Das Scouting und die Beobachtung von Spielern: Am Ende sollte eine ganzheitliche Auswahl stehen

Frei nach Louis Van Gaal und dessen Mitarbeiter-Stab:

Scouting und Spielerauswahl

Eine Scouting-Abteilung, aber auch der einzelne Mitarbeiter, der Scout, der festangestellt wie freiberuflich für Clubs Spiele, aber vor allem, Spieler (mögliche Neuzugänge) beobachtet, hat das ganze Jahr über zu tun. Eine Saison ist lang, viel kann passieren, und manchmal handelt der suchende Verein bereits zu den geöffneten „Transferfenstern“ Ende Dezember bis Ende Januar, quasi zur Halbserie der laufenden Saison.

Viel Aufruhr und Unruhe beinhalten die Monate April, sowie der Mai bis hinein in den Juni, wenn Spieler auf „Reisen“ gehen, um Probetrainings zu absolvieren. Aber, bereits während der laufenden Saison werden Probetrainings manchmal möglich gemacht. Wichtig dabei, dass der bisherige Club des Spielers, das Okay dafür gibt. Geheimniskrämerei und Lügen schaden eher. Kommunikation und Offenheit prägen den (Junioren-)Spieler-Bereich.

Besonders zwischen der 1. Bundesliga und 3. Liga herrscht ein festgeschriebenes Übereinkommen, mehr als ein „Gentlemen’s Agreement“, dass sich die Vereine mit Nachwuchsleistungszentren (NLZ) darüber informieren, wenn Spieler empfohlen oder „angeboten“ werden, und wenn man sie direkt kontaktiert. Eine Kontaktaufnahme sollte bereits vorab mitgeteilt werden.

(Bsp: ein Spieler meines kleinen und überschaubaren „Spieler-Pools“, den ich einst betreute – der Kontakt besteht noch – hatte eine Einladung zum Probetraining nach Italien, zu einem Serie A-Team im Juniorenbereich; ich habe das offizielle Einladungsschreiben und setzte den Jugendkoordinator und Trainer ins Bild darüber. Der Verein jedoch wollte den Spieler behalten, und gab keine Genehmigung für ein „dreitägiges Probetraining“ in Italien; auf Dauer sind Verbote für Probetrainings natürlich nicht umzusetzen, wenn sich Spieler und Familie bereits für einen Wechsel entschieden haben!)

Die Scouts, einige legen Wert darauf, nicht erkannt oder gekannt zu werden, sind also immer auf Beobachtungstour – mit oder im Auftrag des jeweiligen Club, aber auch in Personalfunktion als Scout und Vermittler (in diese Kategorie fällt auch meine Tätigkeit hinein).

Das Scouting wird auch von vielen ehemaligen Profis betrieben und/oder geleitet. Ein Scout muss stets upgedated sein, wonach er suchen und welchen Spielertyp er beobachten soll. In einer gut funktionierenden Scouting-Abteilung laufen alle Spielerdaten und Analysen von Spielen (den Gegnern, dem kommenden Gegner?) zusammen. Diese Daten werden immer wieder aktualisiert, die Datenbank wird je nach Mitarbeiterstab und Größe der „Manpower“ gefüttert.

Aber worauf kommt es wirklich an?

Hier haben einige Clubs mit ihren Scouts unterschiedliche Sichtweisen, je nach Bedürfnissen, könnte man meinen.

Nichtsdestotrotz möchte ich hier ein paar „allgemeingültige“ Punkte und Regeln auflisten, die ich u. a. aus der zweibändigen Biografie von Louis Van Gaal (momentan Coach bei Manchester United, davor Hollands Nationaltrainer und Double-Gewinner mit den Münchner Bayern) übernehme, im Wissen, dass es viele gut aufgestellte Teams ebenso machen.

Man liest heraus, teils sind es die authentischen Beschreibungen des langjährigen Mitarbeiters von Van Gaal, Andries Jonker (vergangene Saison noch Co-Trainer beim VfL Wolfsburg und verantwortlich auch für die U23, jetzt in England Leiter der Nachwuchsabteilung von Arsenal London), dass ein gelungenes „Scouten“ viel mehr beinhaltet, als nur das fußballerische Talent.

Man könnte auch etwas pädagogisch schreiben, es gehe um eine umfassende ganzheitliche Beobachtung und Analyse!

Im Buch wird Andries Jonker wie folgt zitiert: „Louis (Van Gaal) kann nur mit Spielern arbeiten, die weiterkommen wollen und ständig bereit sind, an ihre Grenzen zu gehen.“

Und außerdem beschreibt Jonker seinen Chefcoach: „Louis achtet bei der Auswahl auf zwei Dinge: Die fußballerischen Qualitäten und darauf, ob jemand in das Arbeitsklima passt.“

Louis Van Gaal (und hoffentlich viele andere auch) möchte auch sehen, wie sich ein Spieler verhält und entwickelt, wie aufgeschlossen er ihm gegenüber ist, aber auch gegenüber dem Physiotherapeuten, dem Pressesprecher, sowie gegenüber der Küchenhilfe!

