Trainer-Karriere und Biografie: Teil I, Ex-Profi Antonio Conte, Meistertrainer und Fußballverrückter schlechthin! Auf der Suche nach dem perfekten Spiel, auch ohne Ball-Künstler

Ein Mann geht seinen Weg. Stets wirkte Antonio Conte auf uns irgendwie skurril, und tut es zwar noch immer, aber wir haben „unseren“ Frieden mit ihm gemacht – und Conte selbst wohl auch mit uns. Dass Conte ein ausgewiesener Experte und Stratege ist, bewies er einmal mehr in der Englischen Premier League. Aber bereits in Italien mussten wir zugestehen, dass er dem Fußball viel gibt. Als, zugegebenermaßen, JUVE-Sympathisanten, sahen wir ihn trotz dreier Meisterschaften in Folge immer (noch) kritisch, weil wir dachten, dass er zum edlen Club Juventus einfach nicht passe – Conte spielte zwar einst für „la vecchia Signora“, gewann gar die Champions League gegen Ajax Amsterdam damals (Conte ackerte im defensiven Mittelfeld), aber durch seine Verbands-Sperre, Conte soll anscheinend Manipulations-und Bestechungsversuche an Spieler seines Teams beim AC Siena damals nicht angezeigt haben, blieb immer ein kleiner Makel an Contes Weste kleben. Seinen Frieden fand der Süditaliener aus Lecce am Stiefelabsatz Italiens, nach einer emotionalen Pressekonferenz, in der er die Medien wegen seiner Vor-Verurteilung anklagte, aber auch dadurch fand er Genugtuung, dass ihn Fußball-Italien als Nationalcoach zu „lieben“ begann. Obwohl sein Wirken als CT (Commissario Tecnico) der Squadra Azzurra letztendlich nicht belohnt wurde bei der Europameisterschaft in Frankreich (Viertelfinal-Aus gegen Deutschland nach Elfmeterschießen; 1:1, 5:6), verpasste Conte den Azzurri einen neuen Anstrich, eine neue Identität quasi. Italien konnte wieder stolz sein auf die Spielweise und auf die Talente im Nationalteam. Es war von Beginn an klar, dass Conte die Nationalmannschaft nach rund zweieinhalb Jahren in Richtung Chelsea verlassen würde.

Jedenfalls haben wir uns hier die Mühe gemacht, Material über Antonio Conte und dessen Wirken seit Jahren zu sichten und zu analysieren – was treibt ihn an, wie tickt der „Conte“(Graf), Antonio? Seine Spieler gehen für ihn durchs Feuer, er kann Spieler und Team-Mitglieder „entzünden“ und motivieren, nach außen wirkt er jedoch immer unnahbar, skeptisch und auch verletzt. Über 260 Stunden sind wir über Textauszüge und Videoausschnitte gesessen – natürlich über einen längeren Zeitraum hinweg, und wir sehen den Mann nun etwas klarer, ja, er kann tatsächlich faszinieren…

