Es gibt Gespräche, die bleiben. Nicht wegen der Lautstärke. Nicht wegen großer Schlagzeilen. Sondern wegen der Atmosphäre. So war es bei dem Austausch mit Walter Sabatini. Im Online-Videozoom, und Walter Sabatini, direkt aus seinem Wohnzimmer.
Ein Gespräch, das sich langsam entwickelte.
Fast tastend. Mit dieser besonderen Mischung aus Leidenschaft, Müdigkeit und Erinnerungen.
Nach etwa einer halben Stunde sagte Sabatini ruhig, er müsse bald aufhören. Sein Sauerstoffgerät warte. Es war kein dramatischer Moment. Eher ein stiller, er hatte interessant und sehr lebhaft von seinen Erfahrungen erzählt. Und mit seiner nun chronischen Erkrankung geht er offen um. Man kennt ihn, Walter, ja bestens im italienischen Fußball.
Und dann sagte er einen Satz, der viel über ihn verrät. Der Fußball, der Austausch darüber, die Zeit bei Salernitana, habe ihn lebendig gehalten.

Man merkte sofort: Das war keine Floskel.
Dieses Gespräch, wir mochten es kaum glauben, kam nur zustande, durch den Workshop von Dozent Gianfranco Multineddu. Dessen Netzwerk ist über Jahre gewachsen, geprägt von tiefer Freundschaft.
Ein Mann, der es immer wieder schafft, Menschen aus dem Innersten des Fußballs zusammenzubringen. Scouts, Sportdirektoren sowieso, Manager, und Praktiker des Fußballs überhaupt. (Dazu gehören auch Antonio Di Battista, oder Ignazio Argiolas, beide hatten schon die unterschiedlichsten Posten inne, und oft auch sehr erfolgreich)
Und an diesem Abend neulich, eben auch Sabatini. Es ist schon fast drei Wochen her, aber wir mussten das Gespräch setzen, ja, nachwirken lassen…
Ein Leben im Fußball
Heute würde man ihn wahrscheinlich „Kaderplaner“ nennen. Früher hieß es schlicht: Sportdirektor. Beobachter, Scout, Verhandler in Personalunion.
Sabatini hat viele Stationen erlebt. Viele Vereine.
Viele Projekte. Doch besonders gern erinnerte er sich an eine Zeit. Damals, Palermo, Sizilien.
Der Club, den er gemeinsam mit Präsident
Maurizio Zamparini prägte. Eine Beziehung voller Reibung. Voller Emotion.
Sabatini selbst beschrieb sie einmal als
„turbulent, aber wunderbar“.
Zamparini sei ein authentischer Mann gewesen.
Direkt. Unberechenbar.
Manchmal schwierig. Aber eben auch einzigartig. Heute, so sagte Sabatini, fehlten ihm solche Figuren im Fußball.
Zamparini starb 2022. Ein Verlust, der Sabatini sichtbar berührt. Er erwähnte auch die Tragödie um Zamparinis Sohn, der Jahre zuvor in London ums Leben kam. Ein Schmerz, der einen Vater nie verlässt. Zamparini, der harte Hund, sei an gebrochenem Herzen gestorben, ist sich Sabatini ziemlich sicher.
Fußball vor der Datenflut
Der Fußball hat sich verändert. Nicht nur sportlich. Auch medial.
Früher gab es nur die Zeitungen. Mal einen Radiosender, bisschen Fernsehen. Alles überschaubar. Die großen Sportseiten am Morgen. Mehr nicht.
Heute gibt es permanente Öffentlichkeit.
Ständige Bewertung. Zig Sender, Blogs, Internet-Plattformen. Und Sabatini sagt offen:
Als ehemaliger Profi sehe er den Fußball auch etwas anders. Er spielte selbst auf hohem Niveau, unter anderem bei Perugia und Varese, sowie für die AS Roma. Wer selbst auf dem Platz gestanden habe, erkenne Dinge schneller.
Zum Beispiel, „Talent“. Ein echtes Talent, sagt Sabatini,
sei immer sichtbar. Man müsse nicht lange suchen.
Ein echter Topspieler „frisst den Platz“. Er nimmt ihn in Besitz. Die anderen?
Sie werden vom Platz verschluckt.

Der romantische Teil des Scoutings
Sabatini erinnerte sich dabei auch an die frühen Jahre seines Scoutings.
Eine Zeit, die heute fast romantisch wirkt.
