Wenn neue Trainer bereits zum Saisonstart hinterfragt werden (müssen): Frank de Boer von Inter Mailand steht nach dem 0:2 gegen Chievo Verona gleich unter Beschuss

Die italienische Presse und deren Journalisten können aber auch kritisch bis vernichtend sein. Wobei bisher alle Trainer und Spieler, die je in Italien tätig waren, immer meinten, dass die italienischen Journalisten stets sehr gut und tief vorbereitet seien – außerdem ist Italien das Fußballland schlechthin. Jeden Tag wird über Fußball berichtet und geredet.

Frank de Boer, der ehemalige niederländische Nationalspieler und viermalige Meistercoach von Ajax Amsterdam hatte es aber auch nicht leicht, oder hat de Boer seine neue Aufgabe schlichtweg unterschätzt, fragen sich nicht nur Experten sondern auch die harten Inter-Fans, die Interisti. Alle Verantwortlichen von Inter Mailand bekamen ihr Fett ab: Das Präsidium um Erick Thohir, dem neuen Mäzen, mit seinem Sportvorstand und Direktor Michael Bolingbroke (früher Manager auch fürs ticketing bei ManU), sowie Trainer Frank de Boer selbst. Gerade mal 12 Tage hatte de Boer Zeit, sich mit dem Team und den Spielern, aber auch überhaupt mit dem italienischen Fußball, vertraut zu machen. Knappe 12 Tage und ein Freundschaftsspiel. Dass Vorgänger Roberto Mancini zwar auf der „Abschussliste“ stand, war seit April bekannt, und dennoch hielt das Präsidium an ihm fest. Jedenfalls konnten und woll(t)en das die Inter-Fans nicht begreifen. Nach der 0:2-Niederlage bei Chievo Verona gleich am ersten Spieltag, musste sich Frank de Boer heftiger Kritik stellen und Fragen beantworten – auch taktischer Natur.deBoer_2016-08-24-23-34-52-1

(Ausschnitt, de Boer, 46, steht Rede und Antwort, auf Englisch – statt italienisch)

Da stand Frank de Boer nun in Verona, und musste mit ansehen, wie sein Team so rein gar nichts von seinen Vorgaben umsetzte. Nach Mancinis Abgang startete de Boer und seine Trainer-Staff immerhin mit der Vorgabe, Juventus Turin Paroli zu bieten in dieser Saison. Der indonesische Mäzen und Geschäftsmann (Milliardär) Erick Thohir wolle Inter Mailand wieder „zur Marke“ machen. Jedenfalls starteten Stadtrivale AC Milan und Juventus Turin besser, mit Siegen.

In großen Lettern, und fachlich gut recherchiert, kamen die Gazzetta dello Sport und der Corriere dello Sport mit Aufmachern heraus:

Vier trockene Tatsachen für De Boer! INTER: schon ein Notfall

  • Man muss die Vorbereitung allgemein in Frage stellen

 

  • Zur Taktik: Keine Abwehr zu dritt vorhanden, Weitermachen mit dem 4-3-3 oder 4-2-3-1-System ist Pflicht

 

  • Was ganz sicher ist: Es braucht mehr feste Punkte, Perisic kann nicht auf der Bank bleiben.

 

  • Der Transfermarkt (neigt sich dem Ende), Joao Mario ist zwar ein guter Spieler, aber es fehlt auch ein guter defensiver Mittelfeldmann.

 