Ein Süditaliener, wie er im Buch steht, eitel (sein lichtes Haar als Spieler, ließ er sich später durch eine Transplantation auffüllen), emotional und stolz, ist Antonio Conte. Aber auch sehr menschlich und ansteckend, was seine Lebensfreude (bei allen Zweifeln) angeht. Als Spieler stets ein Leisetreter, doch als Trainer ist Conte bereits mehrmals „ausgetickt“, zuletzt auch gegen Mourinho (wir berichteten). Besonders wenn es darum ging, die (beinahe) verloren gegangene Ehre wieder herzustellen. Bis heute, und das betont Conte immer wieder, sei er „unschuldig“ – er habe und hatte mit Manipulationen gar nichts am Hut. Die Zeit als Trainer beim AC Siena wirkte quasi nach. Es schien als erwiesen, dass Conte wohl mehr gewusst habe, als er später zugab, wohl, um seine Spieler zu schützen, oder weil er damals die Tragweite nicht richtig einschätzte? Jedenfalls wurde Contes festgelegte „Fußballsperre“ von zehn auf später vier Monate reduziert. Eine schwere Zeit begann, denn sie fiel in die erste Saison und Betreuung von Juventus Turin. Der „Mister“, gerade mit dem AC Siena (wie davor schon mit dem AS Bari) in die Serie A aufgestiegen, musste von nun an Juventus „auf Abstand“ – aus der Kabine und von der Tribüne mit Vollmacht an den Assistenten, coachen. Die Abrechnung mit den Medien und dem Verband kam dann in einer (von vielen weiteren) denkwürdigen Pressekonferenz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor etwa vier Jahren, sprach er als Juve-Trainer Klartext in einer „PK“, flankiert von Mitgliedern des JUVE-Vorstands und von seinem Anwalt, es schien, als hätte sich Conte lange darauf vorbereitet, es war eine Art Abrechnung mit den Medien, aber auch mit der Fußballgerichtsbarkeit, den Anklägern, die Antonio Conte als „schuldig“ angesehen hatten, weil der Coach eine Bestechungsanfrage an zwei Spieler seines Teams (anscheinend) nicht gemeldet hatte. Die „PK“ begann Conte eher ruhig sprechend, also einem „piano“, doch er steigerte sich am Ende in ein mezzoforte bis fortissimo! Es war ein Rundumschlag, und er fühlte sich im Hause Juve sicher – Conte, ist ein „Juventino“ durch und durch, und wird es auch immer bleiben. Hier Auszüge aus seiner Pressekonferenz von damals:

Die Hände gefaltet, das Hemd drei Knöpfe weit offen zum dunklen Sakko, sprach er also,

…(Ich) fühle mich verfolgt und ausgebremst von einer Gruppe, einem Syndikat, das mich verfolgte, obwohl ich unschuldig bin. (Conte reibt seine Hände) Ich habe mich immer fair und ehrlich verhalten. Aber ausgerechnet die Leute, die für Fairness und Gerechtigkeit sorgen sollen, verdächtigen mich und verfolgen mich. Sieben lange Monate wurde mein Gesicht öffentlich mit dieser Sache (Spielwetten) in Verbindung gebracht, im Zusammenhang mit Manipulation und Sportwetten, obwohl ich so etwas noch nie gemacht habe. Ich beteilige mich nie an Sportwetten. Es heißt, vor dem Novara-Siena-Match wären meine Spieler manipuliert worden, und ich hätte es gewusst… (Conte nestelt in seiner Sakkotasche, hält inne, vier, fünf Sekunden) War jemand dabei, ja? Hat jemand meine Kabinenansprache damals verfolgt? Ja?

(Nun stützt er sich auf der Armlehne des Stuhles ab, hebt seinen Körper leicht an, und legt los) … Es ist der Zeitpunkt gekommen, um ein paar i-Tüpfelchen hinzuzufügen, i-Tüpfelchen der Wahrheit! Ich habe das Team damals nach bestem technischen wie taktischem Gewissen und Können eingestellt. Aber man wirft mir vor, ich hätte etwas gewusst und nicht weitergegeben. Das Spiel endete 1:1, nun sagen und behaupten die Leute ich sei unglaubwürdig… Ich bin und war unschuldig, wie andere auch, aber so etwas kann jedem passieren, auf Grund von Behauptungen angeklagt zu werden. Es ist eine Schande, Schande, heute kann ich es genauso sagen…eine infame Beschuldigung, man wollte mir schaden.

Kennen mich diese Leute? Wie ernst ich meinen Beruf ausübe, den ich so liebe? Als Trainer gebe ich alles, in erster Linie verlange ich das meiste von mir, dann von den Spielern, und danach erst vom Club…

(Contes Körpersprache war nun aktiv, und irgendwie theatralisch aber dennoch authentisch. Er rieb sich die Schläfen, und wieder eine Pause von zehn Sekunden)

Wen oder was sollte ich anzeigen oder denunzieren, wenn ich von nichts gewusst habe? Soll ich mir in Zukunft eine Kamera auf den Kopf montieren (und Conte führt es mit seinen Händen anschaulich vor), damit mein ganzer Alltag aufgenommen wird, damit mir jeder glaubt? Was mit mir passiert ist, vergesse ich nie, es war eine falsche und infame Anschuldigung… Danke.“

