Wenn Junioren plötzlich abheben – nur nicht auf dem Feld

Ursachenforschung:

Wie ein Spieler zum „albanischen Ronaldo“ wurde

Auch diese Geschichte kam uns erst neulich zu Ohren, dass ein Juniorenspieler, ansässig im Schwäbischen, die Eltern bodenständig, und einst aus dem Kosovo dem Bürgerkrieg entflohen, dass eben dieser Juniorenspieler der U19 ganz plötzlich die „Bodenhaftung“ – evtl. nicht selbstverschuldet – verlor.

Entdeckt und kennengelernt habe ich diesen (sehr)guten Kicker, damals noch 16,5 Jahre alt bei einem Punktematch in Waiblingen vor den Toren Stuttgarts. Eigentlich hatte ich einen ganz anderen Beobachtungsauftrag.Jedenfalls war ich damals in Begleitung, auf einer Anhöhe, um dieses Match auf dem Waiblinger Kunstrasen besser beobachten zu können – zwei Spieler im Visier. Es goss wie aus Kübeln. Aber da war ein Spieler, ein bisschen schlaksig, aber technisch auf diesem rutschigen Feld einwandfrei, egal wie „schräg oder stark“ er angespielt wurde, der „Siebener“ behauptete den Ball auch gegen zwei Gegenspieler, und machte zwei Assists. 2:1 gewann der VfR Aalen damals in Waiblingen. Schnell hatte ich des Spielers Namen notiert(stand auf dem Trikot), und über Umwege stellte ich den Kontakt zu den Eltern her.

Es war eine sehr angenehme Bekanntschaft, und alle(!) der Spieler, wie die Eltern und der Bruder waren „geerdet“ – dachte ich.

Eine Agentur (mit einem rumänischen Berater, FIFA lizenziert(!), mit einem Spieler bei INTER Mailand ) wurde ausfindig gemacht, deren Experten hielten den Jungen zwar für gut, aber noch nicht für „gut genug“, so auch ein Fußballlehrer, der meinem Team angehörte. Ich war quasi der Spielerbetreuer/Vermittler für Deutschland. Damals, ich erinnere mich, musste ich teils insistieren, dass der Junior aufgenommen wurde – qausi zur Förderung, und weil es auch die Eltern so herbeisehnten. Eine Agentur und ein Berater, standen bei ihnen hoch im Kurs. Normal. Der Vertrag wurde bei den Eltern im Wohnzimmer fixiert, der Berater flog eigens aus London an.

Den VfR Aalen übrigens, schoss der Juniorenspieler später in beiden Relegationsspielen „fast allein“ nach Oben in die Oberliga Baden-Württemberg. Allein – die Anerkennung und Wertschätzung fehlten. „Bitte, Deriu, machen Sie etwas…“, war die Bitte der Eltern. Und nach Gesprächen mit Verantwortlichen im Verein, war klar, es würde auch weiterhin keine Wertschätzung geben. Flugs wurde über ein Probetraining und guten Kontakten ein Wechsel in die Nachbarschaft zu einem auftrebenden Verein vollzogen. Dieser neue Club, wollte den Junior Denis I. unbedingt. Für die U19 in der kommenden Saison. Leider verpasste die damalige U19 ziemlich knapp, aber am Ende eindeutig den Aufstieg in die Bundesliga des Jahrgangs. Auch im Juniorenfußball folgen dann Automatismen wie bei den Profis, der jahrelange Coach und Koordinator des „FCH“ musste gehen, wie er selbst später meinte: „Sehr schade, aber doch wohl die logische Konsequenz.“

Der neue Juniorenspieler erfuhr aber immerhin neue Wertschätzung und Anerkennung – für die knapp 60 Km Fahrtweg wurden die Fahrtkosten erstattet. Zwar mussten die Eltern des Spielers noch etwas „draufpacken“, aber das müssen ja – wie bereits berichtet – viele tun.

Jedenfalls waren nun andere Trainer und Experten für das Team verantwortlich. Die harte Vorbereitung lief noch gut. Der Spieler, Denis I. , traf und bereitete in den Testspielen einige Tore vor. Dass der Kader stark bestückt sein würde, war allen klar! Auch ich sagte dem Spieler und den Eltern von Beginn an: „Wundert euch nicht, wenn Denis nicht immer von Beginn dabei ist.“ Es gehe darum, Fuß zu fassen, mit-zu-halten, und „Duftmarken“ seines Könnens zu setzen. Dass er talentiert ist (wie viele andere auch), stand außer Zweifel. Der neue Coach lobte ihn auch, nicht nur im Spiel, nein, auch für seinen Trainingseinsatz. Gewissenhaft ging Denis I. in diese Saison.

