Silvio Berlusconi: Ein bisschen „Bungabunga“, viel Politik und Leidenschaft zum Fußball! Ein Liebesbrief zum Abschied an den AC Milan

Es kommt sogar ein bisschen Wehmut auf, denn nun neigt sich die Ära Silvio Berlusconis beim AC Milan sehr schnell dem wahren Ende zu. Nicht nur, dass der frühere italienische Ministerpräsident (die Partei „Forza Italia“ kreierte der Selfmademan ruckzuck aus einem politischen Vakuum heraus) kränkelte, nein, mit ihm befand sich der einst so große AC Milan seit rund sechs Jahren im Wachkoma. Zu weit zurück liegen die Erfolge des AC Milan Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre. Immerhin gewann nach Arrigo Sacchi und Fabio Capello, auch Carlo Ancelotti 2003 und zuletzt 2007 die Champions-League. Danach folgte eine Durststrecke im Schatten von Inter Mailand und Juventus Turin in den vergangenen Jahren. Kaum genesen von seiner Herzoperation, rang sich Silvio Berlusconi dazu durch, den Familienbesitz am AC Milan, also quasi den gesamten Club, an die chinesische Sino-Europe-Group um den neuen Präsidenten, Li YongHong, zu verkaufen. Als einen Akt der Liebe und Großzügigkeit stellte es Präsident Silvio Berlusconi in einem echten „Liebesbrief“ an die tifoseria rossonera in der Sportzeitung „Corriere dello Sport“ vom 12. August dar. In Sachen Marketing, macht einem Berlusconi so schnell keiner etwas vor.

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Vor knapp sechs Jahren war der AC Milan das letzte Mal italienischer Meister. Davor und danach folgten erst die Herrschaftsjahre des Stadtnachbarns INTER Mailand, danach die Erfolgsstory von Juventus Turin. Dass die Turiner zum wiederholten Male das Scudetto gewannen, und dies mit Trainer Massimiliano Allegri, wurmt den AC besonders – denn Allegri war es, der den AC Milan anno 2011 zum Titel verhalf – und danach mit dem zweiten und dritten Platz nacheinander fort gejagt wurde. Übrigens wurde Allegri beim AC Milan immer als Marionette Berlusconis belächelt. Zu schwach sei dieser Trainer hieß es, um sich vorm allmächtigen Präsidenten Silvio Berlusconi, selbstbewusst zu behaupten. Doch wer konnte das schon? Überall redete Berlusconi mit, oder, wollte mit reden. Clever waren einst die herrschenden, weil erfolgreicheren Trainer, wie Arrigo Sacchi (Gründer des Milan-Mythos), Fabio Capello oder eben, dem neuen Bayern-Trainer, Carlo Ancelotti. (lesenswert auch: „Ricky, geh mal fünf Minuten in die Spitze“) –  http://rund-magazin.de/news/1180/26/Ancelotti-und-Kaka/

Jedenfalls hat Silvio Berlusconi Geschichte geschrieben, so oder so, allein er verhalf den einst gebeutelten und gar zwangs-abgestiegenen AC Milan wieder zu Ruhm und Ehren. Im sehr interessanten und gut recherchierten Buch, „Berlusconi – Showmaster der Macht“, Die Biographie, von Giovanni Ruggeri und Mario Guarino, wurde bereits 1994 Berlusconis sagen- wie zweifelhafter Aufstieg beleuchtet. Woher nahm dieser Mann, mit Charme und Geltungssucht, nur das viele Geld her, welche Freunde stützten ihn? So blieb Berlusconi in all den Jahren, auch während seiner Politikerlaufbahn, der größte tifoso des AC Milan, aber auch immer ein Mann zwischen Populismus und obskurer Bekanntschaften(nah zur Mafia) – nur, aus jeder noch so heiklen Lage vermochte sich Berlusconi irgendwie zu befreien – und selbst die verdonnerten Sozialstunden in einem Altenheim, „verkaufte“ der ehemalige Politiker und Minister als Erfolg, seht her, ich Silvio, helfe den Alten. Empathie strahlte Berlusconi wie kein anderer aus, denn seine Befürworter sehen ihn, wie er selbst sich übrigens auch, sowieso als Opfer der linken Gewalt. Die Kommunisten sind gegen die Liberalen wieder am Werk. Übrigens zähl(t)en zu Berlusconis dicksten Freunde immer noch Putin und Erdogan. Machtmenschen und Populisten, ja, Menschenfänger, unter sich. „Bungabunga“, Liebesspiele mit jungen Mädchen? Ach geh, eine Erfindung der bösen Medien, Berlusconi untergejubelt.

Berlusconi, der Erfinder des Privatfernsehen, zahlreiche Hochhaus-Wohnungen stattete er mit Satellitenschüsseln aus, bereits Anfang der 1980-er Jahre, und strahlte eingekaufte „Schnulzen“ aus Amerika aus, ließ seine eigenen Werbesendungen produzieren, und bemerkte, wie der Fußball ihn selbst neu erstrahlen und sein Unternehmen stetig wachsen ließ.

