Teil 1, Der Juniorenfachmann spricht: Menschliche und fußballerische Ausbildung ist wichtig

INTERVIEW
„Die Besten der Besten“
 Ralf Rangnick holte ihn einst nach Hoffenheim, nun arbeiten beide gemeinsam  beim FC Red Bull Salzburg.
Ernst Tanner
 Häufig unterwegs: Ernst Tanner, Nachwuchsleiter
und Geschäftsführer der Nachwuchsabteilung von RB Salzburg, kennt flache Hierarchien und Kreativität.

Ernst Tanner führt teilweise ein Leben aus dem Koffer – so war es zumindest im vergangenen halben Jahr und auch noch kurz in die Weihnachtszeit hinein. Als Nachwuchsleiter und Geschäftsführer der Nachwuchsabteilung des FC Red Bull Salzburg nimmt Tanner (48) aufstrebende Talente selbst in Augenschein.
Ob in den „hauseigenen“ RB-Akademien in Brasilien, New York und Russland sowie bei der U17-Weltmeisterschaft in Dubai, Ernst Tanner und sein Team kennen weltweit Talente, die durch intensive und nachhaltige Förderung gegebenenfalls Profifußballer werden können. Lange Zeit prägte Tanner auch die Nachwuchsabteilung von 1860 München, ehe der Nachwuchskoordinator die Junioren und Trainer bei der TSG 1899 Hoffenheim sichtete und weiterbildete.
Interview von Giovanni Deriu.

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Taktikfüchse, die einst auch Praktikanten waren

PRAKTIKANTEN

Wie hat der das gemacht?

Arrigo Sacchi hospitierte bei Ernst Happel, Ralf Rangnick schaute sich Arsène Wengers Training in London an: Selbst im Spitzenfußball waren große Trainer mal Praktikanten. Von Giovanni Deriu.

 

Ralf Rangnick
Taktikfachmann und RB-Sportdirektor Rangnick

Die Generation Praktikum ist im Fußball ein alter Hut: Angehende Fußballlehrer und bereits die Teilnehmer der Vorstufe, die A-Lizenz-Anwärter, müssen zwei bis drei Monate bei Bundesligisten hospitieren. Auch ehemalige Profis wie Bruno Labbadia, Mehmet Scholl oder Stefan Effenberg standen als Praktikanten am Spielfeldrand. Am beliebtesten ist Arsenal London mit seinem Coach Arsène Wenger: Matthias Sammer, Felix Magath und Ralf Rangnick hospitierten bei Arsenal und beobachteten Wengers Training und Umgang mit den Spielern.
 
Jeder angehende Fußballlehrer lernt, dass der Trainer seine Spieler kennen und analysieren muss, welches Konzept am besten zu ihm passt. Nichts ist schlimmer, als eine undefinierbare Handschrift des Trainers, und ein Konzept oder Spielsystem, das die Mannschaft total überfordert. Im Profi-Fußball bleibt keine Zeit, um den Schaden zu beheben.
 
Ralf Rangnick perfektionierte das Pressing und Spiel gegen den Ball, weil er es verstand, die Eindrücke und Erlebnisse seiner Beoachtungen (teilweise auch stundenlang am Fernseher) des AC Milan von Arrigo Sacchi in den späten 80ern zuerst auf den Amateurfußball (SSV Ulm) herunterzubrechen, um ihn dann später noch besser in der Bundesliga zu praktizieren.

Mehrmals gab Rangnick zu, dass das Milan-Team als Schablone galt, ebenso Zdenek Zemans US Foggia. Die schaute sich Rangnick während seines Urlaubs in Südtirol im Trainingslager an. Sein Schlüsselerlebnis war als Rangnick als Spielertrainer von Viktoria Backnang gegen Lobanowskis Kiew spielte. Rangnick dachte immer, das Team von Kiew habe drei Mann mehr auf dem Platz. Als die damalige  UDSSR dann in Stuttgart 1988 während der EM auch noch die Italiener vorführte, schwärmten alle vom Forechecking und Pressing der Russen – dieses Spiel kostete aber Kraft, im Finale von München siegten die Holländer 2:0 gegen die UDSSR. Gerade Goalgetter Marco van Basten und Ruud Gullit aus der Ajax-Schule waren fast ein Jahrzehnt mit verantwortlich für Milans Erfolge unter Arrigo Sacchi und Capello. Letzterer übernahm Sacchis Taktik, jedoch wiederum eine Prise defensiver. Einengen der Räume, wenn der Gegner am Ball war, schnelles Kurzpassspiel und plötzliche Steil- oder Diagonalpässe aus dem Nichts, Rangnick kopierte vieles von Sacchi, und schon war das Märchen der TSG 1899 Hoffenheim geboren. Ganze Heerscharen angehender Trainer aus Japan und China wollten Rangnicks Wunder-System in Sinsheim hautnah miterleben.
 
Egal ob Valerij Lobanowski oder Arrigo Sacchi, auch sie waren gute Beobachter und immer offen für neue Ideen. Ernst Happel, längst verstorben, und immer noch eine Legende in Hamburg, war seiner Zeit voraus, das gaben die Italiener gern zu, denn Ernst Happel holte den Henkel-Pott, damals der Landesmeister-Cup, 1983 gegen die favorisierte Elf von Juventus Turin. Gegen den AC Milan verloren Happels Mannschaften nie, halb Italien und Silvio Berlusconi wollten ihn holen, aber nie folgte der grantige Österreicher den Rufen der italienischen Klubs. Sacchi studierte Happels Training mit dem HSV direkt in Hamburg, und das über zwei Wochen lang. Gespeist mit eigenen Ideen und den passenden Spielern, war eine neue Übermacht geboren.
 
Doch alles ist vergänglich, jede Ära endet irgendwann. Milan, Inter, Barcelona und Arsenal haben das schmerzhaft erleben müssen. Ein Trost bleibt, dass auch bei den neuen jungen Konzepttrainern die Ideen von Happel, Lobanowski, Rinus Michels oder Johan Cruyff weiterleben. Ganz neu erfinden kann den Fußball niemand.

Giovanni Deriu, 43, Freier Journalist und DaF-Dozent

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