist ein intaktes Privatleben. Bis 23.30 Uhr hatten meine Spieler frei, und konnten tun und lassen was sie wollten. Danach rief ich alle an, um herauszubekommen, wer noch unterwegs war…

Auch bei Real Madrid?

Natürlich, und Juanito kannte das Ambiente von Madrid sehr gut. Der hatte neben der Frau auch eine Geliebte, so sagt man doch? Nach einem Match auf Mallorca gab ich den Spielern bis eben 23.30 Uhr frei, danach sollten sie ins Hotel. Ich aber versteckte mich in einer lauen Sommernacht hinter einer Palme vor dem Hotel, und keiner kam. Die Tore wurden geschlossen, und meine Spione beobachteten, welche Spieler viel, viel später zum Hintereingang ins Hotel kamen. Am nächsten Tag im Training konnte ich Geldstrafen verhängen, „Du bist zu spät gekommen, und Du… und Du erst um vier Uhr…“

Und bei Sampdoria?

Naja, die Spione berichteten schon oft, dass Vialli, Mancini oder Lombardo viel und spät unterwegs waren, aber von ihnen und auch von Toni Cerezo konnte ich viel erwarten. Auf dem Platz waren sie immer diszipliniert.

Möchten Sie die Zeitlupenwiederholung auf dem Platz?

Nein. Der Fußball soll ein Spiel bleiben…

Boskov, nach der Sampdoria kam AS Rom. Sie ließen Totti als erster auflaufen!

Ein sehr guter junger Spieler. Aber es gab in Rom mehr Probleme mit Caniggia, weil der immer so spitz zulaufende Cowboystiefel trug. Ich sagte immer, das beengt deine Füße, ist nicht so gut…

Danach der SSC Neapel…

So eine schöne Stadt, aber alle redeten nur von Maradona. Der beste Spieler aller Zeiten vielleicht, aber sein Privatleben sprach gegen ihn. Bereits zu Reals Zeiten wollte ich ihn nicht: ich hatte mich informiert, und es wurde mir von vielen Seiten zugetragen, dass er sich in schlechtem Ambiente bewegt.

Bitte antworten Sie schnell ohne lang zu überlegen…: Der stärkste Spieler aller Zeiten und von heute? Pelè und Zidane.

Der beste Trainer? Der, der gewinnt: Capello.

Der perfekte Athlet? Danilovic, ich liebe Basketball.

Ihr Traum Boskov?  Meine Erinnerungen als Buch zu schreiben, ohne ein Haar auf der Zunge.

Welche Literatur, welche Fernsehsendung und Musik bevorzugen Sie?

Gazzetta dello Sport, Fußballspiele im Fernsehen, dann die Sendung „Porta a Porta“. Und die schönste Musik ist, wenn der Ball ins Tor geht und das Netz berührt. Schreiben Sie, schreiben Sie ruhig, das ist mein neuer historischer Satz.

 

Mit Boskov ging nicht nur ein Trainer und Liebhaber des Offensivspiels, sondern auch ein Poet.

 

 

Giovanni Deriu sucht Geschichten hinter den Ergebnissen und analysiert Trainerbiografien.

 

 

 

 

 

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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