Am 24. März 1986 fand im „teatro Manzoni“ die erste Versammlung der Milan-Aktionäre statt. Da bereits wurde Berlusconi als erster Vorsitzender in den Verwaltungsrat gewählt. Es dauerte keine zwei Jahre, um die Aktionäre davon zu überzeugen, dass er, nicht nur mit PR-Kenntnissen und Geld ausgestattet, der richtige Mann an oberster Stelle sei. Überall, so Berlusconi, habe er sich daran gewöhnt, der „Erste zu sein“, ja, er würde es sich wirklich zu Herzen nehmen, „wenn ich im Fußball nur den zweiten Platz erreichte.“ Aus einem Club kurz vor dem „Bankrott“, machte König Silvio einen internationalen Welt-Club.

Das merken nun auch immer mehr die chinesischen Investoren, mit ihren im Westen gut ausgebildeten Managern. Außerdem soll der chinesische Fußball wachsen, möglichst schnell, und mit einem europäischen Club als Vehicle, sowie mit einer großen Fangemeinde wie die des AC Milan, lässt sich viel Geld gewinnen und der Einsatz schneller amortisieren.

Jedenfalls wurde selbst der Verkauf des großen AC Milan von Berlusconi als selbstloser Erfolg „verkauft“. Montella ist der neue Trainer, immerhin, eigentlich wollte der AC Milan  Frank de Boer von Ajax, aber auch da war Konkurrent INTER Mailand schneller. Die tifosi rossoneri wurden schon ungeduldig, Geld musste her, und bitte, bitte, endlich auch Stars, die den AC Milan wieder kompetitiv machen!

Schmachtend, eben wie ein alternder Liebhaber, der nicht mehr viel Kraft hat, und wer weiß, vielleicht (s)ein Ende nahen sieht, griff Berlusconi zur Feder, und schrieb einen Liebesbrief zum Abschied:

„Ich übergebe mein Milan als Akt der Liebe.

Vor 30 Jahren kaufte ich den AC Milan aus großer Liebe, und nun gebe ich ihn aus einem Akt noch größerer Liebe her. Ich vertraue meine Liebe, den AC Milan, einer Gruppe an, die die richtigen Ressourcen und finanziellen Kräfte hat, um den Club wieder international so heraus zu bringen, wie er es verdient hat, und dorthin zu bringen, wo der Club schon einmal stand.

Ich bin natürlich einmal mehr sehr berührt und es schmerzt mich sehr, aber ich bin auch froh, dass ich dem Club noch einmal nur zum Besten dienen kann.

Ich bin auch stolz darüber, in den vergangenen 30 Jahren einen Club geführt und zu Ruhm verholfen zu haben. Ja, einen Club, der die meisten Titel in den drei Jahrzehnten gewonnen hat. Ich erinnere mich an alle großen und erfolgreichen Spieler, Trainer und Manager, die mit Milan die Erfolgsgeschichte geschrieben haben, und weiterhin Teil der Milan-Familie sind. Ich danke allen, die Teil der außerordentlichen Erfolge Milans in Italien, Europa und in der Welt gewesen sind. Aber vor allem vergesse ich nie die wahren Gefühle und Emotionen der zahlreichen Rotschwarzen Fans, tifosi rossoneri, der Millionen von Anhängern, die den Club stets angefeuert und verteidigt haben, der war immer größer als jedes andere Team und als jede Ungerechtigkeit, als jeder Neid und jedes Unglück. Mit ihnen stehe ich weiterhin um zu feiern, und mitunter auch zu leiden. Aber ich bin mir sicher, dass wir schon bald wieder gemeinsam Erfolge feiern werden, die der erfogreichen Tradition des AC Milan wieder gerecht werden. Eine feste und rotschwarze Umarmung für jeden von Euch…“

Der AC Milan ist damit in chinesischen Händen.

Giovanni Deriu, Journalist und Sozialpädagoge, beobachtet seit Jahren den italienischen Fußball und analysiert Biographien.

Veröffentlicht von

Giovanni Deriu

Jahrgang 1971, Vater, 2 Kinder, lebte lange Zeit in Asien; Dipl. Sozialpädagoge (FH) für Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie Biographie-Arbeit. Außerdem: Industriekaufmann und gelernter Journalist. Schreibt regelmäßig für das RUND Magazin. Fünf Jahre als Juniorentrainer tätig gewesen mit Jugendtrainer-Lizenz. In Hongkong die Junioren einer internationalen Soccer-Academy trainiert. Weiterhin als Scout (für Spiele und Spieler) unterwegs. Deriu analysiert für Spieler und Eltern die Spielerberater (und Agenturen), erstellt Profile und gibt Einschätzungen.

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