Nicht nur Trainer Van Gaal setzt sich intensiv mit den Spielern auseinander, immer mehr tun das, sie wollen verstehen, warum ein Spieler „so und so tickt, und nicht anders“. Wir alle werden täglich von verschiedenen Umwelt-Einflüssen und Sozialisationen sowie von einer Schnelllebigkeit beeinflusst. In psychischer Hinsicht könne man mehr erreichen, wenn man sich mit den Spielern auseinandersetze. Ein Spieler lässt sich eher von Oberflächlichkeiten ablenken (fliegt am trainingsfreien Tag zum Shoppen im Privatjet nach Mailand, der andere Spieler wiederum ist fokussierter und trainiert für sich; und dennoch sind beide Spielertypen wichtig fürs Team), ein anderer denkt mehr über Verbesserungen im Leistungsbereich nach.

Mit seiner Freizeit kann zwar jeder anfangen, was er für richtig hält – doch ist auch Alles was der Spieler tut immer seiner Leistung und der des Teams zuträglich?

Nun tragen  gewiefte und wache Scouts bereits vorab viele Informationen aus Beobachtungen auch außerhalb des Spielfeldes zusammen.

So ist Van Gall und sein Assistenz-Trainer Co Adriaanse bei Ajax Amsterdam auf folgende Formel, bzw. auf folgendes Modell gekommen:

T E P S

 

T E C H N I K

 

E I N S I C H T

 

P E R S Ö N L I C H K E I T

 

S C H N E L L I G K E I T

Die Persönlichkeit, so Louis van Gaal in seiner sehr interessanten Biografie (wo auch Trainingsübungen geschildert werden), käme für ihn heute an erster Stelle.

Rinus Michels, Hollands bereits verstorbene Trainer-Legende, prägte beim KNVB (niederl. Verband) das Modell  TEK.   Technik, Einsicht, Kommunikation.

Lange blieb auch Van Gaal TEK treu, doch die Kommunikation, die definitiv wichtig ist, wird in der Persönlichkeit angesiedelt.

Für jeden Scout und jedes Scouting gibt es natürlich Programme.

Nur, was beobachtet man genau, wird man dem Spieler und den Vorgaben gerecht? Beobachtet man nur den Spieler, wenn er am Ball ist, sieht man vielleicht nicht mehr als drei Minuten von ihm.

Viel öfter ist ein Spieler nicht am Ball – Und genau in diesen Momenten, beschreibt Louis Van Gaal, kann man einen großen Teil von seiner Persönlichkeit und seinem Einsatz sehen.

Es muss also hervorgehen, so weiter im Buch von Louis Van Gaal, wie bewegt sich der Spieler: das Positionsprofil.

Daraus liest der Coach wiederum, in welchem System und mit welcher Spielweise, also in welchem Kontext, die Position besetzt werden soll!

Van Gaal pocht(e) darauf, dass Talentscouts sich auch mit der Person des Spielers auseinandersetzen sollen.

Etlichen Assistenten, darunter auch José Mourinho, zeigte Bayerns Ex-Meistertrainer, worauf sie beim Scouting Wert legen sollten. Worauf z.B. Mourinho bei der Analyse achten sollte. Van Gaal: „Das war gar nicht so einfach, denn Mourinho hatte eine ganz andere Persönlichkeit als ich und sieht deswegen andere Details, und auch seine Arbeitsweise unterscheidet sich von meiner.“ Van Gaal und Mourinho arbeiteten überaus erfolgreich zusammen beim FC Barcelona. Dass Mourinho als Co-Trainer und Analyst gut aufgepasst zu haben scheint, zeigte „Mou“ als er mit Inter Mailand (defensiv)  2:0 gegen Bayern München und dessen Lehrmeister Van Gaal die Champions League gewann.

Beide schätzen sich sehr, und sind für konstruktive Kritik stets offen.

Fazit: Jeder Club, jeder Trainer, hat eine eigene Spiel-Philosophie und sucht für diese die geeigneten Spieler. Der Scout hat die Aufgabe, Spieler zu sichten und zu finden, die in ein vorgegebenes Raster/Profil passen. Mehrmals werden Spieler auch von zwei verschiedene Scouts gesichtet. Oftmals fallen beobachtete Spieler auch durch, wenn es zu viele Abweichungen gibt.

Und wir lernen, Talent und Technik ist nicht ALLES!

Auf diesem Blog sollen auch Scouts, denen ich begegne(te) vorgestellt werden, sowie vor allem deren tägliche Arbeit.

Fortsetzung folgt…

 

 

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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