WM 2026, Porträts und Biographien – der Brasilianische Traum ist wieder geplatzt. Woran lag es, wenn es selbst der beste Clubtrainer der Welt nicht vermochte, die Selecao bis ins Finale zu bringen? Eine Analyse über Brasilien und Carlo Ancelotti…

Oder: Carlo Ancelotti – Warum auch der erfolgreichste Trainer der Welt in Brasilien an Grenzen stößt

Als Carlo Ancelotti 2009 nach London ging, sprach er kein Wort Englisch. Er redet bis heute auf seine ganz eigene Weise: ruhig, gelassen, auf Italienisch, oft durchsetzt mit römischem Dialekt. Schlagfertige Bemerkungen und Aphorismen gehören ebenso zu ihm wie die acht Jahre in Rom (171 Spiele, 12 Tore), die ihm im Blut geblieben sind – genauso wie seine emilianischen Wurzeln, auch wenn man in seiner Sprache kaum einen regionalen Akzent heraushört. In Rom fand er zudem die Liebe: Seine erste Ehefrau Luisa schenkte ihm die beiden Kinder Davide und Katia.

Heute, siebzehn Jahre später, spricht Ancelotti fließend Englisch, Französisch, Spanisch, Deutsch und inzwischen auch Portugiesisch – eine Sprache, in die er sich unmittelbar nach seiner Ernennung zum Nationaltrainer Brasiliens vertieft hat. Nichts Außergewöhnliches: Wer als Spitzenprofi quer durch Europa und die Welt zieht, muss sich verständigen können – mit Spielern, Funktionären und seinem Umfeld. Es ist nicht nur eine berufliche Notwendigkeit, sondern auch eine Frage des alltäglichen Lebens.

Seine Stationen – vom FC Chelsea zu Paris Saint-Germain, von Real Madrid zum FC Bayern München, später zum FC Everton, mit einem Zwischenstopp in Neapel und nun in Rio de Janeiro – zwangen ihn immer wieder, sich sprachlich und kulturell anzupassen. Das gelang ihm scheinbar mühelos. Sein wichtigstes Prinzip, als Mensch wie als Trainer, lautet: führen und managen. Das hat er in seiner Familie ebenso bewiesen wie in nahezu jedem Verein, den er trainierte – selbst beim Everton oder in Neapel, wo die großen Titel ausblieben. Seine größte Stärke ist die Empathie, mit der er Beziehungen zu Vereinsführungen, Spielern, Fans und Medien aufbaut.

Am Ende bleibt jedoch der Erfolg das entscheidende Kriterium, nach dem ein Trainer beurteilt wird. Anders kann es kaum sein. Der Mensch Ancelotti gilt als loyal, direkt, freundlich, sympathisch und geistreich. Er zeigt nur selten scharfe Kanten und besitzt den gutmütigen, geduldigen und toleranten Charakter eines Mannes vom Land. Der Trainer dagegen muss sich an den Ergebnissen seiner Mannschaften messen lassen.

Brasilien scheiterte bei der Weltmeisterschaft – zunächst spielerisch, dann auch hinsichtlich der eigenen Ambitionen. Das Aus gegen Norwegen im Achtelfinale löste einen Sturm der Kritik aus. Der frühere Nationaltrainer Vanderlei Luxemburgo (1998–2000) ließ kein gutes Haar an seinem Nachfolger. Nachdem er Ancelotti bereits für dessen Umgang mit Neymar kritisiert hatte („Unser bester Spieler hätte immer spielen müssen“), ging er noch weiter:

„Ancelotti hat bei der Aufstellung, bei seinen Entscheidungen und bei der Spielanalyse Fehler gemacht. Dadurch haben wir die Chance auf den sechsten WM-Stern verspielt. Wäre der Trainer Brasilianer, würde die Presse bereits seinen Rücktritt fordern, Sondersendungen ausstrahlen und das gesamte Projekt für gescheitert erklären. Bei einem Ausländer scheint es dagegen immer eine Entschuldigung zu geben, den Wunsch, ein Auge zuzudrücken, und eine Geduld, die man brasilianischen Trainern nie entgegengebracht hat. Schluss mit diesem Minderwertigkeitskomplex, der uns glauben lässt, alles, was von außen kommt, sei besser. Der brasilianische Fußball braucht mehr Brasilien. Mehr Identität, mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und mehr Respekt für unsere Fachleute und für das Wesen unseres Fußballs. Sollen sie über die Premier League, die Champions League oder worüber auch immer sprechen. Für mich bedeutet Fußball noch immer legendäre Trikots, bunte Tribünen, Späße und Legenden, bemalte Straßen, Kinder, die ihre Nationalmannschaft zum ersten Mal Weltmeister werden sehen – und vor allem jene Leidenschaft, die nur die Brasilianer wirklich verstehen.“

Eine solche Reaktion ist nachvollziehbar und keineswegs ungewöhnlich. Einige Personalentscheidungen, manche taktischen Einschätzungen und vor allem eine ausgesprochen vorsichtige Spielweise stehen im Widerspruch zur traditionellen brasilianischen Fußballkultur, die stets vom Angriff lebte – immer angreifen, überall angreifen, mit Außenverteidigern, Innenverteidigern und Mittelfeldspielern. Selbst dann, wenn Beobachter mehr Vorsicht und mehr Balance empfohlen hätten.