Fußball pur. Er erzählte, wie er früher mit einem kleinen Notizheft und einem Kugelschreiber unterwegs war. Oft saß er stundenlang im Auto.
In einem alten Fiat 500.
Acht oder neun Stunden Fahrt waren nichts Ungewöhnliches.
Er fuhr durch ganz Italien.
Bis in die tiefsten Provinzen.
Kleine Plätze. Staubige Trainingsfelder.
Dort, wo kaum jemand hinschaute.
Dort suchte er Spieler, folgte den Tipps anderer Jugendtrainer. Keine Datenbanken.
Keine Videoplattformen.
Nur das Auge. Und das „sichere“ Gefühl, ja, da könnte ein neuer Totti oder Cavani sein.
Sabatini, der Architekt von Mannschaften
Natürlich ging es auch um seine Arbeit als Sportdirektor. Besonders um die Zeit bei der
AS Roma. Sabatini war einer der Architekten der Mannschaft, lange bevor sie sportlich wieder an die Spitze kam.
Transfers. Mutige Entscheidungen. Risiken.
Er gab zu, im Onlinegespräch,
ja, er sei auch Risiken eingegangen.
Aber er habe sich immer durchgesetzt.
In jedem Club. Nicht mit Lautstärke.
Sondern mit Überzeugung.
Viele große Spieler kamen durch ihn nach Italien.
Bei der US Palermo, in der Zamparini-Ära,
entstand eine Mannschaft, die heute fast nostalgisch wirkt. Eine Mischung aus Talent und Instinkt. Viele mutige Spieler, die nach Sizilien passten. Namhafte Spieler, wie Javier Pastore,
Edinson Cavani, oder, Josip Iličić, spielten plötzlich gemeinsam. Dazu Figuren wie
Fabrizio Miccoli.
Eine Mannschaft,
die sogar die Großen der Serie A nervös machte.
Sabatini sprach darüber nicht mit großem Stolz. Eher mit leiser Verwunderung, dass es so gut klappte. Vertrauen in seine Arbeit, seinem Bauchgefühl, hatte Walter aber immer – selbst, wenn auch er sich „hin und wieder in einem Talent, mit seinem Durchhaltewillen“ getäuscht habe. Aber er schwärmt schon, von dieser Zeit in Palermo, von diesem Team der Unbekannten.
Talent reicht nicht
Im Raum hörte man kaum ein Geräusch.
Die Workshopteilnehmer hörten aufmerksam zu.
Scouts, Sportdirektoren, und
Beobachter generell.
Alle lauschten. Es war ein Moment des Lernens.
Und auch ein Moment des Respekts.
Denn Sabatini sprach nicht nur über Transfers.
Er sprach über Menschen.
Über Charakter.
Über das, was einen echten Profi ausmacht.
Talent allein genügt nicht.
Das haben viele. Entscheidend sei der Charakter.
Die Fähigkeit, Druck auszuhalten.
Selbstbewusstsein. Und fame, Hunger.
Ein Spieler müsse sich durchsetzen wollen.
Immer wieder. Auch wenn niemand mehr an ihn glaubt. Sabatini ist überzeugt:
Talente verschwinden nie. Es gibt sie immer wieder. Zum Beispiel, wie aktuell, Spieler wie Antonio Vergara, von der SSC Napoli mit Trainer Antonio Conte. Oder junge Spieler aus Akademien wie Atalanta Bergamo, die später bei Clubs wie
Cagliari Calcio Spielzeit bekommen.

Trainer spielen dabei eine entscheidende Rolle.
Sie müssen Mut haben.
Mut dazu, junge Spieler einzusetzen.
Mit gerade einmal 17, oder mit 18.
So wie es in Spanien oder Deutschland längst üblich sei, in der Bundesliga zum Beispiel („Deriu muss es wissen und kann es bestägigen…“, spricht er mich direkt an, nachdem ich mich vorstellen und zwei Fragen stellen konnte)
Scouting ist Begegnung
Sabatini betonte auch etwas anderes. Scouting passiert nicht (nur) am Laptop.
Man muss auf die Plätze gehen. Zu den Spielen.
Zu den Trainings. Man muss sehen,
wie sich ein Spieler verhält. Wie er spricht.
Wie er reagiert. Talent zeigt sich im Spiel.
Charakter zeigt sich im Alltag.
Eine besonders talentreiche Region in Italien sei übrigens Latium (Lazio).
Rund um Rom. Dort herrsche eine Talentdichte, auch durch die unzähligen Clubs.
