Wunder gibt es immer wieder – nun auch im Nou Camp zu Barcelona: PSG wurde wahrlich überfahren, aber mit zwei Elfmetern wird vieles möglich! Dennoch: Sich aufgeben gilt nicht mehr – Alles ist machbar!

Das sind die Spiele, die den Fußball so faszinierend machen. Über dieses Match von Camp-Nou wird man sich noch in ein paar Jahrzehnten unterhalten. Eine wahre Aufholjagd ist dem FC Barcelona gelungen – nach einem 0:4 in Paris, und PSG ist nicht irgendein Club, gelang den Katalanen ein wundersames 6:1 im eigenen Stadion. Bei weit über 100 000 Zuschauern kann einem Spieler schon das Herz in die Hose rutschen, und wozu Messi, Neymar oder Suarez sowie Iniesta fähig sind, wissen schon die jüngsten Fans. Nur, ein Profi darf sich einen 4:0-Vorsprung in der Champions-League eigentlich nimmer nehmen lassen. Eigentlich. Wir werden einmal analysieren, ganz sachlich und nüchtern, wie dieses Wunder zustande kam, und was sich andere Trainer und Teams davon abschauen können. Nichts ist unmöglich im Fußball.

Das wäre aber auch unfair, wenn es denn stimmt, was nicht nur die Pariser Medien vermelden:

Trainer Unai Emery in Gefahr, die Folgen für die Mannschaft noch nicht abzuschätzen.

Coach Unai Emery, immerhin dreimaliger Uefa-Europa-League-Sieger mit Sevilla, hatte seine Mannen bestimmt professionell auf das Match in Barcelona vorbereitet. Auch Unai Emery hat im Fußball schon viel erlebt. Und genauso, wie Carlo Ancelotti sei Bayern nach dem 5:1 über Arsenal im Hinspiel „erdete“, Arsenal sei nicht zu unterschätzen (Carlo verspielte einmal gar ein Champions-League-Finale gegen Liverpool nach einer 3:0-Pausenführung!). Dass die Bayern auch in London 5:1 siegten, ist eine Klasse für sich. Emery wird ganz genauso auf sein Team eingeredet und auf die Stärken Barcas hingewiesen haben. Auf die Klasse der einzelnen Spieler, und dass ein Team oftmals Messi oder Neymar nie gänzlich ausschalten kann, gehört zum 1×1 im modernen Fußball – stellt aber immer auch eine Herauforderung dar. Mit dem 4:0 über Barca stand PSG bereits im Fußballer-Olymp, um dann zehn Tage später von dort gestürzt zu werden.

Gestern, erlebte der Fußball zwar eine magische Nacht in Barcelona, doch es spielten auch viele Komponenten in diesen 6:1-Sieg hinein. Denn, es ist auch wahr, so bald man über Schiedsrichter-Entscheidungen diskutieren muss danach, zeigt dies, dass eben der Schiri auch ein Hauptakteur war, und das ist schade. Denn, am besten pfeift ein Referee, wenn er quasi unsichtbar ist, und eben nicht im Rampenlicht steht. Der deutsche Schiedsrichter  Denis Aytekin hat bestimmt nach bestem Wissen und Gewissen – sowie nach bester Sicht, entschieden, nichtsdestotrotz wurde er aber auch zur meist diskutierten Person im Netz – und das ist nie gut.
Wenn ein Schiedsrichter eben so viel Angriffsfläche bietet, in einem denkwürdigen Spiel. Wir halten aber auch fest, die zwei Elfmeterentscheidungen sollen Barcelonas Lohn und Spielweise nicht schmälern!

Vielleicht hat der FC Barcelona eben diese Entscheidungen auch erzwingen wollen, im Wissen, dass die Fans jede Aktion doppelt beklatschen, bejubeln oder mit lauten Unmutsäußerungen begleiten!

„Es ist ein Skandal, was Aytekin hier gepfiffen hat“, lässt beispielsweise Robert Lewandowskis Berater Maik Barthel verlauten. „Schade, dass bei so einem historischen Match der auch in der Bundesliga gerne fehlerhafte Aytekin als schwarzer Punkt bleibt“, meint einer.

„Urlaub in Frankreich kann er vergessen“

Ein weiterer Twitterer schreibt: „Wir wissen ja alle, dass dieses Fußballwunder nur dank Deniz Aytekin überhaupt möglich war.“ Und letztlich: „Urlaub in Frankreich kann Aytekin auf Lebenszeiten vergessen!“

Vielmehr ist es ein psychologisches Momentum gewesen, dass Emerys Team, obwohl es durch Cavani nochmals auf 1:3 herankam, nicht in der Lage war, konzentriert und stark in der Defensive – zumindest aber gut gestaffelt – das Match trotz einer Niederlage in ein Weiterkommen münden zu lassen. Es wäre eine „schöne Niederlage“ gewesen. Nach einem 4:0 in Paris wäre eine knappe Niederlage in Barca nicht schlimm gewesen – Paris stünde im Viertelfinale. Aber so?

