Dragoslav Stepanovic: Bei allem Fußballbusiness das Menschliche nicht aufgeben – „Lebbe geht weider“, wurde zum Spruch, weil der Fußball nicht alles ist…

Dragoslav Stepanovic schrieb mit der Eintracht Frankfurt Bundesligageschichte, und das, obwohl „Stepi“ mit ihr nicht einmal Meister wurde! Aber, bis heute sind sich viele Experten einig: Eintracht Frankfurt spielte insgesamt in der Saison 1991/92 den schönsten Fußball überhaupt. Und, wer weiß schon, dass Stepi einst Jürgen Klopp entdeckte?

Dragoslav Stepanovic, eine schillernde Figur für die Boulevardpresse (Sie titelte gern: Von der Kneipe in die Bundesliga, nur weil Stepanovics Frau ein Bier-Pub leitete), führte neue Trainingsmethoden ein (u. a. das große beheizte Festzelt), ganz im Sinne des Offensivfußballs und Pressing. Um Dragoslav Stepanovic ist es ein bisschen ruhiger geworden, nach zahlreichen Stationen im In- und Ausland und der berühmten Eintracht-Ära. Stepanovic war Profi durch und durch. Als Spieler, sowie als Trainer (Fußballlehrer). Stepi wurde nicht nur in Hessen zum Unikat.

Dass Dragoslav Stepanovic Ende der 70er Jahre in Manchester für die Citizens spielte, weiß auch kaum einer, oder wurde gern „weggelassen“ – Stepi, der Trainer, den Bernd Hölzenbein (andere Eintracht-Legende und Weltmeister 1974) quasi aus der Kneipe verpflichtete, passte den Medien nur zu gut in die bunten Seiten.

Bei Manchester City wurde Dragoslav Stepanovic, Jahrgang 1948 (geboren 30. August in Rekovac), als erster ausländischer Spieler zum Mannschaftskapitän gewählt.

Im früheren Jugoslawien wurde „Stepi“ gleich zweimal zum Fußballer der Jahres gewählt, und das als rustikaler wie filigraner Abwehrspieler. In Belgrad, wo Stepanovic einst für den OFK und Roter Stern spielte, ist er heute auch noch bekannt und eine Legende. In Serbien überhaupt. Über 30 Mal spielte er für das jugoslawische Nationalteam. Zu den „Citizens“ nach Manchester kam Stepi nach Jahren bei Eintracht Frankfurt und Wormatia Worms.

Im gelungenen Buch über Dragoslav Stepanovic („Lebbe geht weider“, von Peter C. Moschinski und Martin Thein; erschienen im Verlag Die Werkstatt) werden aus dieser Zeit einige Geschichten und Anekdoten zum Besten gegeben, und es zeigt auch, dass Stepanovic stets ein Kämpfer auf dem Rasen und außerhalb gewesen ist, nie vergaß er, wie er in Jugoslawien einst aufgewachsen ist und erzogen wurde. Im Buch auch immer wieder veranschaulicht, was für ein sensibler Familienmensch Stepanovic ist – ja, die Familie, die Sippe, gab ihm immer Kraft, mit seiner Frau Jelena gibt Stepi seit über 40 Jahren ein „Dreamteam“ ab.

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Dass sich Weltfußball-Legende Pelé zu seinem Abschiedsspiel ausgerechnet das jugoslawische Team wünschte, hatte auch Gründe, wie im Buch beschrieben wird. Jugoslawiens Nationalteam galt als die „Brasilianer des Balkans“ und damit auch Europas. Das Spiel fand am 18. Juli 1971 statt.Vor 182.000 Zuschauern endete das Match 2:2 !

Und im Team der Jugoslawen waren neben Stepanovic eben auch Dragan Holcer (früher VfB Stuttgart), Ilija Petkovic oder der Wirbler und Goalgetter Dragan Dzajic. Johann Cruyff soll einmal nach einem Match gesagt haben, „also Dzajics haben wir viele im Team, aber viel zu wenige Stepanovics“.