Und ebenso viele junge Spieler.
Ein Leben zwischen Leidenschaft und Abgrund
Doch bei aller Fußballromantik
blieb das Gespräch auch persönlich.
Sehr persönlich, Moderator Multineddu moderiert gekonnt und zurückhaltend.
Sabatini sprach offen über sein Leben.
Über seine Familie. Für ihn sei sie das Licht seines Alltags. Sabatini, ein ehrliche, tiefe Haut. Oft klingt er wie ein melancholischer Poet des Fußballs. Vielleicht passt das, denn Sabatini hat selbst einmal, in einem anderen Intervirw gesagt,
er fühle sich manchmal wie ein verfluchter Dichter. Ein Mann zwischen Leidenschaft und Selbstzerstörung. Seine Zitate sind berühmt.
Radikal. Schonungslos.
Einmal sagte er: „Ich begehe jeden Tag Selbstmord.“ Damit meinte er seine Lebensweise. Nächte voller Arbeit.
Unzählige Zigaretten. Fünfzehn Kaffees am Tag.
Er beschrieb sich selbst einmal so:
„Ich habe ein linkes Gehirn und einen rechten Körper. Sie sind ständig im Konflikt.“
Der Preis eines Lebens im Fußball
Sabatini hat schwere gesundheitliche Krisen erlebt. 2019 erlitt er eine lebensbedrohliche Atemwegserkrankung. Er fiel ins Koma. Die Serie A, der italienische Fußball bangte um ihn.
Heute leidet er unter chronischen Problemen mit Lunge und Bronchien. Zwei Stents stabilisieren sein Herz. Das Rauchen musste er aufgeben.
Nicht aus Überzeugung. Aus Notwendigkeit. Manchmal dampft er eine E-Zigarette. Selten.
Er selbst nannte seine frühere Beziehung zu Zigaretten einmal eine „nostalgische Liebesgeschichte“. Trotz allem blieb er dem Fußball treu. Vielleicht, weil der Fußball selbst eine Art Sauerstoff ist. Für Menschen wie ihn.
Ein Satz zum Abschied
Als das Gespräch endete, blieb eine stille Stimmung von Dankbarkeit im Raum.
Keine große Geste. Kein Applaus. Nur Respekt. Und ein großes „Grazie mille“, von uns Teilnehmern, für einen Mann,
der den Fußball nie als Geschäft verstanden hat.
Sondern als Leben.
Und vielleicht fasst ein Gedanke von Sabatini alles zusammen: „Der Fußball gehört den Mutigen. Wer keine Risiken eingeht, wird nie entdecken, wie groß ein Spieler wirklich sein kann.“
Giovanni Deriu
Anmerkung und Dank:
Ein besonderer Dank gilt Dozent und Workshop-Leiter
Gianfranco Multineddu, der diesen außergewöhnlichen Austausch möglich gemacht hat. Seine Workshops bringen regelmäßig Persönlichkeiten des internationalen Fußballs zusammen. Gast- und Impulsgeber wie
Mario Marino, Antonio Di Battista, Cristiano Giaretta oder Ignazio Argiolas,
gewähren dabei seltene Einblicke in ihre Erfahrungen, Entscheidungen und Denkweisen.
Für alle Teilnehmer sind diese Begegnungen mehr als nur Vorträge. Sie sind Fenster in eine Welt, die man nur versteht, wenn man ihr wirklich zuhör, und auch ein wenig dazugehört. Man muss zuhören können, oder wie es Sabatini auch sagte: „Ich habe Leuten immer zugehört, ja, zuzuhören, war eine meiner Hauptaufgaben, und ich tu‘ es noch heute…“ – Und an diesem Abend hörten alle besonders aufmerksam zu…

























































































































































































































































