Psychologisch oder „mental“  am Boden, voller Ehrfurcht, brach Paris zwar nicht ganz ein, ließ aber Ordnung und Konzentration in der Schlussphase total vermissen. Wenn ein Team ab der 88. Minute total versagt und bereits im Mittelfeld nicht dicht genug am Mann steht, muss man sich nicht wundern, wenn Gegentore im S-Bahn-Takt fallen. Barca nutzte den Raum im Mittelfeld für ihr gewohntes schnelles Kurzpassspiel bis in den Strafraum. Es wurde wahr, was eigentlich nicht wahr sein durfte.

Standardsituationen, wie Neymars geniale Freistoßtor, genauso wie der Elfer, ebenfalls von Neymar verwandelt (Messi hatte davor schon einen genutzt), und dann der Abstauber aus sechs Metern in der 90+5. Minute, durch Sergi Roberto. Paris erlebte den Albtraum, und Barcelona feierte wie von Sinnen. Kurz, die französische Abwehr war nicht im Bilde. Sie hatten schon abgeschaltet, dachte wohl, Schiri Aytekin würde bald schon abpfeifen. Von wegen. Die Konzentration muss bis zuletzt hoch gehalten werden, lehren die Trainer bereits im Juniorenfußball. „Aus ist das Spiel erst, wenn der Schiedsrichter abpfeift!“

Zum Match und zur Spielweise selbst, wie wir sie beobachteten:

„ich habe das Wort Einstellung nie gemocht und das Thema trifft es auch heute nicht. Es geht um Fußball und die Frage, ob man gut positioniert ist auf dem Platz“, gab Iniesta am 14.02. nach dem Desaster von Paris zu Protokoll.

Technisch stark sind schließlich beide Teams, und Positions-Abläufe werden auf diesem hohen Niveau, in der Barca-Schule sowieso, ständig automatisiert, egal wer ins Spiel kommt, auch der Auswechselspieler greift wie ein Zahnrad ins nächste.

Im Rückspiel gestern, lief alles spiegelverkehrt, Barca war sich seiner Verantwortung bewusst, daheim im Nou Camp alles geben zu wollen, allein aus Schuldigkeit gegenüber dem zahlenden Heimpublikum. Obwohl nicht alles rund lief, irgendwo steckt dennoch ein Teufelchen im Detail (vielleicht gab Trainer Luis Enrique auch deshalb seinen Rücktritt zum Ende der Saison bekannt?), aber mit einem Messi, Neymar und auch Suarez, wenn in Höchstform, ist alles drin.

Paris Saint Germain beging wahrscheinlich den taktischen Fehler, von der ersten Minute an, offensichtlich defensiv stehen und nur kontern zu wollen.

Wir sahen ein klares 4:5:1, die Experten von Spielverlagerung.de analysierten gar eine Variante des 4:3:3:0:0, soll heißen, dass die Stürmer gar weit zurück gezogen in Höhe des Mittelfelds warteten, um von dort selbst Barcas Aufbau zu stören und ggf. nach Abspielfehlern zu kontern. Draxler (eher farblos diesmal), Moura und Cavani befanden sich immer auf Höhe der defensiven Mittelfeldspieler.

Dennoch verschoben auch die Pariser ziemlich sauber, nur Draxler wirkte etwas statisch, während Verratti und Cavani stets auf Ballhöhe waren.

Dass Paris aber auch offensiv agierte, kam erst nach der Pause, und es bleibt die Frage, weshalb sie dies nicht etwas stärker forcierten. In dieser Drangphase hatte Barca nämlich etwas mehr Schwierigkeiten, ehe die Katalanen mit einer Art 3:4:2:1 wieder ständig mit dem Pressing begannen.

Und, wie so oft, ein riesiges Publikum, ein schnelles Kurzpassspiel, und die Franzosen bekamen plötzlich so schien es, „Fracksausen“ und die Nervosität nimmer raus.

Unai Emery, der eigentlich zu den Trainern gehört, die sehr gut an der Außenlinie coachen, erreichte sein Team nicht mehr.

Auch er sammelt wohl noch Erfahrungen, es gibt bestimmte Teams (eben wie Barca oder das Manchester United früher mit Alex Ferguson), die alles in die letzte Viertelstunde legen, um Druck auszuüben. PSG hätte hinten weiterhin massiv verschieben und dennoch Angriffe einleiten können. Hätte…

Der Rest ist bekannt. 1:6 aus PSG-Sicht.

Die Aufarbeitung dauert an. Der Fußball zeigte wieder einmal, in 90 Minuten (plus Nachspielzeit) ist wirklich alles möglich. Taktik, die Systemfrage, aber viel mehr, die psychologische Kunst und Fertigkeit, Ergebnisse „unbedingt erzwingen zu wollen“, spielen in solchen K. O. – und „Alles oder Nichts-“ Spielen eine ganz große Rolle. Motivation war schließlich genug da. Zu verlieren hat nur der, der mit einem dicken Polster in solch ein Rückspiel geht…

 

 

 

Auszüge aus der Presse! Der Schiedsrichter war leider auch das Thema!

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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