Geprägt wurde Stepis Trainerlaufbahn von Gyula Lorant und später vom anderen serbischen Erfolgstrainer Branko Zebec (der zu früh alkoholkrank verstarb, den modernen Fußball aber wie kein anderer mit-prägte in der Bundesliga).

Zebec meinte einmal zu Stepanovic: „Wenn Du als Jugendtrainer beginnst, bleibst Du Jugendtrainer. Wer als Co-Trainer beginnt, bleibt Co-Trainer. Daher nehme ich Dich nicht als Co-Trainer…“ Das saß. Stepanovic beherzigte den Tipp, und wurde gleich Cheftrainer  vor der Haustür beim FSV Frankfurt in der Oberliga. Das Unternehmer-Paar Thorhauer, die Frau von Werner Thorhauer insistierte nach dem ersten Kaffeeklatsch, „Du musst Stepi nehmen, das ist unser Mann“. Stepanovic brachte schon damals modernen Fußball ein, seine Handschrift. Erst am letzten Spieltag ging der Aufstieg noch verloren mit einem jungen willigem Team. Zwischendurch, als einmal der Tank des Busses gar leer war auf den letzten Metern, ließ Stepi den Bus von den Spielern schieben, auch er packte mit an. Stepanovic pur. Am Ende fehlte auch das Geld für Stepi: „Werner, es ist Schluss“, verabschiedete sich Stepanovic.

Beim Nachbarn Rot-Weiss-Frankfurt, ebenfalls ein Traditionsclub in der Hessenmetropole, heuerte Stepanovic danach an. Wolfgang Steubing, Fußballfreund und Mäzen, kannte Stepi bereits aus Besuchen in dessen Kneipe „Stepis Treff“ im Hessen-Center, geführt von Stepis Ehefrau.

Rot-Weiss bestückte das Team u. a. mit Armin Kraaz, doch im ersten Jahr blieb der Aufstieg aus. Rot-Weiß schien aber echt Kult zu werden, erinnern sich etliche Journalisten noch Jahre später. Es wurden Pressekonferenzen abgehalten zwischen Blödelei und Glamour – der Champagner fehlte nie -, Stepi paffte Zigarillos und nebelte den Containerraum ein – aber der Serbe war immer bemüht, Sachlichkeit und Fachwissen, das er ja hatte, einfließen zu lassen.

Und Stepi, sah irgendwann den großen Blonden, Jürgen Klopp, und wollte diesen Spieler unbedingt haben. Stepi bekam ihn. Auch wenn Klopp erst mit Anlaufschwierigkeiten in Fahrt kam, er erinnert sich noch gern an die Hessenliga und die Meisterschaft mit Stepanovic: „Die Hessenliga war eine ganz ganz geile Liga. Auf Grund der vielen Traditionsvereine wie Kickers Offenbach, FSV Frankfurt (…) kam es immer zu emotionsgeladenen Derbys…“, so die Meinung von FC Liverpool-Coach Klopp. Der große Blonde Klopp spielte Fußball, um sein Sportstudium zu finanzieren. Näher kamen sich beide, Kloppo und Stepi, nach der ersten gemeinsamen Zigarette: „Kloppo, wenn ich gewusst hätte, dass Du rauchst, hättest Du von Anfang an gespielt“, so Lebemann Steppi. Und Klopp noch Jahre später über Dragoslav Stepanovic: „Es war ein außergewöhnliches und ereignisreiches Jahr, das mich mit Stepi verbindet. Er war der witzigste Trainer, den ich je hatte.“ Was auch zeigt, dass in einem erfolgreichen Team auch die Stimmung positiv sein muss – und eines ist sicher, Tipps und moderne Spielpraktiken schaute sich Klopp auch bei Stepi ab.