Das Allerschlimmste aber war, dass selbst die hartgesottensten Fans von INTER offen zugaben (mussten), dass Chievo verdient gewonnen und man vom eigenen Team nichts gesehen habe. Und nun werde es gegen Palermo bestimmt nicht leichter. Im (INTER-)Net ließen sich die Fans so richtig aus, aber auch die gut informierten Journalisten schrieben so, als zweifelten bereits jetzt alle am Können de Boers. Ganz dem Motto: Also nach Roberto Mancini habe man schon mit einem anderen Hochkaräter als Trainer gerechnet. De Boer? Okay, was bitteschön habe er schon groß erreicht? Ein bisschen hochnäsig aber aus voller Überzeugung fragten viele Fans und Fernsehexperten, habe sich de Boer eigentlich mit der Serie A auseinander gesetzt? Mit dem italienischen Fußball allgemein? Einig sind sich zwar alle, dass die Serie A ein wenig an Attraktivität einbebüßt habe, aber nichtsdestotrotz schätze man in Europa den italienischen Fußball weiterhin hoch ein: Die Ligen Serie A und B gehören zu den ausgeglichensten Ligen. In der Serie A, anders als in Spanien, Deutschland oder gar England, können auch die Teams zwischen Platz acht und 15 die Großen Teams stets ärgern! Wie eben Chievo Verona (das immer starkt in die Saison startet). Warum ist das so? Weil in Italien die Taktik als sehr, sehr wichtig eingeschätzt wird. In Italien spiele jedes Team erst einmal nach der Marschrichtung, auf keinen Fall zu verlieren. Selbst das Team, das namentlich die schwächeren Spieler hat, kann durch eine gute Taktik das große Team, den Favoriten, ärgern (und sei es mit dem Catenaccio, dem Riegel, was aber immer seltener so extrem vorkommt). Die Serie A ist sehr ausgeglichen, auch wenn Juventus Turin momentan das Maß aller Dinge zu sein scheint – doch selbst Juve musst daheim gegen die Fiorentina lange nach einer Lücke zum 2:1 suchen. Higuaín kam, sah, und traf. Viermal in Folge wurde de Boer mit Ajax Meister, in der vergangenen Saison verfehlte er den 5. Titel erst am letzten Spieltag. Die Fans fragen aber: Welches Niveau hat die holländische „erendivisi“ im Vergleich zur Serie A? Dass de Boer selbst ein Spieler auf hohem Niveau war, bei Ajax, bei Barca, etc. – interessiert nicht im Hier und Jetzt.

Immerhin nahm Altmeister Arrigo Sacchi Frank de Boer in Schutz, nach einem Spiel könne man nicht über einen Trainer urteilen, oder über ihn „herfallen“. Vor allem sei de Boer nicht allein verantwortlich, für die Missstände: 12 Tage Vorbereitung seien einfach zu wenig.

Aber was viele Fans fertig machte, und Experten nicht zu „greifen“ bekamen, einfach nicht verstehen wollten, weshalb Frank de Boer, der als 4-3-3-Trainer angepriesen wurde, plötzlich gegen Chievo ein 3-5-2 spielen ließ – á la Conte bei der Squadra Azzurra – statt offensiver und mit Perisic zumindest.

Frank de Boer meinte später unmittelbar nach dem Match, dass das Team nicht fit genug sei und nicht alle Spieler Kondition für 90 Minuten hätten. Momentan.

De Boer „foulte“ Mancini im Nachhinein, obwohl er diesen Tage zuvor ganz diplomatisch und gentlemanlike bei der Präsentation noch gelobt hatte. Ein Ehrenkodex, mehr nicht.

Viel Aufräumarbeit auf einmal, bei Inter. Frank de Boer freute sich auf diese neue Aufgabe, doch wie möchte er als neuer Trainer schnell das Team aber auch die Fans für sich gewinnen, wenn jeder merkt, dass der „Wurm in der Mannschaft“ ist? De Boer ist Profi genug, als dass er nicht wüsste, die Mission und Situation ist heikel im Moment. Er ist aber auch Profi genug zu handeln.

Es ist nicht nur eine „Systemfrage“, sondern auch eine Frage des Trainings und der Dosierung sowie der Psychologie. Jedoch schreiben die meisten Journalisten und Inter-Experten, dass das 4-3-3 oder 4-3-2-1 eher auf den Inter-Kader passen würde. Mancini spielte oft nur mit einer Spitze, dafür mit zwei hängenden dahinter.

Bitte keine weiteren Experimente, wenn, wie de Boer meinte, der Kader nicht die nötige Fitness habe. In Verona war das Team schlichtweg untauglich, Wege zu gehen und Zweikämpfe anzunehmen. De Boer, so sagte er bei seiner Ankunft, wolle ein Team, das „das Spiel macht, in einem eigenen Rhythmus über 90 Minuten“ lang. Perisic und Icardi müssen(!) einfach den Unterschied ausmachen zu anderen, fordern Fans wie Fachleute.