Freunde der eigenen Nationalität als Heißmacher

Klar, ehrgeizig wie er war, nagte es an ihm, aber auch an den Eltern, dass er plötzlich nur auf 15 bis 25 Minuten pro Spiel kam. Eine volle Halbzeit Einsatz war schon selten. Das Team hatte dennoch Erfolg, und der Erfolg gibt bekanntlich jedem Trainer Recht. Die 100-prozentige faire Aufstellung gibt es wohl nirgends. Bewusst schaute ich als „Spielerbetreuer“ der FIFA lizenzierten Agentur seltener zu, war aber immer im Bilde. Zum Trainer und Nachwuchskoordinator stimmte die Kommunikation via Email und Telefon jedoch immer. Spieler und Familie wurden aber, warum auch immer, unzufriedener. Ein schleichender, aber heute, nachvollziehbarer Prozess. Via Facebook und Handy sowieso, hielt der Juniorenspieler (U19) Kontakte zu seinen „Landsleuten“ aus dem Kosovo in Deutschland, genauso zu Albanern, die ihm und der Familie ethnisch nahe stehen. Auch unter den Kosovaren und Albanern gibt es bundesweit etliche talentierte Spieler – das muss man nicht extra erwähnen – aber so talentiert sie auch sein mögen, genauso groß sind „Ego und Selbstbewusstsein“. Was?, der oder jener wurden zur albanischen U19 eingeladen? „Ich will auch da hin…“ – immerhin knüpften die Agentur und ich als Betreuer Kontakte zum albanischen Vermittler für die Sichtung des Auswahlkader. Genauso zum kosovarischen Fußballverband, der noch nicht offiziell anerkannt ist. So spielen die meisten Kosovo-Talente für Albanien. Schnell wurde dem Agentur-Inhaber, Mr. Catalin, klar, dass man hier eben „einen kleinen Obolus“ entrichten müsse. Der Spieler und dessen Familie setzten total auf den Bekanntheitseffekt, obwohl die Leistung bereits stagnierte auf dem Platz. Mehrmals musste ich ihnen dieses Vorhaben ausreden, denn nie wollte und will ich Spielern nach deren Mund reden. (Lieber harsche Worte von einem Bekannten und Freund, als Streicheleinheiten und Lob eines Feindes, so mein Motto)

Ich fasse mich kurz, kaum 18 geworden, immerhin konnte ich für den ambitionierten Jungen noch ein Probetraining bei einem Zweitligisten organisieren, allein, um ihm zu zeigen, dass es überall Talente gibt. Vater und Sohn nahmen dankend an – die Agentur hatte sich vornehm zurückgezogen, und letztendlich unterschrieb der 18-Jährige dort, wo auch andere seiner Landsmänner unterschrieben: Weit weg, in Berlin, bei einer Agentur, deren Namen vorgibt, zur Spitzenqualität zu gehören, aber ein Vermittler oder Berater nie gen Süden fahren oder fliegen würde, auf eigene Rechnung, sofern es sich beim Spieler nicht schon um ein Toptalent handelt(e). Denis I. jedenfalls war nicht mehr im Kader bis dato. Erst eine kleine Verletzung, dann eine laschere Einstellung, und wer weiß – keine Kritikfähigkeit? (O-Ton eines Fachmanns vor Ort: „Denis ist derzeit nicht im Kader, weil er sich mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt…“) Hinzu kam der mangelnde Mut, mir mit-zu-teilen, dass er nun ohne Mama und Papa wo anders unterschrieben habe. Was wäre passiert? Gar nichts, vielleicht hätte ich meine Enttäuschung kund getan, vielleicht auch nur gefragt (wie den Vater), warum ausgerechnet diese Agentur? Wegen des eigenen Bildes auf der Homepage? Jedoch ohne Spielanteile beim jetzigen Verein? Klar war auch, der Spieler bot sich diesem Berater und der Agentur selbst an, allein hätte ihn der Berliner Berater nie ausfindig gemacht, ohne Spieleinsätze beim „FCH“.

Aus Berlin kennt man ja die kesse Lippe (eine SMS-Konversation folgte, und mir wurde klar, bei welcher Art Berater der Spieler gelandet war). Gut beraten jedoch wurde der Spieler nicht, nun existieren zwei formelle Verträge. Trotz Kündigung des Spielers läuft der Vertrag mit der FIFA lizenzierten Agentur vorerst auch weiter, es sei denn, sie regeln es „irgendwie“ untereinander.

Oft kommt eben ein Murks heraus, wenn Berater nicht beraten, und Spieler „blind“ ihre Erfahrungen sammeln wollen. „Meine Landsleute sind dort, also will ich auch dahin!“ Kein einziger seiner Landsleute in dieser Agentur gehören wirklich zu absoluten Topkickern. Aber, es kann ja noch werden. Von Denis‘ Talent bin ich nachwievor überzeugt, wenn er wieder in die Spur kommt.

Doch, nach letzten mir zugetragenen Meldungen, ich fasse mich nun kurz, da es fast schon schmerzt, ist der Spieler abgehoben, und der Berater findet es auch noch „klasse“ vom, Achtung: >>kommenden albanischen Ronaldo<< auf einer Agentur-Facebookseite zu schreiben. Es kommt leider alles so lächerlich rüber. Und das ist sehr schade für den Spieler. Den Vater, zu dem ich noch einen Draht habe, informierte ich darüber. Ob diese abgehobenen Phrasen noch drin stehen? Keine Ahnung,  ich bin nicht auf Facebook…

 

 

 

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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