Es kam zur schönen und dann doch erfolglosen Episode bei der Eintracht. Noch heute sitzt der Stachel in der Fangemeinde. Nah am Titel – vorbeigehuscht. Am letzten Spieltag verlor die Eintracht die Meisterschaft 1992 in Rostock, das schon abgestiegen war. Christoph Daums VfB Stuttgart gewann last-minute in Leverkusen. Dieser Spieltag beinhaltet immer noch die ganze Leidenschaft und Tragödie des Fußballs – evtl. nur noch zu vergleichen mit Bayerns Niederlage gegen Manchester United, oder Schalkes Tränen um die verlorene Meisterschaft anno 2000/01. Die Eintracht hatte den bis dato schönsten Fußball seit Jahren gespielt, mit einer Leichtigkeit, wie sie eben nur Stepanovic verkörperte. Das Team folgte und gehorchte, obwohl es intern oftmals rumorte – zu groß waren sie, die Egos von Uli Stein, Uwe Bein, Andreas Möller oder Manfred Binz.

Uli Stein, der Hamburger beschrieb die damalige Zeit mit Stepanovic so: „Er war so anders als alle Trainer. Trotz seines wachsenden Ruf als Paradiesvogel, war er auf dem Platz immer professionell und traktierte die Spieler mit der von ihm favorisierten Spielform…“. Das Pressing, oder Forechecking, die Gegner früh unter Druck setzend.

Auch hier der Beweis, Stepanovic war durch eigene Erfahrungen und Einflüsse seiner Zeit voraus, bzw. er hielt an der Spielphilosphie eines Zebec, Lorant und auch Happel fest.

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Spektakel gehörte einfach dazu, unter der Woche im Trainingsanzug, am Spieltag dafür im feinen Zwirn, polierte Schuhe, die Zigarillo im Mundwinkel (nach der Kritik einer Lehrerin, hörte Stepi mit dem Rauchen sofort auf) – so stand Stepanovic da. Spiele seiner Eintracht waren schließlich „Feiertage“. Stepi war Motivator und Psychologe zugleich. Mit viel Fingerspitzengefühl. Nach einem schwachen Spiel gab der Trainer Andy Möller (heute Co-Trainer Ungarns neben Bernd Storck) vier Tage frei, und der dankte es dem Trainer im nächsten Match mit einer Topleistung.

Namen der Gegner auf der Tafel? Nicht bei Stepi. Das eigene Spiel stand im Vordergrund.

Vor dem entscheidendem Match in Rostock, kasernierte Stepi das Team drei Tage im Trainingslager – rückblickend war es wohl etwas zu lang. Ein anderer setzte auch auf Psychologie: Christoph Daum, der schickte seinen Assistenten ins Hotel der Eintracht, einfach so – als Spion und um im Foyer ein Zeichen zu setzen, „wir sind da“ – Stepanovic fluchte Koch hinterher.

Im letzten Spiel wuchs Rostock als Absteiger über sich hinaus, die Eintracht wirkte gehemmt, und als sie endlich wollte, konnte sie nicht mehr.  Rostock, 16. Mai 1992, 17:17 Uhr, die Gewissheit war da: Frankfurt war nach einer tollen Saison doch nur Dritter. Bis heute schwirren noch Verschwörungstheorien im Raum umher, jedoch nur bei den Eintrachtfans. Es kam dann, während Stepi in der Pressekonferenz in Gedanken und Erinnerungen seines Lebens nachhing, zum oft zitierten und geflügelten Satz: „Lebbe geht weider“. Schließlich hatte Stepi in seiner Zeit als Kind, vieles, und nicht nur Schönes, gesehen und erlebt. Der Fußball ist eine (leidenschaftliche)Nebensache, das solle man sich immer vor Augen halten. Um seine Spieler, die in der Kabine heulten, täte es ihm schon leid, sagte er und gratulierte offen und ehrlich dem VfB zum Gewinn der Meisterschaft.

Stepanovic gehörte somit dennoch zu den erfolgreichen Trainern, die den Offensivfußball schon früh überzeugend vermitteln konnten. Dass Stepanovic gar den DFB-Pokal mit Leverkusen holte, Bernd Schuster und Rudi Völler trainierte, bei Bilbao und in Ägypten sowie in China Spuren hinterließ, ist eine andere Geschichte. Nachzulesen im Buch „Lebbe geht weider“, Verlag die Werkstatt.

 

Giovanni Deriu

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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