De Boer ist nun sehr als Psychologe gefragt, gleichzeitig muss der Holländer seine Spielphilosophie vermitteln und auch „Stars“ (fast alle) überzeugen. Was ist machbar, was weniger?

Mircea Lucescu, ehemaliger rumänischer Spieler und Nationaltrainer, 71, erfolgreich in Italien, kurz bei Inter in den 90ern, und zigfacher Meister mit Schachtar Donezk in der Ukraine, wurde auch befragt zur Situation von INTER.

Lucescu, der mit Galatasaray Istanbul sowie Donezk den Uefa-Pokal gewann, gilt als großer Psychologe und Guru in der Serie A und Russland (Zenit St. Petersburg sicherte sich seine Dienste heuer).

Und Lucescu gibt auch im Interview (Fachgespräch) mit Giulio Di Feo zu, dass die Situation von de Boer nicht leicht ist. „Natürlich, er kommt in eine neue Mannschaft, in der Dinge bereits eingespielt sind, und soll nun in knapp zwei Wochen viel verändern“, vieles hänge von dem ab, was er dort vorfinde.

Mircea Lucescu verfolgt dabei den gleichen Ansatz wie Ancelotti bei den Bayern (nach Guardiola), demnach solle man (de Boer) als Trainer „eine erfolgreiche Vorarbeit mitnehmen, auf ihr erst einmal aufbauen, und dann Stück für Stück Modifikationen vornehmen.“ Schließlich verlange es immer sehr viel Arbeit, Dinge zu verändern, die Spieler müssen immer „mitgenommen“ werden.

Passiere das nicht, bekommt ein Trainer schnell Probleme. Spieler sollten aber immer dem Trainer helfen. Auch in ihrem eigenen Interesse, offen sein für Veränderungen. Junge Spieler machen das schneller mit, meint Lucescu, echte Stars und erfahrene Spieler muss man oft noch mehr „überzeugen“.

Aber auch diese Spieler kann ein Trainer überzeugen, und auch auf deren Tipps eingehen. Manche Trainer scheuen das in einer neuen Mannschaft. Und Lucescu fragt ganz bewusst, warum sei es denn so, dass „Trainer, sobald sie den Club wechseln, zum neuen Verein ein paar Spieler mitbringen, die die Philosophie schon kennen?“. Guardiola machte das bei den Bayern, Mourinho ebenso, jetzt mit Ibrahimovic bei Manchester, „es hilft ungemein“, und erleichtert die Arbeit. Außerdem, so Lucescu, werden die anderen Spieler neugierig.

Druck spüre ein Trainer bei jedem europäischen Topclub, unterstreicht Lucescu. Damit muss ein Trainer, Kategorie de Boer, umgehen können. Mailand ist eine Fußballstadt.

Deshalb ist es notwendig, dass sich der Trainer mit einer soliden Gruppe „umgibt“, die sich auch für seine Spielphilosophie nach Außen stark macht. Die diese „Philosophie auch interpretieren kann.“

Und zur Taktik (z. B. vom Match gegen Chievo)?

Mircea Lucescu: „Man blickt nie hinein, was den Ausschlag gibt. Aber der Trainer sollte nie mit einer festen Taktik im Kopf zum Team kommen. Er sollte aber sofort sehen, welche Qualität die Spieler haben, und erst danach seine Taktik, bzw. sein System richtig auswählen.“

Und wie wichtig sind Kenntnisse über die jeweilige Liga?

Der Rumäne überlegt nicht lange: „Das zählt sehr viel! Sich diese Kenntnisse anzueignen ist das Erste, was ein Trainer machen muss. Gerade in einer Meisterschaft, wie die in Italien. Die italienische Meisterschaft ist deshalb so schwierig, weil sie besonders dann so ausgeglichen ist, wenn Du kaum damit rechnest. Wie nun bei mir in Russland, wo auch das Mittelfeld in der Tabelle stärker ist, als in der Ukraine…“.

Lucescu schließt seine Analyse damit, dass Frank de Boer ein sehr erfahrener Trainer, ein Mann des Fußballs sei, und wisse, wie dieser funktioniere, und  mit „Hilfe der Mannschaft“ könne er noch erfolgreich werden.

Sprich, wenn ein Team überzeugt wird vom Weg, wird es Alles geben…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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