Profifußball, 3. Liga: VfR Aalen – Kurz vor der Insolvenz, die aber noch abgewehrt werden könnte – doch die Probleme sind vielschichtiger! Es fehlen Expertenwissen und Demut…

Nichts ist normal beim VfR, und war es wohl auch die ganze Zeit nicht, seit Mäzen Scholz‘ Austritt als Geldgeber und dem Ausstieg von Großsponsor Prowin. Der Nachfolgesponsor Telenot hält dem VfR zwar noch die Stange, doch wird die Telenot-Geschäftsleitung den Verantwortlichen in Aalen einiges aufdiktieren. In Not ist daher nur der VfR Aalen. Man darf gespannt sein, wie das VfR-Präsidium und seine Geschäftsführer reagieren werden. Der Punkte-Abzug in der 3. Liga scheint bereits beschlossen, das regeln schließlich die Statuten, wenn eine Insolvenz während der Saison geplant werden muss. Soll heißen, die Finanzen stimmten dann schon zum Saisonstart (eigentlich) nicht…

Die Probleme liegen aber  vielschichtiger. Von einer qualitativ mangelhaften Juniorenabteilung (man nehme einzelne, professionell handelnde, Trainer heraus) ohne Jugendinternat, ohne Nachwuchsleistungszentrum, das heißt – kein NLZ-Standort und damit mangelnde Attraktivität, bis hin zur Infrastruktur und deren Mitarbeitern, die zwar alles geben wollen, aber nicht können. Wer nur in Profigehälter (bei Fußballern wie Funktionären) investiert – statt in Nachhaltigkeit, sowie in eine Fußball-Philosophie, die Fans und Bürger durch Identifikation bindet, muss sich nicht wundern. Irgendwann entstand zwar ein Konzept, entworfen vom ehemaligen VfR-Trainer und Fußballlehrer, Rainer Scharinger, doch es scheint irgendwo in einer Schublade verstaubt zu sein.

Wer hat sich nicht alles ausprobiert beim VfR Aalen in den vergangenen Jahren. Es war ein Auf- und Ab des Clubs, der Dank der Scholz-Millionen, Berndt-Ulrich Scholz übernahm gar eine Bürgschaft vor zwei Jahren, den Spielbetrieb aufrecht halten und sichern konnte – man könnte auch sagen, Scholz handelte einst nachhaltig und sicherte so dem VfR nochmals die Möglichkeit, sich selbst aufzustellen und zu „erfinden“, sich quasi zu positionieren. Klar, einfach ist es nie, wenn ein Mäzen und Geldgeber wie Scholz aussteigt, oder ein Großsponsor wie Prowin keinen Sinn mehr in einer Zusammenarbeit sieht. Ein paar Manager von außen wollen nicht genannt werden, sagten uns aber in einem vertraulichen Telefonat, fast unisono: „Erstens ist der Standort Aalen nicht ganz einfach. Das Publikum kann nur schwer gewonnen werden, und erst Recht, wenn Fortschritte kaum bemerkbar sind…“, sportlich aber auch im Club selbst. Über die Geschäftsführung meinen viele Leute, die sei „irgendwie nicht professionell genug“. Es reiche eben nicht, andere Clubs nur irgendwie kopieren zu wollen, ohne selbst „hart anzupacken“ und ein langfristiges „schlüssiges“ Konzept zu implementieren, welches „Alle Facetten“ eines Proficlubs berücksichtigt!

Der VfR war schon einmal tief am Boden, sogar noch zu Imtech-Zeiten, auch dieses Unternehmen ging als Sponsor übrigens baden, und Trainer Rainer Scharinger wurde als Feuerwehrmann geholt, konnte aber den Abstieg (nach der Ära Kohler, als Sportdirektor, und Petrick Sander als Trainer) nicht mehr verhindern. Drei Spieltage vor Schluss, reichten dann die fünf Punkte gegen Paderborn, Düsseldorf und Unterhaching nicht mehr. Rainer Scharinger blieb zwar, doch es kam zur „grotesken Szene“, dass sich fast 30 Spieler unmittelbar nach dem letzten Spiel verabschiedet hatten, und in Privat-PKWs davon brausten. So stand DFB-Fußballlehrer Scharinger da, Hallo, Regionalliga, wir kommen!

Und nichtsdestotrotz schaffte es Rainer Scharinger mit wirklich limitierten finanziellen Mitteln, den VfR Aalen sportlich aus der Bedeutungslosigkeit sofort wieder abzuholen, und zu „pushen“. Scharinger, der immer noch einen Koffer und paar Taschen in Aalen hat, schließlich lernte der Trainer auch seine Partnerin in Aalen kennen, stellte ein junges Team mit Spielern zusammen, die weniger wegen des Geldes, als vielmehr wegen dem Trainer selbst nach Aalen wechselten. Alle wollten an einem „einmaligen“ Projekt mithelfen, um den Club, und die Stadt wieder im Profifußball zu verankern.

Scharinger heute: „Wir hatten damals einen guten Flow“, soll heißen, eine Mannschaft der No-Names erzielte gleich nach dem Abstieg unglaubliche Erfolge: Meisterschaft, Aufstieg und den WFV-Pokalsieg. Danach spielte der VfR noch im DFB-Pokal daheim gegen Schalke. Tempi passati zwar, aber warum blieben danach Konzepte aus, Scharingers Weg weiter zu verfolgen? Rainer Scharinger, heute Chefausbilder für angehende Trainer beim Badischen Fußballverband, schaffte es damals auch, die Stadt mitzunehmen, die Spieler ließen sich oft in Aalen, auch bei sozialen Projekten blicken, oder bei Aktionen auf dem Marktplatz.

(ein ausführlicher Artikel zu Rainer Scharinger wird noch folgen…)

Rainer Scharinger selbst will das alles nicht mehr an die „große Glocke“ hängen, aber Fans und Experten schwärmen immer noch von der Aufbruchstimmung mit Scharinger damals. Es wehte damals einfach ein anderer Geist durch Aalen und durch die VfR-Arena.

Das fehlt heute in Aalen ungemein. Sportlich wünscht man dem VfR weiterhin alles Gute, nun erst Recht in schwierigen Zeiten, doch ohne Einsatz, und Demut sowie echtes Expertenwissen auch auf der Geschäftsstelle, wird das Unterfangen sehr schwer, den VfR dort zu positionieren, wo er schon einmal gewesen ist – nämlich weiter oben…

 

Auszüge aus der „SchwäPo“, Aalen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Giovanni Deriu, Jahrgang 1971,
Vater, 2 Kinder,
lebte lange Zeit in Asien;

Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit.

Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist.

Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin.

Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit
Jugendtrainer-Lizenz.
In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert.
Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs.
Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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