Auch die brasilianische Presse zeigte sich nicht gnädiger und griff im Wesentlichen denselben Gedanken auf wie Luxemburgo: „Wäre er Brasilianer, wäre er längst entlassen worden.“

Nach der Niederlage, besiegelt durch den Doppelpack von Erling Haaland, sprach Ancelotti dennoch vom Beginn eines neuen Zyklus. Es ist schwierig, die Grenze zwischen der inzwischen seit Jahren offensichtlichen technischen Schwäche vieler brasilianischer Spieler – mit wenigen Ausnahmen – und der Verantwortung des Nationaltrainers zu ziehen. Natürlich trägt auch der Trainer seinen Anteil an einem Debakel, das durch einen Ballbesitzanteil verschärft wurde, der Kritiker und Fans fast noch mehr verärgerte als die Niederlage selbst, weil Brasilien den Norwegern die Kontrolle über das Spiel überließ.

Zwar stimmt es, dass Norwegen die einzige Nationalmannschaft der Geschichte ist, die Brasilien noch nie besiegen konnte (drei Siege und zwei Unentschieden in den bisherigen Duellen). Ebenso stimmt, dass die besten Torchancen bis zehn Minuten vor Schluss überwiegend auf Seiten der Seleção lagen und der norwegische Torhüter Ørjan Nyland der beste Mann auf dem Platz war. Und ebenso richtig ist, dass Brasilien ohne Vitinha und Lucas Paquetá sowie mit einem nie richtig durchgestarteten Endrick, einem eher blassen Gabriel Martinelli und einem Mittelfeld um Casemiro, Bruno Guimarães und Gabriel weit von den großen Mannschaften vergangener Jahrzehnte entfernt ist. Dennoch waren die Erwartungen ungleich höher. Sehr viel höher. Aberglaube, Glück oder Pech spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle. Auch wolle Ancelotti kein Vorbild für andere sein, entgegnete er einer Journalistin, die fragte, was denn von ihm überdauern solle? Carlo wörtlich auf der PK nach der Niederlage: ,,Ich bin immer der Gleiche, ich will kein Vorbild sein – ich liebe die Passion zum Fußball seit ich ein kleiner Junge war. Erfolge und auch eben solche Niederlagen gehören zum Fußball dazu…“

„König Carlo“ als Trainer wurde von seinen Kritikern – und nicht nur von ihnen – stets als außergewöhnlich glücklich bezeichnet. Dabei war ausgerechnet er es, der mir einst erklärte, dass es im Sport, im Fußball, kein Glück gebe. Damals war er noch Spieler und ich ein junger Reporter. Immer wieder sagte er zu mir:

„Du kannst den Pfosten treffen, wegen eines Abprallers, eines schlechten Rasenstücks oder einer abgefälschten Aktion verlieren oder nicht gewinnen. Aber du hast 90 Minuten Zeit zu zeigen, dass du besser bist. Wenn dir das nicht gelingt, ist es deine Schuld – und das Verdienst des Gegners.“

Dieser Satz gilt heute genauso wie damals. Er beschreibt Ancelottis Fußballphilosophie besser als jede Trophäensammlung. Und vielleicht muss er sich nun an seinen eigenen Worten messen lassen.

Ancelotti hat bei der Seleção noch vier Jahre Vertrag. Genug Zeit, um Kritiker zu widerlegen und Brasilien wieder zu alter Stärke zu führen. Leicht wird das nicht. Doch wenn einer weiß, dass Erfolg weder Glück noch Zufall ist, sondern das Ergebnis harter Arbeit, dann ist es Carlo Ancelotti.

Boa sorte, Carletto. Viel Glück.

Giovanni Deriu

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Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Lehrer und Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin und FussballEuropa.com Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen. ◾⚽ Auch Sportjournalismus, und besonders dieser Info-Blog und diese Website der Porträts und Biographien ist ohne Zeit und Rechercheaufwand (nebenberuflich) nicht zu 'wuppen'. Für kleine Spenden und Unterstützungen sind Wir Euch jederzeit dankbar, auch wenn es nur für einen Espresso an der Bar ist - dort entstehn meist neue Ideen und Storys. Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut. Für neue Geschichten und Recherchen, hier die Bankverbindung, IBAN: DE58 6149 0150 1124 9940 09 VR-Bank Ostalb, Schwäbisch Gmünd. Verwendungszweck: Zuwendung

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