So hatte sich Antonio Conte richtig Luft gemacht, und im Nachhinein hatte man den Eindruck, dass ihn diese „Affäre“ noch gestärkt hat, dass das Team noch enger zusammengerückt ist – Juves Erfolge, drei Meisterschaften in Folge, zwei italienische Supercup-Siege, sprechen für sich. In drei Jahren verlor Conte als Trainer mit seiner „alten Dame Juve“ nur zwei Heimspiele! Und in seiner ersten Saison blieb Juve ungeschlagen, in seiner letzten als Trainer von Turin kam Conte auf einen Rekord von 102 Punkten. Der ehemalige Juve-Profi-Spieler hatte Juventus wieder das Gen der „Unbezwingbarkeit“ eingepflanzt. Milans Hochphase war wieder beendet. Selbst Massimiliano Allegri, Contes Nachfolger, profitierte von dessen Vorarbeit. Danach wurde er Nationalcoach. Als Spieler gewann Conte nicht nur Meisterschaften, sondern auch die Champions League(gegen Ajax) sowie den Uefa-Pokal (gegen Borussia Dortmund). Leider erreichte Conte eben keinen internationalen Titel mit seinem Juventus als Trainer. Bereits bei seinem Einstieg als Trainer beim ehemaligen FIAT-Eigner-Club, Juventus, stellte er fest, dass Juventus das Siegen wieder neu erlernen und die Juve-Mentalität verinnerlichen müsse. Bei Juventus zu sein, ob als Spieler, Trainer, Zeugwart oder im Sekretariat, würde immer auch verpflichten, alles zu geben!

Der Trainer Antonio Conte von heute, wäre vielleicht ein ganz anderer, hätte er als Profispieler von 1992 bis 2004 bei Juve, nicht folgende Trainer erleben dürfen – Antonio Conte, der stets eine Art Wasserträger für die Offensivkünstler gewesen ist, trainierte unter: Giovanni Trapattoni, Marcello Lippi (zweimal), und Carlo Ancelotti ! Allesamt charismatische und erfolgreiche Trainer. Als Nationalspieler wurde Conte von Arrigo Sacchi 1994 bei der WM in den USA eingesetzt. Conte wurde Vize-Weltmeister.

Conte sammelte also Einflüsse, und ging dabei aber stringent seinen eigenen Weg als Trainer – geschuldet der sich verändernden Zeit – „nichts bleibt stehen, alles entwickelt sich“, nur die Regeln im Team würden für alle gleich sein und gelten, auch Conte ist ein Verfechter von Disziplin im Kader – bei allen Freiheiten.

Als der Sender Sport-Sky während der ersten Saison von Conte einmal nah am Trainingsgeschehen war, Bilder in die Wohnzimmer sendete, bekamen nicht wenige Zuschauer und Juve-Fans Gänsehaut, denn zu vernehmen waren Bruchstücke seiner Ansprache an die Spieler, acht Spieltage vor Saisonende, und Juventus war immerhin ungeschlagen, hier die Auszüge, von denen selbst der Reporter und das Moderationsteam berührt und begeistert waren:

„Lasst uns nach vorne schauen, wer vor uns steht… wir sind so weit gekommen. Wir haben eine Reife erlangt, so dass wir nun auch endlich alles geben können bis zum Ende. Wie ich bereits gesagt habe, die anderen müssen unbedingt den Titel gewinnen, wir wollen ihn aber. Wir dagegen lassen nicht nach, bis zum Ende müssen wir noch einige Male Blut spucken, und außerdem möchte ich bis zum Saisonende keinen oberflächlichen Einsatz sehen, weder im Training noch im Spiel. Denkt an das Juve-Stadium, an die Fans, welchen Aufwand sie aufbringen, um uns zu sehen…“

Der Reporter sprach später von Contes „Geist und Spirit“, der alle elektrisiert habe. Schließlich sei es auch keine normale Ansprache gewesen, sondern eher eine, wie man sie nach einer Niederlage erwartet hätte. Juve blieb ungeschlagen…

 

 

 

 

 

Fortsetzung folgt, über seine Zeit als Nationaltrainer der Azzurri, bis hin zur Eroberung von Chelsea und der Premier League…

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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