Der „Imperatore“ kennt Italien ziemlich gut (wir berichteten auf Checkfussballberater.de bereits) – und spricht in der Gazzetta dello Sport, ein unbequemes Thema an. (Fußball, Porträts und Biographien: Fatih Terim, ein Junge aus Adana. Galatasarays Erfolge sind ohne Terim undenkbar. Ein erfolgreicher und emotionaler Typ, der in der Türkei sowie in Italien(!) verehrt wird. Die Fans liebten ihn, die Präsidenten rieben sich an ihm… – checkFussballberater )
Fatih Terim ist einer der wenigen Trainer, die beide Fußballwelten wirklich verstehen: die italienische und die türkische. Der ehemalige Nationaltrainer der Türkei, Galatasaray-Rekordmeister und frühere Coach von Fiorentina und dem AC Milan, hat den italienischen Fußball nicht nur beobachtet, sondern gelebt.
Deshalb haben seine Worte Gewicht.
Vor dem Duell Türkei gegen Italien analysierte Terim die Situation beider Nationalmannschaften und sprach einen Satz aus, der in Italien für Diskussionen sorgt: „Siete senza identità“ – „Ihr seid ohne Identität“.
Damit meint Terim nicht, dass Italien keine Qualität besitzt. Im Gegenteil: Er verweist auf die große Geschichte, die Erfolge und das weiterhin vorhandene Potenzial des italienischen Fußballs. Aber eine Nationalmannschaft braucht mehr als einzelne gute Spieler. Sie braucht eine klare Idee, eine Mentalität und einen Stil, der zur eigenen Fußballkultur passt.
Genau dieser Punkt ist entscheidend.
Italien hat in den vergangenen Jahren versucht, viele moderne Trends aufzunehmen. Mehr Ballbesitz, mehr Offensive, mehr Kontrolle – teilweise orientiert am Guardiola-Stil mit Tiki-Taka-Elementen.
Natürlich entwickelt sich Fußball weiter. Natürlich darf eine große Fußballnation nicht stehen bleiben.
Aber Italien wurde nicht Weltmeister, weil es Spanien kopierte.
Italien wurde Weltmeister, weil es Italien war.
Die verlorene DNA der Azzurri: Taktik, Organisation und Charakter
1982 und 2006 wurde Italien Weltmeister mit einer klaren Fußball-DNA: einer taktisch perfekt geschulten Defensive, einem kreativen und kompakten Mittelfeld sowie Stürmern, die technisch stark, körperlich robust und eiskalt vor dem Tor waren Diese Mannschaften konnten leiden, kämpfen und im entscheidenden Moment zuschlagen.
Auch der Europameistertitel 2021 zeigte noch viele dieser Eigenschaften: Zusammenhalt, Selbstvertrauen, taktische Flexibilität und eine Mannschaft, die an ihre Stärke glaubte.
Doch danach gingen wichtige Elemente verloren. Die italienische Schule war immer geprägt von Spielintelligenz. Nicht nur Verteidigen, sondern Räume verstehen. Nicht nur kämpfen, sondern Situationen lesen. Nicht nur laufen, sondern wissen, wann der richtige Moment gekommen ist.
Diese besondere Mischung machte Italien über Jahrzehnte erfolgreich.
Heute fehlt teilweise diese klare Richtung.
Dabei besitzt Italien weiterhin hervorragende Spieler: Donnarumma ist ein Weltklasse-Torhüter, Bastoni gehört zur internationalen Spitze, Barella bringt Dynamik und Mentalität, Tonali Qualität im Mittelfeld, Dimarco zählt zu den besten Außenverteidigern seiner Position und junge Talente machen Hoffnung.
Das Problem liegt also nicht nur bei den Spielern. Die Frage lautet: Welche Identität soll diese Mannschaft verkörpern?
Montella, Mancini und der schwierige Weg zurück. Interessant ist, dass Terim trotz seiner Kritik an der italienischen Entwicklung, sehr positiv über Vincenzo Montella spricht.
Der türkische Nationaltrainer Montella steht vor einem besonderen Spiel: Als Italiener auf der Bank der Türkei trifft er auf sein Heimatland. Er betonte, dass die Türkei für ihn inzwischen ein Zuhause geworden sei und er für dieses Land alles geben werde.
Terim kennt Montella und verfolgt dessen Arbeit genau. Er beschreibt ihn als Trainer, der Fußball versteht, Spiele lesen kann und eigene Ideen besitzt. Gleichzeitig macht Terim klar: Stabilität ist wichtig, denn eine Mannschaft braucht Zeit, um einen Stil zu entwickeln.
Diese Aussage gilt auch für Italien.
Ein neuer Trainer, ein neues System oder einzelne Veränderungen reichen nicht aus.
Der italienische Fußball braucht einen langfristigen Plan.
Die Nachwuchsarbeit muss verbessert werden. Junge Spieler müssen mehr Chancen erhalten. Vereine und Nationalmannschaft müssen wieder enger zusammenarbeiten.
Denn Italien hat weiterhin eine große Fußballkultur.
Die Erfolge der italienischen Klubs in Europa zeigen, dass Qualität vorhanden ist. Atalanta gewann die Europa League, Inter spielte auf höchstem Champions-League-Niveau, Napoli entwickelte eine eigene Fußballidee.
Das Potenzial ist da.
Aber eine Nationalmannschaft lebt nicht nur von Vereinsqualität.
Sie braucht eine Seele.
Fatih Terim hat deshalb einen wichtigen Punkt angesprochen: Italien muss nicht zurück in die Vergangenheit, aber es muss seine eigenen Stärken wiederfinden.
Nicht Spanien kopieren. Nicht England imitieren.
Auch nicht den Fußball anderer Nationen nachspielen.
Die Zukunft der Azzurri beginnt damit, wieder zu verstehen, wer sie sind.
Denn die größten italienischen Mannschaften hatten immer eines gemeinsam… Sie kannten ihre Identität.
Giovanni Deriu